# taz.de -- Rechte Raumnahme: „Leute machen geplant Jagd auf mich und meine Genossen“
> In Bargteheide in Schleswig-Holstein haben Unbekannte im März mehrmals
> linke Jugendliche angegriffen, mit Messer und Schusswaffe. Das Ausmaß ist
> neu.
(IMG) Bild: Wollen sich die Stadt nicht nehmen lassen: Jugendliche aus dem Autonomen Jugendhaus demonstrieren in Bargteheide
Es knallt. Paul zuckt zusammen und dreht sich um. Seine Genoss*innen aus
dem Autonomen Jugendhaus (AJH) haben eine kleine Konfettikanone gezündet.
Goldene Schnipsel regnen auf zusammengerollte Kabel und Lautsprecherboxen,
die auf dem Platz vor dem Bargteheider Rathaus liegen. Alles gut. Paul legt
sich eine Hand auf die Brust. „Wir sind gerade alle angespannt“, sagt er,
der im AJH aktiv ist und eigentlich anders heißt. Er will seine Identität
schützen.
Hinter ihm räumen die Jugendlichen die Technik ins Auto. Es war eine
ungewöhnlich gut besuchte Kundgebung für [1][die
16.000-Einwohner*innen-Kleinstadt in Schleswig-Holstein]. Rund 200 Menschen
sind an diesem Sonntag Mitte März zum Abschluss der feministischen Wochen
beim Autonomen Jugendhaus gekommen. Die Omas gegen Rechts aus Ahrensburg
waren da und sogar Leute aus Hamburg, Lübeck, Kiel und Flensburg.
Der Grund für die Anteilnahme: Anfang März haben Unbekannte in Bargteheide
dreimal innerhalb einer Woche Jugendliche angegriffen, die politisch links
aktiv sind. Alle Betroffenen der Übergriffe engagieren sich im
[2][Autonomen Jugendhaus, das seit mehr als 40 Jahren ein wichtiger
Treffpunkt für junge Leute im Ort ist.]
Erst gestern, am Vorabend der Kundgebung, erzählt Paul, habe wieder ein
Auto vor dem bunten Containerbau am Rand der Stadt gehalten. Darin hätten
Vermummte gesessen und geschaut.
## Von zwei Unbekannten veprügelt und bedroht
Nach der Kundgebung sitzt Jona, Schiebermütze, bunte Jacke, übergroße
Sonnenbrille, auf der Treppe des Rathauses in der Sonne. Er heißt
eigentlich auch anders. Jona ist einer der zwei Jugendlichen, die als Erste
angegriffen wurden. Nach dem Schulstreik gegen die Wehrpflicht am 4. März
wurden er und ein Freund am Bahnhof Bargteheide von zwei Unbekannten
verprügelt.
„Die standen plötzlich auf dem Bahnsteig, komplett vermummt mit
Handschuhen“, sagt er. „Wollt ihr Stress, wollt ihr aufs Maul? Wir boxen
euch“, so was in die Richtung hätten sie gesagt. Jona habe aus seiner
Hosentasche sein Quietschehündchen geholt, ein Hundespielzeug, das er immer
auf Demos dabeihabe. Er reißt beide Arme nach oben und macht vor, wie er es
über den Kopf gehalten hat. Dann wird er einsilbig.
Die eine Person, sagt Jona, kam auf ihn zu und hielt ihm ein Messer an den
Bauch. Wer er denke, dass er sei, habe sie gefragt, und ihm ins Gesicht
geschlagen. Die andere Person habe eine Pistole dabeigehabt und seinen
Freund geschlagen.
Jona und sein Freund flüchteten sich in den Bahnhofskiosk und riefen die
Polizei. Jona blutete aus dem Mund. Als die Beamten kamen und anboten, sie
nach Hause zu fahren, baten sie, ins AJH gebracht zu werden. „Weil das der
Ort ist, an dem ich mich an dem Abend am sichersten gefühlt habe“, sagt
Jona.
