# taz.de -- Abschreckung durch Verweigerung: Sinnvoller aufrüsten mit Greenpeace
       
       > Die Umweltorganisation Greenpeace wirft ein Schlaglicht auf Europas
       > Taktik der „Vorwärtsverteidigung“. Fazit: Es ginge sparsamer und
       > zielgerichteter.
       
 (IMG) Bild: Salutieren in Litauen: Bundeswehrsoldaten bei der Übernahme des Nato-Kommandos im Februar in Kaunas
       
       Europa sollte auf die Entwicklung neuer Offensivwaffen verzichten und sich
       stattdessen auf die militärische Positionsverteidigung fokussieren. Einer
       neuen Studie von Greenpeace zufolge ließe sich so die Sicherheit gegenüber
       Russland günstiger und besser gestalten. Die Analyse des Bonner
       Konfliktforschers Max Mutschler kommt zu dem Schluss, dass eine auf
       „Vorwärtsverteidigung“ ausgerichtete Strategie an der Nato-Ostflanke, die
       im Fall eines russischen Angriffs Ziele tief im Hinterland ins Visier
       nehmen würde, „hochriskant“ sei.
       
       „Gerade, wenn Präzisionsangriffe der Nato von Erfolg gekrönt sein sollten,
       besteht die Gefahr, dass Russland zu der Ansicht gelangt, die
       konventionelle Überlegenheit der Nato mittels taktischer Atomwaffen kontern
       zu müssen“, [1][heißt es in dem Papier, das am Dienstag veröffentlicht
       wurde.] Dabei stellt Mutschler weder die Gefahr, die von Russland ausgeht,
       noch die militärischen Aufrüstungsbemühungen in Europa grundsätzlich
       infrage. Doch eine Strategie der „Vorwärtsverteidigung“ setze zu stark auf
       die US-Satellitenaufklärung und den Nuklearschirm aus Washington. Auf
       beides könne man sich nicht mit letzter Bestimmtheit verlassen.
       
       Die Greenpeace-Analyse gewichtet die Argumente derjenigen, die einen
       Angriff Russlands auf Nato-Territorium als bevorstehend sehen, mit solchen,
       die dies als weniger wahrscheinlich erachten. Vertreter*innen beider
       Positionen leiten aus ihren Szenarien jeweils politische
       Handlungsempfehlungen her, die sich fundamental gegenüberstehen: Die einen
       sehen Frieden nur durch eine umfassende Aufrüstung und Abschreckung als
       möglich, andere sehen genau dadurch eine erhöhte Kriegsgefahr.
       
       ## Die Gefahr von mutmaßlichen Präventivschlägen
       
       „Am vielversprechendsten erscheint eine Kombination der Politikempfehlungen
       beider Lager“, schreibt Mutschler in seiner Analyse. Mit dem Krieg gegen
       die Ukraine ziehe Russland darauf ab, seine Einflusssphäre zu vergrößern.
       „Die Warnung davor, dass diese Ambitionen auch nach einem Sieg oder einer
       für Russland vorteilhaften Beendigung der Kampfhandlungen in der Ukraine
       nicht befriedigt sein könnten, sollte nicht als Alarmismus abgetan werden“,
       schreibt Mutschler mit Bezug auf den US-Historiker Timothy Snyder.
       
       Als Ergänzung zu dieser Position führt er mit Charles Glaser einen
       Vertreter der Denkschule des „defensiven Realismus“ an, der schreibe: „Das
       heutige Russland kann als erstrangiges Beispiel für ein Land mit gemischter
       Motivlage dienen: Es verfolgt in der Ukraine aggressive Politiken sowohl,
       weil es glaubt, die Ukraine sollte Teil von Russland sein, als auch, weil
       es sich von der Nato-Erweiterung bedroht fühlt.“
       
       Aus dieser Betrachtung könne man folgern, dass es für die europäische
       Sicherheitspolitik sinnvoll sei, auf eine Strategie der Abschreckung
       gegenüber Russland zu setzen, denn beide Motive könnten Russland zu
       aggressivem Vorgehen gegenüber Nato-Staaten verleiten.
       
