# taz.de -- Russland auf der Venedig-Biennale: Kulturelle Spezialoperation in den Giardini
> Putins perfide Politik kehrt zurück auf die Weltbühne der Kunst:
> Russlands Pavillon bei der Biennale di Venezia gibt sich
> dialogisch-völkerverbindend.
(IMG) Bild: Die Folgen russischer Kulturpolitik zeigen sich an der Verklärungskathedrale Odessa: Der Krieg zerstört zahllose Kunstschätze
Im Vorfeld der 61. Ausgabe der Venedig-Kunstbiennale sind erhitzte
Diskussionen um die [1][Wiedereröffnung des Russischen Pavillons in den
Giardini] entbrannt. Der Präsident der Fondazione La Biennale di Venezia,
Pietrangelo Buttafuoco, sagte, die Schau solle eine „[2][kulturelle
Waffenruhe]“ in einer von Konflikten geprägten Welt ermöglichen.
[3][Gegenwind kam hingegen von der Ukraine] und aus der EU, die mit der
Streichung von Geldern drohte, aber auch von der italienischen Regierung.
Vor vier Jahren hatte das damalige künstlerische Team des russischen
Pavillons seine Teilnahme wenige Tage nach Beginn der [4][Invasion in die
Ukraine] aus Protest gegen diese abgesagt.
Der in Berlin lebende Künstler Vadim Zakharov, der 2013 selbst den Pavillon
bespielt hatte, verurteilte nun mit einem Protestplakat in den Händen den
Kreml: „Ich stehe hier vor dem russischen Pavillon, um mich gegen den Krieg
und gegen die kulturellen Verbindungen der russischen Regierung
auszusprechen.“
Vor zwei Jahren überließ Russland vor dem Hintergrund eines lukrativen
Lithium-Deals seinen Pavillon Bolivien. Die bolivianische Ministerin für
„Kulturen, Dekolonisation und Depatriachalisierung“, Esperanza Guevara
sparte in ihrem Dank an Russland den Krieg in der Ukraine aus.
## Eine pseudo-dekoloniale Linie
Diese pseudo-dekoloniale Linie wird wohl nun eine Fortsetzung finden. Mit
dem Projekt „The Tree is rooted in the Sky“ soll im Inneren des russischen
Pavillons während der Voreröffnung für die Presse und internationalen
Kunst-VIPs vom 6. bis 8. Mai „ein echtes Musikfestival zum Leben erwachen“.
Mitwirken werden 38 Musiker:innen aus verschiedenen Regionen Russlands
sowie aus Argentinien, Brasilien, Mali und Mexiko. Durch die Begegnung
verschiedener Kulturen will das Projekt laut Beschreibung „einen Raum für
Dialog und Austausch schaffen und das Gefühl einer internationalen
Gemeinschaft stärken“. Wahrhaft zynisch in Zeiten, da der Kreml einen
imperialen Angriffskrieg führt und zugleich überproportional viele
Angehörige indigener Völker und Minderheiten Russlands an der Front
verheizt.
Viele Kritiker zeigen sich empört. Andere sehen die Teilnahme Russlands
gelassen. So [5][auch Hanno Rauterberg] in Die Zeit. Generell sei das
Länderkonzept der Biennale nationalistisch, was man durch einen Ausschluss
russischer Künstler wegen des falschen Passes nur verstärken würde. Wenn
man mit schweren Menschenrechtsverstößen gegen einen Russischen Pavillon
argumentiere, [6][müsse man zudem konsequenterweise Saudi-Arabien, China
und womöglich auch die USA ausschließen].
Rauterbergs Kommentar begibt sich auf eine Ebene des Grundsätzlichen, ohne
sich mit der konkreten Problematik der staatlichen russischen Kulturpolitik
auseinanderzusetzen. Insofern verfehlt er das Thema.
Russland führt den größten Krieg auf dem europäischen Kontinent seit dem
Zweiten Weltkrieg. [7][Es hat zahlreiche Kulturgüter in der Ukraine
unwiederbringlich zerstört] oder geplündert. Gleichzeitig führt es gegen
Deutschland und andere Staaten in Europa einen hybriden Krieg – mit
Desinformation, Anschlägen und Spionage.
Ziel ist es, die Gesellschaften zu spalten und die Unterstützung der
Ukraine zu unterbinden. Auch die Kunst ist eines der Instrumente im
hybriden Krieg. Wenn Michail Piotrowski, Putin-Anhänger und Direktor der
Staatlichen Eremitage, russische Ausstellungen im Ausland als „kulturelle
Spezialoperation“ bezeichnet – in Anlehnung an die „militärische
Spezialoperation“, wie der Kreml seinen Angriffskrieg nennt – sollte man
ihn beim Wort nehmen.
