# taz.de -- Gesellschaftliche Kipppunkte: Als Idee verführerisch, doch nur ein Mythos
       
       > Die ZDF-Doku über Mesut Özil zeigt: Deutschland hat sich nie selbst
       > überwunden. Was wir Wandel nennen, ist oft nur ein kurzer Moment der
       > Selektion.
       
 (IMG) Bild: Die Nationalmannschaft machte Hoffnung auf ein offenes Deutschland. Doch die Ressentiments waren nie wirklich weg
       
       Vielleicht sollte man gemeinhin doch viel mehr Fernsehen schauen, denn so
       schlecht ist das ja alles gar nicht, was man da finden kann. Zum Beispiel
       die [1][dreiteilige Dokumentation über Mesut Özil], die seit Kurzem in der
       ZDF-Mediathek zur Verfügung steht. Sie schafft das Kunststück, einem im
       Wesentlichen nichts Neues zu erzählen, dafür aber einen alten Gedanken
       unerträglich klar zu machen.
       
       Özils Geschichte kennt man ja in Umrissen: den Aufstieg, das Erdoğan-Foto,
       den Rücktritt mit Rassismusvorwurf, seine bittere Abrechnung mit dem DFB.
       Aber es gibt einen Moment in der ersten Folge, der einen mit ziemlicher
       Wucht trifft, eine Erkenntnis, die man wundersamerweise 16 Jahre ignoriert
       hat: Wir haben uns 2010 etwas vorgespielt. Und wir haben es damals nicht
       gemerkt, weil wir es nicht merken wollten.
       
       Sommer 2010, Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Mit dabei eine deutsche
       Nationalmannschaft, wie man sie nie zuvor und nie danach gesehen hat:
       spielerische Leichtigkeit, Raffinesse, Eleganz. Die wichtigsten
       Protagonisten dieses Teams sind Mesut Özil, Sami Khedira, Jérôme Boateng,
       Miroslav Klose, Lukas Podolski – Spieler, deren Eltern aus der Türkei, aus
       Tunesien, aus Ghana und aus Polen kamen, und die für Deutschland spielen,
       als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
       
       Für einige Momente schien das auch die so genannte Mehrheitsgesellschaft so
       zu sehen, und Migration wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Problem, nicht
       wie eine Bedrohung, sondern wie eine Ressource, eine Stärke und, tja,
       beinahe auch wie ein Versprechen, eine Wette auf die Zukunft. Das Land
       schaute auf diese großartige Nationalmannschaft und glaubte, sich selbst
       darin zu erkennen.
       
       ## Der inszenierte Kipppunkt
       
       Nun ja. Drei Monate später erschien Thilo Sarrazins Buch „Deutschland
       schafft sich ab“ und wurde in kürzester Zeit zu einem der meistverkauften
       Sachbücher der Bundesrepublik. Es spielte kaum eine Rolle, ob die Käufer
       das Buch tatsächlich gelesen hatten, denn das Buch und der Autor waren
       plötzlich überall – in Talkshows, in Interviews, in Buchbesprechungen.
       
       Die These, die ins Schaufenster gestellt wurde, lautete: Einwanderung –
       insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern – schwächt Deutschland
       kulturell und ökonomisch. Sarrazin verband statistische Argumente mit
       weitreichenden Behauptungen über Bildung, Leistung und deren Ursachen, die
       er teilweise auch auf Vererbung zurückführte. Die öffentliche Debatte
       entzündete sich an der grundsätzlichen Stoßrichtung: [2][der Vorstellung,
       dass Integration scheitere] und die Gesellschaft sich durch Migration
       selbst gefährde.
       
       Die Özil-Dokumentation montiert beide Ereignisse – die WM 2010 und das
       Erscheinen von Sarrazins Buch – aufeinanderfolgend; sie inszeniert das als
       abrupten Stimmungswechsel, als einen Kipppunkt.
       
       Das Problem ist nur: es war keiner. Beide Stimmungen existierten
       gleichzeitig. Das offene, diverse Deutschland und das ängstliche,
       ressentimentgeladene – beide waren im Sommer 2010 real, beide hatten ein
       Millionenpublikum – und beide warteten auf ihren Moment. Die
       Nationalmannschaft um Mesut Özil gab dem einen kurz die Oberhand. Sarrazins
       Buch dem anderen. Es gab keinen Wandel.
       