Das für politische Straftaten zuständige Staatsschutzkommissariat der
Polizei Lübeck ermittelt gegen zwei Unbekannte zwischen 14 und 18 Jahren
wegen des Verdachts der Bedrohung und der gefährlichen Körperverletzung.
## Jugendliche suchen Schutz im Autonomen Jugendhaus
Zwei Tage später der nächste Angriff. In der Nacht zum 7. März hätten drei
Vermummte einen Jugendlichen auf dem Weg ins AJH aus einem Auto heraus
bedroht. Er sei weggerannt und außer Atem im Jugendhaus angekommen,
erzählen seine Genoss*innen. Dann sei am Abend des 12. März ein
Jugendlicher auf dem Parkplatz in der Nähe des AJH von zwei mit Sturmhauben
maskierten Männern angegriffen und verletzt worden. Er habe sich losreißen
können und sei zum Jugendhaus gerannt.
Auch wegen dieser Vorfälle ermittelt das Staatsschutzkommissariat.
Allerdings haben die Jugendlichen sie nicht selbst zur Anzeige gebracht.
Die Polizei nahm Ermittlungen von Amts wegen auf, als die Jugendlichen
[3][die Vorfälle wenig später auf Social Media veröffentlichten]. Die
Jugendlichen sagen, sie hätten in dem Moment unter Schock gestanden und
deswegen nicht sofort die Polizei gerufen.
Bis auf Jona sind alle Betroffenen minderjährig, alle vier haben am
[4][bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht] Anfang März
teilgenommen. Sie vermuten, dass ihr politisches Engagement, ihre
Verbindung zum AJH oder Klamotten mit linken Symbolen Anlass für die
Übergriffe waren. „Wir gehen nicht davon aus, dass es sich bei diesen
Vorfällen um Zufälle handelt, sondern um eine gezielte Serie von
Angriffen“, schreibt das Plenum des AJH.
Jona sagt, ihm sei noch im Polizeiauto auf dem Weg ins Jugendhaus klar
geworden, dass das am Bahnsteig politisch war. „Da ist es mir so gedämmert,
da machen Leute geplant Jagd auf mich und auf meine Genossen.“ Jona traue
sich seit dem nicht mehr, alleine durch Bargteheide zu laufen. Er versuche,
sich Kennzeichen zu merken von jedem Auto, das an ihm vorbeifährt. „Also
irgendwie paranoid, in Anführungszeichen.“
## Vor drei Jahren fing es an – mit Stickern und Parolen
Vor rund drei Jahren fing es an, dass die Jugendlichen am AJH extrem rechte
Sticker, Parolen und Symbole am Haus und in der Umgebung fanden. Sie haben
vieles dokumentiert. Der taz liegen Fotos vor. [5][In einigen Fällen
ermittelt der Staatsschutz].
Obwohl das Jugendhaus seit dem sogar [6][mehrmals angezündet] und verwüstet
worden ist, waren die Jugendlichen durchaus zurückhaltend in ihrem Urteil,
wer warum angreift. Im vergangenen Juni brannte die Außenbühne ab – die
dritte Brandstiftung des Jahres. [7][Damals erzählte ein AJH-Sprecher der
taz], er sei nicht sicher, dass das politisch war. Es hätten Leute gewesen
sein können, die einen blöden Fehler begangen haben.
[8][Im November brachen dann Unbekannte in den Containerbau ein, zerstörten
die Innenräume und hinterließen Hakenkreuze und AfD-Tags]. Man habe sich
die Realität ein Stück schöngeredet, sagt der Sprecher heute.
Die Polizei ermittelte seit 2023 in elf Fällen von Sachbeschädigung,
Brandstiftung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher
Symbole am AJH – bisher ohne Ergebnis.
Die jüngste Angriffsserie überrascht Felix Fischer vom Zentrum für
Betroffene rechter Angriffe (Zebra) nicht. Er hatte schon im vergangenen
Sommer davor gewarnt, dass es in Bargteheide zu körperlicher Gewalt kommen
könnte. Für ihn sind die Angriffe auf die Jugendlichen Anfang März bloß
eine weitere Eskalationsstufe: „Was in Bargteheide passiert, ist der
Versuch einer rechten Raumnahme“, sagt er der taz.
