# taz.de -- Mockumentary „The Moment“ mit Charli XCX: Authentisch, aber immer auf Distanz
       
       > Mit der Mockumentary „The Moment“ reflektiert Charli XCX den „Brat“-Hype.
       > Ein nervöses, unterhaltsames, aber auffällig risikoloses Spiel mit Ironie
       > und Image.
       
 (IMG) Bild: Charli XCX in „The Moment“
       
       Selbst wer keinen einzigen Song des Albums gehört hat, kennt sein Cover:
       Das Wort „Brat“ leuchtete monatelang vor giftgrünem Grund in
       Social-Media-Feeds, Kommentarspalten und Werbebildschirmen auf. Weltweit
       brannte es sich in die Netzhaut von Millionen von Menschen ein – ob sie es
       nun wollten oder nicht. „Brat“ wurde für „Memes“ genutzt, große Konzerne
       versuchten vom Hype zu profitieren und [1][sogar das Team um Kamala Harris
       bediente sich im Sommer 2024 beim grellen Zeitgeist,] um einer schlecht
       laufenden Präsidentschaftskampagne einen hippen Anstrich zu verleihen.
       
       Wofür „Brat“ (zu Deutsch: „Göre“) dabei eigentlich genau stand, ist nicht
       ganz greifbar. Wichtiger als der konkrete Inhalt war aber sowieso ein
       seinem Wesen nach nun mal nicht letztgültig festzumachender „Vibe“, der das
       sechste Studioalbum der britischen Musikerin Charli XCX umgab. Es ging um
       eine chaotisch-rotzige Club-Kind-Attitüde, auch eine demonstrative
       Gleichgültigkeit gegenüber allem Perfektionistischen gehörte sicherlich zum
       [2][„Brat Summer“] dazu. Die wichtigste Ingredienz aber war: die Ironie.
       
       Da ergibt es auch sehr viel Sinn, dass mit „The Moment“ nun ausgerechnet
       eine Mockumentary dieses meta-ironische Pop-Momentum ausleuchtet. Im Fokus
       steht der September 2024, als das Album also bereits drei Monate auf dem
       Markt war. Im schnelllebigen Trendgeschäft stellt sich da bereits die
       Frage, wie lange der Hype wohl noch andauern wird.
       
       ## Solange Geld fließt
       
       Charli XCX, die zu diesem Zeitpunkt zwar [3][seit über einem Jahrzehnt
       erfolgreich Musik veröffentlicht,] nun aber einen beispiellosen
       Popularitätsschub erlebt, plagen daher Selbstzweifel – wenn auch der
       Premiumklasse: Kann aus einem „Brat“-Sommer eine ganze „Brat“-Ära werden?
       Ist es Zeit für ein Post-„Brat“-Rebranding? Oder sollte sie sich vielleicht
       etwas gänzlich Neuem zuwenden, bevor es noch peinlich wird, in etwa so, als
       sei man der letzte Gast auf der Party?
       
       Den Goldesel zu Grabe zu tragen, solange noch ein Puls in ihm schlägt,
       wollen zumindest die, die am aktuellen Erfolg von Charli XCX mitverdienen,
       tunlichst vermeiden. Allen voran Tammy (Rosanna Arquette), die Chefin des
       Plattenlabels und ein wandelndes Konzernklischee, interessiert sich kaum
       für die kreative Vision ihrer Künstlerin, dafür aber umso mehr für
       lukrative Deals, die sich mit ihr machen lassen.
       
       Da ist schnell die glorreiche Idee geboren, einen Konzertfilm von Charli
       XCX’ erster Arenatournee zu drehen – ausgerechnet für Amazon, was nicht
       recht zum rauen Image der Sängerin passen mag. Und dann soll auch noch
       Johannes Godwin (Alexander Skarsgård) die kreative Leitung übernehmen, der
       zwar ein bekannter Name in der Branche ist, allerdings prompt mit Charli
       XCX’ langjähriger Kollaborateurin (Hailey Benton Gates) aneinandergerät.
       
