# taz.de -- AfD-Ergebnis in Rheinland-Pfalz: Mainz ist leider nicht Gommern
       
       > Die AfD hat sich auch im Westen trotz ihrer Radikalisierung bei fast 20
       > Prozent etabliert. Ausgerechnet im Osten verliert sie jetzt.
       
 (IMG) Bild: Jan Bollinger (AfD) jubelt nach der Landtagswahl
       
       Im vorläufigen Endergebnis lag die AfD mit 19,5 Prozent dann doch einen
       halben Prozentpunkt unter den eigenen Erwartungen. Dem Spitzenkandidaten
       Jan Bollinger war das nach außen hin allerdings herzlich egal: „Das ist mit
       Abstand das beste Ergebnis der AfD im Westen“, sagte er vor dem Mainzer
       Landtag. Ganz so rekordverdächtig ist das Ergebnis aber gar nicht, denn
       zwei Wochen zuvor hat die AfD diesen Rekord mit 18,8 Prozent in
       Baden-Württemberg schonmal gebrochen – der Abstand ist eher klein.
       
       Auch wenn die Partei bei beiden Landtagswahlen unter ihren Erwartungen lag,
       zeigt sich: Die AfD kann ihr Potenzial im Westen derzeit voll ausnutzen und
       sich trotz Radikalisierung und Verbindungen zu extrem rechten
       Organisationen weiter normalisieren. Das verdankt sie einer krisenhaften
       Weltlage und schwächelnden Wirtschaft dank der Kriege zweier AfD-Freunde:
       Wladimir Putin und Donald Trump.
       
       Bei Letzterem kommt auch noch dessen Zollpolitik hinzu. Den
       AfD-Wähler*innen scheint es egal zu sein, dass Autokraten und Oligarchen
       für ihre Misere verantwortlich sind. Sie wählen den Autoritarismus und die
       vermeintlich einfachen Antworten auf komplexe Fragen: Ausländer*innen,
       Sozialhilfeempfänger*innen, grüne sowie linke Eliten seien schuld. Nach
       mehreren Jahrzehnten Neoliberalismus und gewachsener Ungleichheit im Zuge
       eines deregulierten Kapitalismus profitiert absurderweise die marktradikal
       ausgerichtete AfD von Alice Weidel.
       
       Auch in Rheinland-Pfalz: Tatsächlich hat die AfD die Anzahl ihrer Mandate
       vervierfacht. Im neuen Landtag wird sie künftig mit 24 statt 6 Abgeordneten
       sitzen. Bollinger kündigte bereits am Montag an, als Erstes einen
       Untersuchungsausschuss zur Coronapandemie einzuberufen – mit
       Spezialerkenntnissen gegen die Mainstream-Wissenschaft. Das kann die Partei
       nun aus eigener Kraft.
       
       ## Stark bei Arbeiter*innen und Jungen
       
       Ansonsten verfestigen die Ergebnisse aus Rheinland-Pfalz die Erkenntnisse,
       die man auch schon in Baden-Württemberg gewinnen konnte: Die AfD schneidet
       stark ab bei Arbeiter*innen (39 Prozent) und profitiert vom Rechtskurs
       der übrigen Parteien. Viele ihrer Wähler*innen lassen sich von Fakten
       oder Parteikrisen nicht beeindrucken.
       
       Der auch in Rheinland-Pfalz grassierende AfD-Filz war vielen
       Wähler*innen wurscht: Laut Nachwahlbefragung von Infratest dimap sagten
       16 Prozent, dass es sie ärgere, wenn AfD-Politiker*innen Angehörige von
       Parteifreunden in ihren Büros beschäftigten. Und auch in Rheinland-Pfalz
       zeigt sich mal wieder, dass 79 Prozent der AfD-Wähler*innen Abstiegsängste
       haben – 30 Prozent davon beurteilen ihre wirtschaftliche Lage derzeit als
       „schlecht“.
       
       Stark ist die AfD bei jungen Menschen: Bei 18- bis 24-Jährigen erreichte
       sie 21 Prozent (vor der SPD mit 19 Prozent und der Linken mit 16 Prozent).
       Die größten Erfolge erzielt die AfD allerdings weiter in der Altersgruppe
       zwischen 35 und 44 Jahren – 26 Prozent. Bei Frauen holte die Partei 16, bei
       Männern 24 Prozent.
       
       Den Erfolg bei jungen Menschen, der für die Partei auch ein Versprechen für
       die Zukunft ist, erklärte Jan Bollinger so: „Junge Menschen informieren
       sich stärker über soziale Medien, wo nicht so viel eingeordnet wird,
       sondern wo sich viele eben selbst Informationen zusammentragen und sich ein
       eigenes Bild machen.“ Man könnte ergänzen: wo ohne Fakten Lügen und falsche
       Versprechen leicht verfangen.
       