       ## Als Denkfigur verführerisch
       
       Dabei lieben wir natürlich Kipppunkte, denn als Denkfigur sind sie
       verführerisch. Sie versprechen uns etwas, was uns die Wirklichkeit meistens
       verweigert: Ordnung, Kausalität und eine erkennbare Richtung. Vorher so,
       nachher anders. Ein Moment, an dem sich etwas entscheidet. Diese Denkfigur
       hat eine wissenschaftliche Herkunft – in der Klimaforschung bezeichnet ein
       Kipppunkt den Übergang, ab dem ein System irreversibel in einen neuen
       Zustand gerät –, aber in der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung hat sie
       sich verselbstständigt.
       
       Wir reden von politischen Kipppunkten, kulturellen Zeitenwenden,
       historischen Brüchen und [3][Vibe Shifts]. Und meinen damit erklären zu
       können, dass sich etwas verändert hat. Dass eine Gesellschaft nicht mehr
       dieselbe ist wie zuvor. Das Problem ist nicht, dass Diagnosen von
       Kipppunkten immer falsch wären. Das Problem ist, dass sie fast immer das
       Falsche benennen.
       
       Im Sommer 2001 wird beim G8-Gipfel in Genua ein junger Demonstrant von
       einem Polizisten erschossen. Sein Name ist Carlo Giuliani. Für einen Moment
       bündelt sich in diesem Ereignis etwas: die Wut über unkontrollierte
       Globalisierung, die Frage nach demokratischer Kontrolle über Kapital und
       Märkte, eine gerade erst entstehende Bewegung, die den Konsens des
       Neoliberalismus grundsätzlich in Frage stellt.
       
       Man hätte das als Anfang lesen können, als ersten sichtbaren Riss in einer
       Ordnung, die sich selbst für alternativlos hält. Die Wut über Giulianis
       Ermordung hatte das Potenzial für ein Aufbegehren. Dann kommt der 11.
       September. Und quasi über Nacht verschwinden die Fragen von Genua – nicht
       weil sie beantwortet worden wären, nicht weil sie sich erledigt hätten,
       sondern weil ein anderes Ereignis alles dominiert.
       
       ## Und das Verdrängte wartet still
       
       Die Öffentlichkeit entscheidet sich, dass jetzt über Terror, über
       Sicherheit und über den Krieg gegen den Terrorismus geredet wird. Aber die
       Globalisierungskritik löst sich nicht auf. Sie wird nur unsichtbar gemacht.
       Und heute, ein Vierteljahrhundert später, in den Debatten über
       Lieferketten, über die Abhängigkeit von China, über die sozialen Kosten
       offener Märkte, kehren dieselben Fragen zurück – als wären sie neu.
       
       Im November 2008 wurde Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt, und
       die Erzählung, die sich mit dieser Wahl festsetzte, war so mächtig, dass
       sie kaum jemand laut zu bezweifeln wagte: Das Land hatte sich verändert.
       Die Geschichte der Sklaverei, der Segregation und des systematischen
       Rassismus war zwar nicht überwunden, aber von nun an konnte es nur besser
       werden.
       
       Was jedoch gleichzeitig wartete, war unsichtbar, weil es so viel leiser war
       als die Euphorie über Obamas Sieg: die Tea-Party-Bewegung, die sich in
       denselben Monaten formierte, ein Rassismus, der nie verschwunden war,
       sondern nur keine überzeugende politische Sprache mehr gefunden hatte. 2016
       wählten die USA dann zum ersten Mal Donald Trump.
       
       Was wir so oft Kipppunkte nennen, sind demnach keine Momente der
       Veränderung, sondern Momente der Selektion. Gesellschaften enthalten zu
       jedem Zeitpunkt mehrere Möglichkeiten gleichzeitig – konkurrierende
       Narrative, verschiedene Versionen von sich selbst. Ein Ereignis – Buch,
       Anschlag, Foto, Rücktritt – entscheidet, welche dieser Möglichkeiten
       Ausdruck findet und welche in den Hintergrund tritt. Dieses Ereignis
       verändert nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit. Es sortiert sie nur
       neu.
       
       Mesut Özil hat das am eigenen Leib erfahren. 2010 war er das Gesicht eines
       Deutschlands, das glaubte, die Integrationsfrage zumindest im Grundsatz
       gelöst zu haben. 2018, nach dem Erdoğan-Foto und dem frühen WM-Aus, wurde
       Özil zur Projektionsfläche für alles, was an dieser Selbsterzählung immer
       schon brüchig war: die ungelöste Frage doppelter Loyalitäten, der Rassismus
       im Fußball und im DFB, das Unbehagen der Deutschen über eine
       Einwanderungsgesellschaft, das nie verschwunden war.
       