       Dabei enthielten die Argumente der Aufrüstungsgegner für die
       Politikgestaltung wichtige Ergänzungen: „Durch die eigene Aufrüstung und
       insbesondere durch gesteigertes Offensiv-Potenzial und die Möglichkeit, den
       Gegner tief im Hinterland zu attackieren, macht man die Gegenseite
       unsicherer und bestärkt sie dadurch in ihrem Bestreben, ebenfalls
       aufzurüsten.“ Im Ergebnis eines solchen Rüstungswettlaufs gewinne keine der
       beiden Seiten an Sicherheit. „Wenn eine Seite befürchtet, zukünftig ins
       Hintertreffen zu geraten, können sogar Anreize zu vermeintlichen
       Präventivschlägen geschaffen werden.“
       
       Dabei stellt die Studie dar, wie das Geld aus dem
       100-Milliarden-Euro-Sonderschuldentopf für die Bundeswehr durchaus in
       offensiv ausgerichteten Großprojekten genutzt wird. Als einer der größten
       Posten schlägt etwa [2][die Anschaffung von 35 Kampfflugzeugen des Typs
       F-35 aus den USA] mit mehr als 8 Milliarden Euro zu Buche. Der Einsatz
       dieser prestigeträchtigen Kampfflugzeuge hat zuletzt Häme auf sich gezogen:
       Im Irankrieg wurde ein Tarnkappen-Jet nach Beschuss zu einer Notlandung
       gezwungen.
       
       In der Analyse stellt Mutschler Einsatztaktiken der Manöververteidigung und
       der Positionsverteidigung einander gegenüber. „Die Manöververteidigung ist
       primär darauf ausgerichtet, durch die möglichst schnelle Bewegung der
       eigenen Truppen den gegnerischen Hauptkräften auszuweichen und den Gegner
       an seinen Schwachpunkten, meist in seinem Rücken, zu treffen“, heißt es.
       Diese Überlegungen dominierten das strategische Denken innerhalb der Nato.
       
       ## Rüstungskontrolle vor allem bei Mittelstreckenraketen
       
       „Dem gegenüber steht eine Strategie, die auf Positionsverteidigung
       ausgelegt ist, wie sie zum Beispiel von den baltischen Staaten mit der
       Baltic Defence Line präferiert wird.“ Lettland, Estland und Litauen setzten
       dabei auf Bunkeranlagen und Verteidigungslinien entlang strategisch
       wichtiger Straßen und Schienen sowie die Möglichkeit, schnell
       Panzersperren, Schützengräben und Minenfelder einzurichten. Entlang dieses
       Konzepts, das auf „deterrence by denial“, also die Verweigerung von
       Angriffsoptionen setzt, sei auch etwa [3][die Stationierung der
       Bundeswehr-Brigade in Litauen] durchaus sinnvoll.
       
       Zwar habe die Nato bereits, seit Russland die Krim eingenommen habe, in
       einigen Teilen eine Strategie der Positionsverteidigung adaptiert, schreibt
       Mutschler. [4][Doch die geplante Stationierung von US-Mittelstreckenraketen
       in Deutschland] und eine angestrebte Entwicklung dieser Waffen mit einer
       Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern in Europa konterkariere dies.
       
       „Ein Strategiewechsel hin zu einer defensiven Verteidigung, die den
       Schwerpunkt von der Manöver- auf die Positionsverteidigung verschiebt, wäre
       ein großer und wichtiger Schritt.“ So könnten Eskalationsrisiken verringert
       werden, „vermutlich wäre dies auch die effektivere Form der Abschreckung“,
       heißt es in der Studie. Außerdem plädiert die Analyse dafür, gerade bei den
       Mittelstreckenraketen wieder eine Rüstungskontrolle zu forcieren, die auf
       einer gegenseitigen Kontrolle basieren müsse.
       
       [5][Greenpeace hatte im November 2024 mit einer Studie für Aufsehen
       gesorgt], in der Friedensforscher Christopher Steinmetz die militärischen
       Kapazitäten Russlands und der europäischen Nato-Staaten gegenübergestellt
       hatte. Demnach ist Europa vom Geld über die Truppenstärke bis hin zu
       Großwaffensystemen wie Panzern Russland in fast allen Kategorien überlegen.
       Nur in der nuklearen Dimension ist Moskau stärker. Kritiker sahen ein
       Problem dieser Studie darin, dass etwa die europäische Stärke bei der
       Truppenzahl auf der Kampfkraft der Türkei und Griechenlands aufbaue, die
       für einen Konfliktfall im Baltikum nur schwer mobilisierbar wäre.
       
       24 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.greenpeace.de/publikationen/Studie_Gut_Geruestet.pdf
 (DIR) [2] /F-35-Waffendeal-mit-Vereinigten-Staaten/!5902626
 (DIR) [3] /Pistorius-und-Merz-bei-Brigade-Litauen/!6087653
 (DIR) [4] /Stationierung-von-Mittelstreckenwaffen/!6023611
 (DIR) [5] /Greenpeace-Mitarbeiter-ueber-Aufruestung/!6048652
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Cem-Odos Gueler
       
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