# taz.de -- Kahlschlag bei Kinder-Reha: Nachbehandlung von suchtkranken Kindern gefährdet
> Deutschlands größte Reha-Klinik für suchtkranke Kinder in Ahlhorn steht
> vor dem Aus. Rettungsversuche haben laut Träger nur bis 10. Mai eine
> Chance.
(IMG) Bild: Infantile Geschmacksrichtung locken Jugendliche in die Vape-Sucht. Wer da raus will, braucht Therapie, aber auch Nachsorge
Auf dem Spiel steht die größte spezialisierte Reha-Klinik für suchtkranke
Kinder und Jugendliche in Deutschland: Um die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik im
niedersächsischen Ahlhorn zu retten, hat deren Betreiberin, die
Leinerstift-Gruppe, am Donnerstag Druck gemacht. Wenn nicht bis zum 10. Mai
über eine auskömmliche Finanzierung der Klinik entschieden werde, müsse die
Einrichtung wie bereits angekündigt am 30. Juni schließen.
„Das Leinerstift hat mit der Weiterführung der Bonhoeffer-Klink im November
2024 ein wichtiges Angebot für Kinder und Jugendliche sichergestellt – auch
auf Wunsch der Politik“, sagt Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der
Diakonie in Niedersachsen, zu der das Leinerstift gehört. Schon bei der
Übernahme sei allen Beteiligten klar gewesen, dass die Klinik nur
langfristig weiterbestehen kann, wenn die Refinanzierung neu geregelt
werde.
Sein Appell richtet sich in erster Linie an die Deutsche
Rentenversicherung, die die Arbeit der Klinik finanzieren sollte. Darüber
hinaus hat die Leinerstift-Gruppe vorgeschlagen, ein neues
Versorgungsmodell zu entwickeln, das von der gesetzlichen
Krankenversicherung, dem Land Niedersachsen und der Jugendhilfe mitgetragen
wird.
Die Klinik ist eine medizinische Nachsorgeeinrichtung. Sie nimmt Kinder-
und Jugendliche auf, die eine Suchttherapie hinter sich gebracht haben und
bei denen verhindert werden soll, dass sie rückfällig werden. Nach Angaben
des Leinerstifts gibt es in ganz Deutschland nur 85 solcher Reha-Plätze für
Kinder und Jugendliche. Mit der Bonhoeffer-Klinik würden 60 davon
wegfallen.
## Streit um Zahlen
Diese Zahl sei nicht zutreffend, wehrt sich die Deutsche Rentenversicherung
(DRV). Bundesweit stünden 450 Rehabilitationsplätze zur Verfügung. Eine
Sprecherin der DRV erklärt die Differenz damit, „dass auch andere Kliniken
die Kinder und Jugendlichen aufnehmen“, also solche, in denen auch
Erwachsene versorgt werden. Dort gebe es für die Kinder und Jugendlichen
eigene Gruppen. Zudem brauche nicht jedes therapierte Kind eine Reha.
Demgegenüber geht auch Friederike Neugebauer vom Bündnis Kinder- und
Jugendreha nur von drei Kliniken aus, die eine Reha für
[1][abhängigkeitskranke Kinder und Jugendliche] anbieten. „Wenn die 60
Plätze in Ahlhorn wegbrächen, wäre das fatal“, warnt Neugebauer.
In dieselbe Kerbe haut auch das Mädchenhaus Bremen. Seine Mitarbeiterinnen
beobachteten eine auffallend starke [2][Zunahme von drogenkonsumierenden]
Mädchen und jungen Frauen. „Während der Bedarf steigt, werden bestehende
Hilfestrukturen abgebaut“, heißt es in einer Stellungnahme. Das sende ein
fatales Signal an die Fachkräfte wie die Betroffenen.
Aus Sicht des Leinerstifts wären auch die 450 Plätze, von denen die DRV
spricht, zu wenig. Der Verein geht von 200.000 Jugendlichen mit
„substanzbezogenen Störungen“ aus. 45.000 konsumierten illegale Drogen.
Dabei herrsche schon bei den Therapieplätzen ein Mangel.
Dass das Geld nicht reicht, liegt an dem aufwändigen Angebot der
Bonhoeffer-Klinik. Die Betreuung der Kinder und Jugendlichen benötige mehr
Personal, auch nachts, um bei Krisen eingreifen zu können. Therapie,
Schule, Hilfe beim Strukturieren des Alltags, der Kontakt mit den Familien,
die interdisziplinäre Zusammenarbeit – all das sei kostspielig. Einen
Tagessatz von 320 Euro bezahlt die DRV dafür. Die tatsächlichen Kosten
lägen um 70 Prozent darüber, teilte das Leinerstift mit. Das Defizit wurde
vom Stift getragen.
Schon 2024 hatte eine Schließung nur knapp abgewendet werden können. „Wir
waren sehr erleichtert, als die Einigung mit der DRV zustande kam“, sagt
Wolfgang Vorwerk, Vorstand der Leinerstift-Gruppe. Gleichzeitig habe sein
Verein deutlich gemacht, dass der vereinbarte Kostensatz die tatsächlichen
Kosten nicht decken werde und mittelfristig neue Finanzierungsmodelle
erforderlich seien. „Dass wir nun erneut vor einer Schließung stehen,
verdeutlicht das zugrunde liegende strukturelle Problem“, sagt Vorwerk.
Und die Lage drohe sich sogar noch zu verschlechtern. „Im Zuge der
Strukturreform der DRV erwartet die Leinerstift-Gruppe eine weitere
deutliche Absenkung des Tagessatzes.“ Ein Antrag auf Anerkennung als
Spezialeinrichtung sei abgelehnt worden.
Die Rentenversicherung behauptet demgegenüber, sie zahle der
Bonhoeffer-Klinik „den bundesweit höchsten Tagessatz aller vergleichbaren
Einrichtungen“. Sie sei nicht Betreiberin und daher nicht verantwortlich
für die wirtschaftliche Führung der Einrichtung. Der Tagessatz setze
allerdings eine Auslastung des Betriebs voraus.
Die [3][Leinerstift-Gruppe kritisiert], dass bei Gesprächen in der
vorvergangenen Woche mit Vertretern der Politik und der Kostenträger ihr
Lösungsvorschlag, der das gesamte Versorgungsmodell auf neue Beine stellen
soll, nicht inhaltlich diskutiert worden sei. Zunächst geht es ihr aber um
eine Entscheidung bis zum 10. Mai.
Ohne eine Zusage zur Fortführung des Betriebs laufe die Klinik wegen eines
Aufnahmestopps der DRV leer, warnt die [4][Leinerstift-Gruppe]. Der Betrieb
könne wegen der nötigen Antrags- und Aufnahmeverfahren nicht kurzfristig
wieder hochgefahren werden. Erste Mitarbeiter hätten bereits gekündigt oder
seien im Begriff, das zu tun.
4 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Im-Bann-der-Algorithmen/!6155162
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(DIR) [3] /Nach-Klinikschliessung-in-Ahlhorn/!6165468
(DIR) [4] https://www.leinerstift.de/#verein
## AUTOREN
(DIR) Gernot Knödler
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