# taz.de -- Nach den Wahlen in Rheinland-Pfalz: Verlieren und wegducken
> Die SPD steht nach dem Verlust der Landtagswahlen vor einer Krise. Doch
> die weltpolitische Lage schränkt den Handlungsspielraum der Parteiführung
> ein.
(IMG) Bild: Bärbel Bas und Lars Klingbeil nach der Wahlniederlage auf Erklärungssuche
Alexander Schweitzer ist gar nicht erst angereist. Sichtlich mitgenommen
stehen die beiden Parteichef*innen am Montag im Atrium der Berliner
SPD-Zentrale und suchen etwas krampfhaft Erklärungen dafür, warum der
gescheiterte Spitzenkandidat einfach in Rheinland-Pfalz geblieben ist. „Er
ist im Moment dabei, dort schnell eine Regierungskonstellation
zusammenzubringen“, erklärte SPD-Chefin Bärbel Bas etwas rätselhaft. Wie in
Mainz die Arbeit an einer schwarz-roten Koalition so schnell aufgenommen
werden soll, wenn sich Wahlgewinner Gordon Schnieder am Montag in Berlin
von seiner [1][CDU] feiern lässt, sagt Bas nicht.
Es ist nicht das einzige Rätsel, das die SPD für sich zu lösen hat. Nach
den verlorenen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
wirken Bärbel Bas und Lars Klingbeil endgültig wie Parteivorsitzende auf
Abruf. Vor wenigen Jahren, als die Machtzirkel der SPD noch einem
Piranha-Becken glichen, wären beide wohl schon längst weggebissen worden.
Doch die Ideenlosigkeit der Sozialdemokrat*innen ist nun vor allem
personell bedingt: Es scheint schlicht niemanden zu geben, der den Griff
zur Macht wagt, geschweige denn jemanden, der einen Weg aus der
programmatischen Misere weiß.
Bas sagt, Schweitzer habe sich zumindest digital an den Treffen mit der
Parteiführung beteiligt, die es seit Sonntagabend gegeben hat. Was der
gerupfte Rheinland-Pfälzer der Parteiführung hier an den Kopf warf, sagte
sie nicht. Schweitzer fuhr in dem einstigen Kernland einen Verlust von 10
Prozentpunkten ein – seine 25,9 Prozent sind das schlechteste Wahlergebnis
für die [2][SPD in Rheinland-Pfalz], das es je gab. Doch Schweitzer gab
sich am Sonntagabend, als er sich anderthalb Stunden nach Bekanntgabe der
Hochrechnungen endlich gesammelt hatte, trotzig.
Das [3][Ergebnis in Rheinland-Pfalz] sei immerhin „doppelt so stark“ wie
die Umfragewerte für die SPD bundesweit. „Ohne unsere eigene Stärke hätten
wir es nicht so lange spannend machen können“, sagte er vor den
Genoss*innen, die ihm minutenlang Applaus spendeten und ihn kaum zu Wort
kommen ließen.
In Berlin sieht man diese Stärke und den Zusammenhalt der
rheinland-pfälzischen SPD durchaus auch. Bas und Klingbeil machten keinen
Hehl daraus, dass sie die miese Performance in beiden Südwest-Wahlen auf
ihre Kappe nehmen. „Bärbel Bas und ich haben schon im Präsidium eine sehr
harte Debatte eingefordert“, sagte SPD-Chef Lars Klingbeil. „Natürlich wird
in solchen Runden auch über Personal diskutiert.“
Wegen der globalen Lage mit dem Krieg in Iran und der sich anbahnenden
massiven Wirtschaftskrise zeigten sich beide SPD-Chefs aber
manövrierunfähig. „Wir werden nicht die zweitgrößte Regierungspartei in ein
Chaos stürzen und in einen Prozess gehen, wo wir uns um uns selbst drehen
und uns nicht um das Land kümmern“, sagte Klingbeil.
## Für die SPD künftig noch schwerer
Die Analyseversuche, die am Montag aus der Parteiführung zu hören waren,
lassen darauf schließen, dass es die SPD-Linken künftig noch schwerer haben
werden. Klingbeil griff ein Argument auf, das zuvor schon in einer
Erklärung aus dem konservativen Seeheimer-Kreis am Sonntagabend verbreitet
wurde. Darin heißt es, die Mehrheit der Menschen in Deutschland glaube, die
SPD kümmere sich mehr um Bürgergeldempfänger*innen als um die „hart
arbeitende Mitte“ in Deutschland – eine Quelle wird dabei nicht genannt.
Klingbeil sagte, auch in Baden-Württemberg hätten 60 Prozent der SPD
attestiert, sie sei die Partei der Transferleistungsempfänger. Er stellte
als die zentrale Aufgabe für die kommende Zeit dar, „wie wir dieses Bild,
an dem wir jetzt seit über einem Jahr abarbeiten, wegkriegen“.