## Zunahme rechter Gewalt beschäftigt Landespolitik
Die Zunahme rechter Gewalt in Bargteheide beschäftigt auch die
Landespolitik. Jan Kürschner, innenpolitischer Sprecher der Grünen im
Landtag, glaubt, die Stadt sei auch zum Ziel Rechtsextremer geworden, weil
es hier mit dem Jugendhaus eine starke linke Bewegung gibt. „Die soll
eingeschüchtert werden.“
Wer hinter den Angriffen steckt, ist unklar. Klar ist, wer sich für das AJH
interessiert. Anfang des Jahres posteten zwei AfD-Politiker aus Bad
Segeberg Fotos auf Instagram, auf dem sie vor dem Jugendhaus stehen – unter
der Überschrift [9][„Linken Terror stoppen“] und [10][„Antifa verbieten“].
In Bargteheide und Umgebung sind mehrere Mitglieder des neuen
AfD-Jugendverbands Generation Deutschland (GD) aktiv. Deren
Landesvorsitzender Jasper Griebel wohnt ein paar Kilometer weiter in
Ahrensburg. Jugendliche aus dem AJH erzählen, dass Mitglieder der GD in
Bargteheide schon an Schulen AfD-Merch verteilt hätten.
Die Stadt stand indes schon öfter in der Kritik, nicht genug gegen die
extreme Rechte zu unternehmen. Ende 2024 entschied sie, keine Fördermittel
mehr aus dem [11][Bundesprogramm „Demokratie leben“, die unter anderem
Rechtsextremisprävention fördern,] zu beantragen. Um Kosten zu sparen.
Fatal, nannte Felix Fischer von Zebra die Entscheidung damals.
Gabriele Hettwer (parteilos) sagt der taz, die Stadt nehme die Warnungen
vor einer „rechten Raumnahme“ sehr ernst. Die Berichte über die Angriffe
auf Jugendliche in der Stadt erschütterten sie tief. „Dass junge Menschen
in Bargteheide Opfer von Gewalt, Bedrohung und Einschüchterung werden –
offensichtlich aufgrund ihrer politischen Haltung – ist absolut
inakzeptabel.“
Aber es gibt auch gute Nachrichten. Ende 2025 hat die Stadtvertretersitzung
beschlossen, das Autonome Jugendhaus für 320.000 Euro zu sanieren. Dafür
haben die Jugendlichen lange gekämpft.
Als die Jugendlichen aus dem AJH nach der Kundgebung am Rathaus die Technik
im Auto verstaut haben, kommen sie zur Treppe, wo Jona der taz ein
Interview gibt. Sie stehen Arm in Arm, hören zu und teilen sich Pommes.
Jona ist nicht allein. „Kommst du mit?“, fragt ihn Paul. „Wir fahren ins
Haus.“
Fehlerhinweis: In einer früheren Version stand, Bürgermeisterin Gabriele
Hettwer sei CDU-Mitglied, sie ist aber parteilos. Ihr Statement kam erst
einige Tage nach Redaktionsschluss, wir haben es später eingefügt.
29 Mar 2026
## LINKS
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(DIR) [5] https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/pinneberg_segeberg_stormarn/nach-rechtsextremen-graffitis-in-bargteheide-staatsschutz-ermittelt,regionnorderstedtnews-1258.html
(DIR) [6] /Brand-im-Autonomen-Jugendhaus/!6094843
(DIR) [7] /Brand-im-Autonomen-Jugendhaus/!6094843
(DIR) [8] /Rechter-Angriff-auf-Jugendhaus/!6126204
(DIR) [9] https://www.instagram.com/p/DTK42isiMLH/
(DIR) [10] https://www.instagram.com/p/DU5JTg4CHwY/
(DIR) [11] /Umbau-des-Programms-Demokratie-Leben/!6164747
## AUTOREN
(DIR) Amira Klute
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