Es geht aus Sicht des russischen Staates keineswegs darum, mit Kunst „über
alle Gegensätze hinweg ins Gespräch zu kommen“, wie Rauterberg naiv das
Ideal internationaler Kunstschauen formuliert. Es geht um Propaganda.
## Die männliche Pflicht vor der Heimat
Mit Subversion im russischen Pavillon, auf die er hofft, ist mit Blick auf
die Teilnehmer nicht zu rechnen: Das Folk-Ensemble Toloka etwa, das auch
gerne in kremltreuen Medien auftritt, hat vor wenigen Monaten sein Mitglied
Prochor feierlich zum Dienst in die russische Armee verabschiedet.
Dort werde er der „männlichen Pflicht vor der Heimat“ nachkommen, wie es
auf dem Instagram-Kanal des Ensembles heißt. Anastasiia Karneeva, die
Beauftragte des russischen Pavillons, ist die Tochter von Nikolay
Volobuyev, dem stellvertretenden Direktor des größten Rüstungsunternehmens
des Landes Rostec.
Im Jahr 2016 hatte Karneeva ihr Ausstellungsunternehmen Smart Art zusammen
mit Ekaterina Vinokurova, der Tochter des Außenministers Sergej Lawrow,
gegründet.
## Protest von Pussy Riot
Diese Verbindungen sind kein Zufall: Der russische Staat funktioniert wie
ein Mafiaclan, in dem Loyalität durch Freundschafts- und
Verwandtschaftsverhältnisse abgesichert wird.
Indes haben [8][die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot eine Protestaktion
angekündigt] – wie sie sprechen sich viele russische Künstler im Exil gegen
die Wiedereröffnung des russischen Pavillons aus.
24 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Russland-auf-der-Venedig-Kunstbiennale/!6160861
(DIR) [2] https://ukraine.un.org/en/296124-unesco-deeply-concerned-about-threats-world-heritage-ukraine%E2%80%99s-capital
(DIR) [3] /Kunst-in-Krisen--und-Kriegszeiten/!6148156
(DIR) [4] https://www.unesco.org/en/articles/unesco-assesses-damage-cultural-heritage-after-attack-ukrainian-city-lviv
(DIR) [5] https://www.zeit.de/2026/12/biennale-venedig-russland-pavillon-pietrangelo-buttafuoco
(DIR) [6] /Moderne-Kunst-in-Zentralasien/!6124860
(DIR) [7] https://mvs.gov.ua/en/news/zruinovana-kulturna-spadshhina-ukrayini
(DIR) [8] /Autobiografie-von-Mascha-Aljochina/!6130639
## AUTOREN
(DIR) Yelizaveta Landenberger
## TAGS
(DIR) Biennale Venedig
(DIR) Venedig
(DIR) Russland
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Ukraine
(DIR) Italien
(DIR) Faschisten
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Biennale Venedig
(DIR) Biennale Venedig
(DIR) Architektur
(DIR) Biennale Venedig
(DIR) Film
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Venedig vor der Biennale: EU droht wegen russischem Pavillon mit Förderentzug
Wenige Wochen vor der Eröffnung der Kunstbiennale Venedig spitzt sich der
Streit um die Rückkehr Russlands zu.
(DIR) Südafrika und die Kunstbiennale Venedig: Wettlauf um Softpower
Dass das abgesagte Kunstprojekt „Elegy“ nun doch auf der Biennale in
Venedig zu sehen sein wird, zeigt, welch Kampffeld die Kunstschau werden
wird.
(DIR) Architekturbiennale in Venedig: Die Intelligenz nachwachsender Baustoffe
Können Technik und nachhaltige Produkte leisten, was Politiker nicht
hinkriegen: die Klimakrise lösen? Das fragt die Architekturbiennale in
Venedig.
(DIR) Katar bei Biennale: Broligarchie in der Lagunenstadt
Das autokratisch regierte Emirat Katar darf sich jetzt einen eigenen
Biennale-Pavillon in den begehrten Giardini bauen. Ein Kotau vor Geld und
Öl?
(DIR) Beginn der 81. Filmfestspiele in Venedig: Joker, Nazis, Postfaschisten
Am Dienstag beginnt die 81. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig. Diesmal
wieder mit Hollywoodstars wie Tilda Swinton.