       Die Özil-Dokumentation macht daraus die Tragödie einer Person – tatsächlich
       aber ist es die Tragödie einer Gesellschaft, die sich zwei Versionen von
       sich selbst erzählt und immer wieder überrascht ist, wenn die verdrängte
       zurückkehrt.
       
       Denn die unterlegene Möglichkeit verschwindet ja nicht. Sie wartet nur. Und
       das gilt in beide Richtungen. Die Regressionen, die uns erschrecken, haben
       meistens längst existiert – wir haben sie nur nicht als das benannt, was
       sie waren, solange die andere Geschichte lauter war. Und die Aufbrüche, die
       uns begeistern, sind fragiler als sie wirken – nicht weil sie falsch oder
       unecht wären, sondern weil das, was sie verdrängt haben, weiterläuft und
       auf seinen Moment, auf sein Ereignis wartet.
       
       Wenn wir also glauben, gerade einen Wandel zu beobachten, dann können wir
       nicht wissen, ob wir tatsächlich seinen Anfang sehen oder nur seinen
       Ausschlag. Und wir sehen nie die Möglichkeiten, die gerade still warten.
       Wir sehen immer nur die, die gerade durch ein Ereignis sichtbar geworden
       sind.
       
       Viele Menschen haben während der WM 2010 daran geglaubt, dass sich etwas in
       diesem Land verändert hat und hielten den Erfolg von Sarrazins Buch für
       einen kurzen Rückfall, für ein grimmiges Knurren einer Stimmung, die ja
       aber endlich überwunden war. Doch der Erfolg des Sarrazin-Buchs war genauso
       real wie die Euphorie über Mesut Özil im Trikot der Nationalmannschaft.
       
       ## Trügerische Hoffnungen
       
       Deshalb wird man, nachdem man die Özil-Dokumentation geschaut hat, kurz
       wehmütig, dann wütend und schließlich fragt man sich, welche Version gerade
       wieder wartet, während man die aktuelle betrachtet.
       
       In Ungarn zum Beispiel könnte kommende Woche [4][Viktor Orbán abgewählt
       werden]. Wenn das geschieht, wird man das als Kipppunkt lesen wollen: als
       Ende des autoritären Nationalismus in Europa, als Beweis dafür, dass sich
       auch verfestigte politische Systeme zurückdrehen lassen, dass liberale
       Demokratien sich regenerieren können.
       
       Auf deutschen Straßen demonstrieren Hunderttausende gegen digitale
       sexualisierte Gewalt. Auch das lässt sich als Kipppunkt erzählen: als
       Beginn einer neuen Sensibilität, als Moment, in dem eine Gesellschaft nicht
       länger bereit ist, bestimmte Formen von Gewalt zu tolerieren, als Aufbruch
       in eine andere Öffentlichkeit.
       
       Und doch zeigen andere Beispiele, wie trügerisch solche Erwartungen sind.
       Die Correctiv-Recherche über das Treffen von AfD-Politikern und
       Rechtsextremen zur sogenannten Remigration war so ein Moment.
       Hunderttausende gingen auf die Straße, die Empörung war groß, die
       Aufmerksamkeit enorm.
       
       Für einen Augenblick schien es, als könnte sich hier etwas entscheiden. Als
       würde die Stimmung gegenüber der AfD kippen, als wäre eine Grenze erreicht.
       Doch sie kippte nicht. Die Umfragewerte veränderten sich kaum. Was sichtbar
       wurde, war nicht eine neue Haltung, sondern eine, die schon längst
       existierte.
       
       ## Vielleicht setzen sich tatsächlich neue Kräfte durch
       
       Man könnte einwenden, dass manche Ereignisse eben doch mehr sind als
       Selektionsmomente – dass wirtschaftliche Krisen, Kriege, technologische
       Umbrüche die Bedingungen so grundlegend verschieben, dass bestimmte
       Möglichkeiten danach schlicht nicht mehr existieren. Das stimmt.
       
       Aber auch das bestätigt eher die These als dass es sie widerlegt: Selbst
       wenn sich die Kräfteverhältnisse verschieben, entscheidet nicht der Moment
       des Bruchs, sondern das Ereignis danach, durch das die neu entstandenen
       Möglichkeiten sichtbar werden.
       
       Vielleicht sind das Anfänge. Vielleicht sind es Ausschläge. Vielleicht
       setzen sich tatsächlich neue Kräfte durch. Vielleicht werden sie irgendwann
       wieder verdrängt. Wir werden es, wie immer, erst hinterher wissen. Und
       welchen nächsten Kipppunkt wir in ein paar Jahren als Wendepunkt erzählen
       werden – obwohl er, wie immer, gar keiner war.
       
       5 Apr 2026
       
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