       Die (vermeintlich) authentische Underground-Atmosphäre und die aggressiven
       Stroboskopeffekte sollen, zumindest wenn es nach dem bourgeoisen Hipster
       geht, familienfreundlichem Hochglanz, Glitzer, Glamour und
       Akrobatikeinlagen weichen.
       
       ## Ironisierende Imagepflege
       
       „It’s a revisionist history of brat“, sagt Charli XCX übrigens selbst über
       das, was im Film zu sehen ist. Soll heißen: Die Mockumentary ist ein
       bewusst verzerrter Rückblick, mehr Spiel mit Überzeichnung, Selbstparodie
       und wohlkalkuliertem Branchenspott als mit der tatsächlichen Realität. Um
       dennoch den genretypischen Anschein des Echten herzustellen, wird ausgiebig
       mit der Handkamera gearbeitet. Wacklige Bilder, hastige Schwenks und
       abrupte Zooms simulieren Improvisation.
       
       Die permanente Atemlosigkeit des Films kommt vor allem von Sean Price
       Williams, der als Kameramann schon für die Safdie-Brüder („Good Time“)
       jenes nervöse Stresslevel kultivierte, für das die Regie-Geschwister heute
       bekannt sind. Wenn Charli XCX von Promotionsterminen für ihre eigene
       Kreditkarte weiter zur Kostümprobe hetzt, entsteht so der Eindruck, als sei
       hier alles spontan entstanden und kaum nachbearbeitet.
       
       Damit wirkt „The Moment“ selbst wie der Spiegel des Hypes, den der Film
       bebildert: Er verströmt denselben „Vibe“ wie „Brat“ und funktioniert nach
       derselben Logik, will demonstrativ ungefiltert wirken und ist am Ende eben
       doch genau geplant. Zumal man bei aller ironischen Brechung nicht aus dem
       Blick verlieren sollte, dass Regisseur Aidan Zamiri – der bereits
       zahlreiche Musikvideos für Charli XCX inszenierte – hier letztlich einen
       wohlkalkulierten Imageclip in Spielfilmlänge vorlegt.
       
       ## Viel Zeitgeist, wenig Kritik
       
       Charli XCX – beziehungsweise Charlotte Emma Aitchison – spielt diese
       Version ihrer selbst mit großer Souveränität und bleibt dabei die
       Künstlerin der Widersprüche, als die sie auch jenseits der Leinwand
       wahrgenommen wird: Entschlossen genug, um mitten in den Tourvorbereitungen
       nach Ibiza aufzubrechen, und dann doch empfänglich für jene nagende Angst
       vor der Bedeutungslosigkeit, die kreative Zugeständnisse im Dienste einer
       größeren Reichweite auf einmal möglich erscheinen lässt.
       
       Als ein Kniefall der Künstlerin vor der Industrie soll das aber nicht
       verstanden werden, dafür achtet „The Moment“ gleichsam zu penibel darauf,
       dass in aller oberflächlichen Kritik am Ausverkauf der Popwelt auch die
       Andersartigkeit dieser Künstlerin betont wird. Sie ist eben auch nicht
       unfehlbar, so der gewünschte Tenor.
       
       Die Frage, wen dieses Lavieren außerhalb der Fangemeinde interessieren
       soll, liegt natürlich nahe. „The Moment“ ist weder entlarvende Abrechnung
       noch unkritische Huldigung. Letztlich funktioniert der Film am besten, wenn
       man ihn selbst als Pop-Artefakt versteht – als ein kurzweiliges Stück über
       den Zeitgeist, der mit Authentizität kokettiert und doch immer auf
       ironischer Distanz bleibt. Und der lebt bekanntlich weiter, auch wenn der
       „Brat Summer“ längst vorbei ist.
       
       16 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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