# taz.de -- Kampf um türkische Fußballmeisterschaft: Hoffen gegen jede Wahrscheinlichkeit
       
       > Galatasaray Istanbul hat am Wochenende die vorzeitige Titelverteidigung
       > verpatzt. Was, wenn in dem verrotteten Fußballsystem Wandel doch möglich
       > wäre?
       
 (IMG) Bild: Rückschlag gegen Samsunspor: Galatasaray-Stürmer Victor Osimhen kann seine Enttäuschung nicht verbergen
       
       Ende April, Anfang Mai … die entscheidenden Wochen in den europäischen
       Ligen. Einige steigen auf, andere steigen ab. In Deutschland wird Bayern
       München Meister, in der Türkei Galatasaray. So ist es eben.
       
       Vor zehn Tagen, als Galatasaray in der Süper Lig den zweiten Platz
       Fenerbahçe im eigenen Stadion mit 3:0 besiegte, hatte ich meine Mutter zur
       vierten Meisterschaft in Folge beglückwünscht. Für mich war die Saison
       damit vorbei. Abgesehen von den Pokalspielen meines Vereins Beşiktaş war
       ich bereit, dem türkischen Fußball eine Pause zu gönnen – und all der
       Paranoia und dem Hass, die damit einhergehen.
       
       Wenn möglich, wollte ich sogar bis zur Weltmeisterschaft im Juni komplett
       auf Fußball verzichten, um ihn wieder vermissen zu können. Denn selbst die
       WM wird mit dem neuen Format eher langweilig sein – vor allem, wenn die
       eigene Mannschaft in einer Gruppe mit drei Ländern wie den USA, Australien
       und Paraguay landet, die nicht gerade für spektakulären Fußball bekannt
       sind.
       
       Doch es kam anders. Oder, wie Michael Corleone in „Der Pate 3“ sagt: „Just
       when I thought I was out, they pull me back in.“
       
       Galatasaray hätte am Samstag gegen Samsunspor die Meisterschaft perfekt
       machen können, zeigte jedoch eine der schwächsten Leistungen der Saison und
       kassierte gleich vier Gegentore. [1][Fenerbahçe wiederum] besiegte im
       eigenen Stadion Başakşehir, [2][trainiert von Nuri Şahin], dank eines
       Hattricks des Brasilianers Anderson Talisca, der beste linke Fuß der Liga.
       Und nun, zwei Spieltage vor Schluss, ist der Punktabstand wieder auf vier
       geschrumpft.
       
       Als ich am Sonntag bei neblig-düsterem Wetter am Fenerbahçe-Stadion
       vorbeifuhr, lag trotzdem noch immer etwas von der unheilvollen Stimmung des
       Vortages in der Luft. Denn viele Fans beschlossen, dem Spiel gegen
       Başakşehir fernzubleiben. Fenerbahçe [3][Trainer Domenico Tedesco], der in
       der Türkei dadurch auffiel, Niederlagen nicht reflexhaft den
       Schiedsrichtern anzulasten und sich schnell Sympathien erarbeitet hatte,
       wurde nach dem Galatasaray-Spiel entlassen. Präsident Sadettin Saran, der
       zu Saisonbeginn mit großen Hoffnungen angetreten war, kündigte an, bei den
       Wahlen im Juni nicht erneut zu kandidieren. Fenerbahçe liegt einmal mehr in
       Trümmern.
       
       Auch wenn Galatasaray mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Meister wird, kann
       man den Blick von der Süperlig nicht abwenden. Es ist nicht leicht zu
       erklären, warum. Vielleicht ähnelt das auch ein wenig der Innenpolitik der
       Türkei: Obwohl jedes Mal klar ist, wer gewinnt, fällt es schwer, die
       Hoffnung auf Veränderung aufzugeben. Nicht falsch verstehen – ich setze
       Galatasaray nicht mit der Regierung gleich. Da würde sich mein Großvater,
       der einst selbst für Galatasaray spielte, im Grab drehen.
       
       Blickt man auf dieses Jahrhundert, also seit der Saison 1999/2000, dann
       liegt Bayern München mit 20 Meisterschaften in 27 Jahren klar vorne.
       Galatasaray folgt – sollte es auch dieses Jahr gewinnen – mit 13 Titeln auf
       Rang zwei (gemeinsam mit PSV Eindhoven). Echte Konkurrenz haben diese
       Vereine nicht.
       
       In diesem verrotteten System ist es ohnehin schwer zu sagen, welcher Verein
       „sauberer“ ist als der andere. Doch wenn ein Team wie Fenerbahçe, das seit
       über einem Jahrzehnt keine Meisterschaft mehr gewonnen hat, diesen
       Kreislauf durchbrechen würde, könnte das vielleicht wenigstens ein kleines
       Zeichen für mögliche Veränderung im Land sein.
       
       4 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tuerkischer-Fussball/!6159050
 (DIR) [2] /BVB-entlaesst-Trainer-Nuri-Sahin/!6060180
 (DIR) [3] /Domenico-Tedesco/!t5354602
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ali Çelikkan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Frikik
 (DIR) Galatasaray Istanbul
 (DIR) Fenerbahçe
 (DIR) Kolumne Frikik
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Frikik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Liebe zum türkischen Nationalteam: Fragile Illusion
       
       Die WM-Qualifikation der türkischen Fußballer ist erfreulich. Ein Scheitern
       wäre aber auch nicht schlimm gewesen. Über die Zerrissenheit eines Fans.
       
 (DIR) Gesellschaftliche Kipppunkte: Als Idee verführerisch, doch nur ein Mythos
       
       Die ZDF-Doku über Mesut Özil zeigt: Deutschland hat sich nie selbst
       überwunden. Was wir Wandel nennen, ist oft nur ein kurzer Moment der
       Selektion.
       
 (DIR) Türkischer Fußball: Hassliebe Fenerbahçe
       
       Erdoğan behauptet, den Verein könne man nicht wechseln. Doch unser Autor
       wechselt schon zum dritten Mal. Auch aus politischen Gründen.