Auch für Matthias Mieves ist das die zentrale Frage. Der
Bundestagsabgeordnete aus [4][Kaiserslautern] ist Sprecher der Landesgruppe
Rheinland-Pfalz der SPD-Fraktion im Bundestag. Er sagte der taz am Telefon,
es müsse wieder klarer werden, für wen die Sozialdemokraten arbeiten. „Das
sind die Leute, die jeden Tag früh aufstehen, arbeiten gehen Steuern
bezahlen.“ Dass diese Worte auch aus einem CDU-Baukasten stammen könnten,
will er nicht durchgehen lassen. Es gehe nicht primär um Originalität.
„Wir müssen daran arbeiten, unsere eigene Kommunikation zu vereinfachen“,
sagt er. Die SPD müsse wieder verstanden werden, „am Küchentisch, im
Fußballverein und in den Eckkneipen“. Das müsse auch von der
„Top-Führungsmannschaft“ so vorgelebt werden. Auf die Frage, ob Bas und
Klingbeil dies ausreichend tun, wollte Mieves nicht antworten.
Ausdrücklich gut findet er, was die beiden Parteichef*innen für diesen
Freitag angekündigt haben. Dann möchte die Parteispitze eine Klausurtagung
mit der Fraktion, den Landesregierungen, aber auch erfolgreichen
Kommunalpolitiker*innen aus dem Bundesgebiet organisieren. Es gehe
darum, „mit einem klaren Reformplan in die nächsten Wochen und in die
Verhandlungen mit der Bundesregierung zu gehen“, sagte Klingbeil.
Als einen zentralen Punkt nannte Klingbeil eine Einkommensteuerreform.
Damit sollten „Menschen, die arbeiten, auch wirklich deutlich entlastet
werden“. Bärbel Bas ergänzte: „Dieses Land muss reformiert und modernisiert
werden.“ Die SPD sei bereit, diese Reformen voranzubringen.
Sowohl Bas als auch Klingbeil stecken neben ihrer Funktion als
Parteivorsitzende als Minister*innen in der Regierung. Viele
Beobachter*innen sehen darin eine entscheidende Schwächung der Partei,
die sich so kaum glaubhaft gegen die Union positionieren kann. So sieht es
beispielsweise Juso-Chef Philipp Türmer. Er bezeichnete das Wahlergebnis
der SPD in Rheinland-Pfalz als Desaster für die gesamte Partei.
„Die Parteispitze hat bisher keine ausreichenden Antworten gefunden – die
Vorsitzenden leisten Regierungsarbeit, aber ein Gefühl des Aufbruchs oder
eine überzeugende Erzählung für die SPD fehlt vollständig“, sagte er
bereits am Sonntagabend dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Es muss jetzt
deutliche Reaktionen geben, wenn man dem Niedergang der SPD nicht tatenlos
zuschauen will. Wer in dieser Lage nicht bereit ist, grundlegend etwas zu
verändern, ist selbst Teil des Problems“, erklärte er.
Klingbeil und Bas betonten am Montag immer wieder, dass sie durchaus bereit
seien, auch über ihre eigenen Ämter zu sprechen. „Wenn es eine Meinung gibt
im Präsidium, dass ich nicht der Richtige bin als Parteivorsitzender, soll
man mir das offen sagen“, erklärte Klingbeil. Er habe in der SPD Zeiten
erlebt, wo „hochrangige Funktionäre“ Rücktrittsforderungen zwar
Journalist*innen in die Notizblöcke diktiert hätten, aber sich nicht
offen mit ihren Forderungen herausgewagt hätten. Diese Zeiten seien vorbei.
Nach der Rheinland-Pfalz-Wahl ist es auch nur die SPD-Landtagsabgeordnete
aus Niedersachsen, Doris Schröder-Köpf, die auf Anfrage des Spiegel den
Rücktritt von Klingbeil und Bas verlangt. Bei wie vielen anderen
Politiker*innen das Nachrichtenmagazin es zuvor noch mit der
entsprechenden Anfrage versucht hat, ist unklar. Schröder-Kopf brachte die
beliebte saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger als Parteichefin
und mit Boris Pistorius ihren ehemaligen Lebensgefährten als neuen
Vizekanzler ins Gespräch.
Doch der Verteidigungsminister Boris Pistorius erteilt ihr aus der Ferne
von einer Dienstreise in Tokio eine Absage: Weder in der Partei noch [5][in
der Koalition] brauche es jetzt eine Personaldiskussion, sagt er. „Das wäre
unverantwortlich und ich stehe dafür nicht zur Verfügung.“ Angesichts der
Weltlage, vor derer wir stehen, stehe man vor anderen Problemen. „Wir
müssen uns auf unsere Regierungsarbeit konzentrieren.“
Trotz der massiven Krise, in der sich die SPD befindet, waren sich in einer
Sache am Montag alle sicher: Sie stimmten unisono den Lobgesang auf
Alexander Schweitzer ein. Der wollte sich am Montag auch auf taz-Anfrage
nicht äußern, worin er den Hauptgrund für den Verlust der Landtagswahlen
sieht. Doch auch dieses Schweigen spricht Bände. Vielleicht reist er ja am
Freitag noch nach Berlin, wenn die erfolgreichen
Landespolitiker*innen der Parteiführung die Leviten lesen sollen.
23 Mar 2026
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