       ## CDU + Rechtsruck = AfD-Normalisierung
       
       Vorwürfen, die AfD könne in der Opposition nichts bewirken, konnte
       Bollinger allerdings mit Argumenten widersprechen, die insbesondere der
       Union weh tun sollten: „Die Themen haben wir doch schon gesetzt. Wenn die
       CDU von Migrationswende redet und wenn [der künftige CDU-Ministerpräsident
       Gordon] Schnieder von Messerkriminalität als importierter Kriminalität
       redet, sind das die Themen, die wir seit Jahren ansprechen.“
       
       Damit trifft Bollinger einen wundern Punkt: Die Union gibt mit ihrer
       bundespolitischen Themensetzung – etwa rassistischen Stadtbilddebatten und
       populistischen Zuspitzungen im Wahlkampfendspurt – seit Jahren der AfD
       recht. Über Bande regiert die Partei praktisch mit. Obwohl das wahrlich
       keine neue politikwissenschaftliche Erkenntnis ist und zudem selbst von der
       unionseigenen [1][Konrad-Adenauer-Stiftung schon in eine Studie] gegossen
       wurde, muss man sich fragen, ob das auch in der Führungsebene der Union
       angekommen ist.
       
       Die AfD Rheinland-Pfalz wolle nun die Präsenz in der Fläche ausbauen und
       viele Wahlkreisbüros anmieten, um „nah bei den Menschen zu sein“, sagte
       Bollinger. Die Partei setze dabei darauf, leerstehende Gaststätten in
       Dörfern anzumieten, um präsent zu sein. Ein entsprechendes Positionspapier
       des AfD-Netzwerkers und Vize-Landeschefs Sebastian Münzenmaier liegt der
       taz vor. Im „Strategiepapier ländliche Raumnahme“ kündigt er an, das
       Konzept in der nächsten Legislatur ausbauen zu wollen. Man wolle die Dörfer
       erobern und in jedem Wahlkreis ein „multifunktionales Zentrum“ in
       ehemaligen Gaststätten, Discotheken oder Weingütern einrichten.
       
       Das Ziel ist weitere Normalisierung: Geselligkeit und Kennenlernen sollen
       im Vordergrund stehen – Bratwurst, Bier und Wein statt langer politischer
       Reden. Die ersten dieser AfD-Kneipen gibt es schon – sie stoßen auf
       Zuspruch, aber auch auf [2][entschiedenen Widerstand].
       
       ## Schmerzhafte Niederlagen im Osten
       
       Ein unaufhaltsamer Siegeszug der AfD ist damit aber längst nicht
       ausgemacht, auch nicht mit Blick auf die Landtagswahlen in Ostdeutschland.
       Tatsächlich gab es ausgerechnet im Osten diesen Sonntag auch schmerzhafte
       Niederlagen für die Partei – nämlich bei den Kommunalwahlen. Vor der
       eigenen Haustür möchte man offenbar dann doch keine Rechtsextremen in
       Verantwortung.
       
       Die AfD verlor bei den Landratswahlen im brandenburgischen
       Spree-Neiße-Kreis die Stichwahl – wie zuletzt eigentlich überall auf
       kommunaler Ebene. Und in Sachsen-Anhalt wurde ein AfD-Kandidat regelrecht
       deklassiert: In der 10.000-Einwohner-Kleinstadt Gommern kam der Amtsinhaber
       auf 87,1 Prozent der Stimmen, der AfD-Kandidat nur auf 12,9 Prozent.
       
       Die Bürger in Gommern feierten den Erfolg ihres offensichtlich beliebten
       Ortsbürgermeisters Jens Hünerbein mit einem Plakat, das auch eine Spitze
       gegen den AfD-Kandidaten Anders Rau enthielt, der unter anderem mit
       Kokainmissbrauch und Pornovideos auf sich aufmerksam gemacht hatte. Und so
       hängt nun im Jerichower Land ein Transparent mit der Aufschrift: „Kein
       Rauer Wind in der Einheitsgemeinde Stadt Gommern! Wir gratulieren Jens
       Hünerbein zur Wiederwahl als Bürgermeister!“
       
       Der Rechtsextremismus-Experte David Begrich aus Magdeburg fand das durchaus
       bemerkenswert. Er sagte der taz dazu: „Gommern wählt weniger AfD als
       Rheinland-Pfalz. Im Westen setzt sich der Normalisierungsprozess fort mit
       Ergebnissen, die es vor zehn Jahren auch im Osten gab. Hier wiederum setzt
       nun eine Differenzierung ein: Bei Landrats- und Kommunalwahlen schauen die
       Leute ganz genau hin, wen sie wählen.“ Das gelte es auch für die
       Landtagswahl im Hinterkopf zu behalten, so Begrich – „in Gommern zeigt
       sich: Die AfD kann nicht Stroh zu Gold spinnen“.
       
       23 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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