# taz.de -- Irans Kriegsstrategie: „Feuert nach Belieben“, wie schon der alte Chamenei empfahl
       
       > Nach der Tötung der iranischen Führung durch Israel und die USA sind die
       > neuen Machthaber noch radikaler. Sie setzen auf Ausweitung des Krieges.
       
 (IMG) Bild: Stadtbild mit Raketen in Teheran am 22. März
       
       Mit dem Frühlingsanfang feiert man in Iran den Beginn eines neuen Jahres,
       [1][Nowruz]. Das staatliche Fernsehen strahlt jedes Mal nach Jahresbeginn
       sofort eine Ansprache des Revolutionsführers aus. Das ist seit Bestehen der
       Islamischen Republik ein unverrückbares Ereignis. Vor der Revolution war es
       der Schah, der sofort auf dem Bildschirm erschien.
       
       Doch am vergangenen Freitag um 15.45 Uhr, zu jener Sekunde, als die Sonne
       exakt senkrecht über dem Äquator stand, erschien nicht der Führer auf dem
       Teheraner Bildschirm, sondern ein Nachrichtensprecher. Er verlas eine
       Botschaft des neuen Führers, die ebenso lang wie langweilig war. Modschtaba
       Chamenei, das kann man also mit Sicherheit behaupten, ist nicht
       präsentabel.
       
       [2][Die verlesene Neujahrbotschaft] war im Grunde ein Militär-Communique
       der Revolutionsgarden und enthielt zwei sehr wichtige Ankündigungen: Irans
       Angriffe gegen die Golfstaaten gehen weiter, weil sich dort die
       US-Militärbasen befinden. Und die vergangenen Attacken auf Oman und die
       Türkei waren Machwerke der „Zionisten“, die „Irans gute Beziehungen zu
       diesen Ländern beschädigen“ wollten.
       
       Das ist zumindest eine Schutzbehauptung und zugleich ein klarer Hinweis
       darauf, wie und von wem in der Islamischen Republik dieser Krieg geführt
       wird.
       
       ## Es gibt keinen „War Room“
       
       Nach der [3][gezielten Tötung von Ali Chamenei] und von rund zwanzig
       Führungsoffizieren auf höchster Ebene stellt sich die Frage, ob momentan in
       Iran überhaupt so etwas wie eine Generalstabsführung existiert, ein „War
       Room“, in dem analysiert und entschieden wird. Die Antwort lautet: Nein.
       Erst recht nach der [4][Tötung des Chefstrategen Ali Laridschani] und des
       Geheimdienstministers Khatibzadeh. Die Machtverhältnisse haben sich
       verschoben, hin zu mehr Radikalität. Harte Betonköpfe besetzen nach der
       gezielten Enthauptung durch die USA und Israel die Schlüsselpositionen.
       
       Auf Laridschani folgt im Nationalen Sicherheitsrat ein Hardliner der ersten
       Stunde, [5][Hossein Dehghan]. Er war 1983, vier Jahre nach der Revolution,
       offenbar an dem spektakulären Bombenanschlag auf die Kaserne des
       US-Marinekorps in Beirut beteiligt. Mit diesem Attentat, bei dem 241
       US-Soldaten umkamen, meldeten sich die libanesische Hisbollah und die junge
       Islamische Republik gemeinsam auf der Weltbühne. Seitdem steht Dehghan auf
       der US-Sanktionsliste. Er war Leiter der militärischen Industrieproduktion
       und Berater von Ali Chamenei.
       
       Und das Geheimdienstministerium soll von [6][Mostafa Pour Mohammadi]
       geführt werden. Der Mullah fungierte bereits als Richter und Vizeminister
       des Geheimdienstes, als 1988 in den Gefängnissen der Islamischen Republik
       binnen wenigen Wochen rund 6.000 politische Gefangene hingerichtet wurden.
       
       Im militärischen Bereich folgt man einer Anweisung Ali Chameneis vom 7.
       Juni 2017: „Ich sage all diesen ideologischen, kulturellen und praktischen
       dschihadistischen Zellen im ganzen Land immer wieder: Macht jeder von euch
       einfach weiter mit seiner Arbeit; unabhängig und, wie man auf dem
       Schlachtfeld sagt: ‚Feuert nach Belieben‘.“ Das war keine Propaganda,
       sondern eine öffentlich ausgesprochene Strategie für asymmetrische Kriege,
       nach innen wie nach außen.
       
       ## Eine zweischneidige Strategie
       
       Nun feuert die Islamische Republik nach Belieben. Eine zweischneidige
       Strategie, die auch nach hinten losgehen kann, wenn jeder örtlicher
       Kommandant nach eigenem Gutdünken handeln sollte, etwa mit Raketenangriffen
       auf das Nato-Mitglied Türkei oder auf Oman, [7][Zufluchtsort] einiger
       Familien der Regimegrößen. Vor diesem Hintergrund lässt sich begreifen,
       warum man sich genötigt sah, dafür die „Zionisten“ zu bezichtigen.
       
       Es kann auch manchmal peinlich, ja lächerlich wirken, so wie [8][an diesem
       Sonntagmorgen]. Um 7 Uhr früh ruft das iranische Fernsehen alle Bewohner
       von Katars Hauptstadt Doha auf, sofort die Stadt zu verlassen. Eine halbe
       Stunde später verliest ein Nachrichtensprecher folgendes: „Wir
       entschuldigen uns bei unseren geschätzten Zuschauern für die
       Veröffentlichung eines Beitrags über eine Evakuierungswarnung für Doha. Da
       es sich um inoffizielle Informationen handelte, die auf gut unterrichteten
       Quellen beruhten, wird dieser Bericht dementiert.“
       
       Einstweilen sorgt das asymmetrische Vorgehen für weltweite Verunsicherung.
       Es verwandelt den Krieg in einen Zermürbungskrieg, wovor Außenminister
       Araghchi in einem Interview zwei Tage vor Kriegsbeginn gewarnt hatte. Er
       war selbst früher Gardist. Wie lange diese Mosaikstrategie der
       Revolutionsgarden funktionieren kann, bleibt abzuwarten.
       
       22 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Nowruz
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=8KcUXbIWDXs
 (DIR) [3] /Nachruf-auf-Ali-Chamenei/!6158792
 (DIR) [4] /Israels-Krieg-gegen-den-Iran/!6163546
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Hossein_Dehghan
 (DIR) [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Mostafa_Pour-Mohammadi
 (DIR) [7] /Krieg-im-Iran/!6163305
 (DIR) [8] https://dohanews.co/iran-denies-issuing-evacuation-warning-for-doha-al-jazeera-offices-amid-surge-in-online-disinformation/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ali Sadrzadeh
       
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