# taz.de -- Menschen, Tiere, Sensationen: „Ich glaube ja, der Wal ist ziemlich doof“
> Der Buckelwal in der Ostsee macht die Medien ganz wuschig. Einen Namen
> hat er auch schon. Eine Nachrichtenagentur stellt ihn in eine Reihe mit
> Knut.
(IMG) Bild: Sind so süße Kulleraugen: Timmy hat es immerhin schon bis zur Wismarer Bucht geschafft
dpa/afp/taz | Tiere und Kinder gehen immer, lautet eine angeblich goldene
Regel im Journalismus. Unabhängig davon ist auch ein Teil der taz-Redaktion
[1][schwer fasziniert von dem seit Tagen in der Ostsee umherirrenden
Buckelwal] und den damit einhergehenden Rettungsversuchen.
Aktuell befindet sich das Ungetüm in der Wismarer Bucht. Er war dort auf
einer Sandbank gestrandet. In der Nacht zu Sonntag konnte er sich mit
steigendem Wasserstand zwar wieder freischwimmen, nun scheint er aber
erneut festzustecken.
Die Rettungsaussichten für den Wal haben sich dabei deutlich
verschlechtert. „Die Prognose sieht insgesamt nicht gut aus“, sagte der
Meeresforscher Burkard Baschek am Sonntag in Wismar nach einer Begutachtung
vor Ort. Dem Wal solle jetzt Ruhe gegeben werden, damit er sich womöglich
ein weiteres Mal und dann definitiv selbst freischwimmt.
Das Tier war zunächst seit Montag auf einer Sandbank bei Timmendorfer
Strand an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste gestrandet, [2][in der
Nacht zu Freitag konnte er sich dann das erste Mal freischwimmen], nachdem
Helfer:innen mit Baggern den Meeresboden um das Tier ausgehoben und ihm
eine Rinne gegraben hatten.
## Timmy. Weil: Timmendorfer Strand
Jetzt steckt er also wieder fest. Ein taz-Redakteur kommentiert die neueste
Wal-Entwicklung am Sonntagvormittag knapp mit: „Ich glaube ja, der Wal ist
ziemlich doof.“ Doof hin oder her: Die Anteilnahme an dem Tierschicksal ist
groß, der Boulevard (und nicht nur der) hat bereits ein „Wal-Drama“
ausgerufen. Und einen Namen hat man dem 12 bis 15 Meter langen Meeressäuger
auch schon verpasst: „Timmy“. Weil: Timmendorfer Strand.
Die Nachrichtenagentur dpa lässt nun wissen, dass der möglicherweise bald
mausetote Timmy damit in einer Reihe mit anderen Tieren stehe, „die über
Nacht zu einem Star“ wurden und „die Nation“ – also die deutsche –
mitfiebern ließen. Als Beispiele genannt werden Eisbär Knut oder Krake
Paul.
„Tiergeschichten sind einfach – man muss nicht nach dem Warum fragen, man
hat eine grundlegende Sympathie, für die es keine weitere Recherche
braucht“, zitiert die Agentur den Wissenschaftler Kai Denker von der
Universität Darmstadt. Denker ist nach eigenen Angaben Verbundkoordinator
und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsvorhaben „Meme, Ideen,
Strategien rechtsextremistischer Internetkommunikation“.
Doch zurück zu den Tiergeschichten, Timmy, Knut & Co. Oder wie dpa
schreibt: „Süße Kulleraugen, schlaue Tricks oder Hilflosigkeit: Immer
wieder gab es in den vergangenen Jahrzehnten Tiere in Deutschland, die so
eine riesige Aufmerksamkeit auf sich zogen – bis der Hype plötzlich wieder
verebbte.“
## Eisbär, Krake, Brillenkaiman
Da wäre eben zunächst Knut: Der 2006 im Berliner Zoo geborene Eisbär wurde
„als knuddeliges Tierbaby“ zum Medienliebling. Nachdem er von der Mutter
verstoßen worden war, zog ihn ein Tierpfleger mit der Flasche auf. Die
Bilder, wie Knut bei seinem ersten Auftritt 2007 die Tatze wie zum Gruß
hob, gingen um die Welt. Mehr als elf Millionen Besucher sahen Knut beim
Aufwachsen zu. [3][2011 war er tot.]
Es folgt die Krake Paul, laut dpa das „wohl bekannteste tierische Orakel“
aus dem Aquarium Sea Life in Oberhausen. [4][Er kam bei der Fußball-EM 2008
und bei der Weltmeisterschaft 2010 zum Einsatz.] Bei der WM in Südafrika
sagte er den Ausgang aller Spiele mit deutscher Beteiligung sowie des
Endspiels zwischen Spanien und den Niederlanden richtig voraus. Kurz darauf
war die Krake tot. Es wurde eine Urne in Form eines Kraken angefertigt.
Für das nächste Tier musste man etwas tiefer in der Vergangenheit graben
und fand: Brillenkaiman Sammy, ein Sommerloch-Tier von 1994. Sein Besitzer
machte damals mit Sammy einen Ausflug an einen Baggersee bei Dormagen in
Nordrhein-Westfalen. Das Tier riss sich von seiner Leine los und
verschwand. Große Aufregung: Es wurde wie irre gesucht, der Badesee wurde
gesperrt, es gab ein Fanclub für das ausgebüxte Tier. Nach fünf Tagen wurde
Sammy wieder eingefangen.
Der WDR erinnerte im vergangenen Jahr an Sammy und seine weitere Karriere.
Demnach ist der Besitzer nach Ende der Suche zunächst „glücklich, bekommt
sein Tier aber nicht zurück und sitzt aufgrund der Einsatzkosten auf einem
Schuldenberg“. Sammy sei stattdessen in einen Tierpark umgezogen und habe
dort noch 20 Jahre weitergelebt. Heißt: Auch Sammy ist schon tot.
## Der Wal von Bonn
Noch weiter zurück blickt dpa zuletzt auf Beluga Moby Dick, auch der sei
eine wahre Berühmtheit gewesen. Das ist jetzt aber schon wirklich lange
her, nämlich 60 Jahre. Der Bundeskanzler hieß damals Ludwig Erhard. Und
auch ansonsten war alles anders. Es gab sogar noch die FDP.
Das etwa vier Meter lange Tier schwamm jedenfalls 1966 den Rhein hinauf bis
nach Bonn (!) und bekam den Namen Moby Dick. Die Menschen standen in
Scharen am Flussufer, um den Besucher aus der Arktis zu sehen. „War ein
schöner Kerl, enorm groß“, erinnerte sich ein von der Nachrichtenagentur
nicht namentlich genannter Zeitzeuge in einem nicht näher spezifizierten
Interview.
Ende gut, alles grau: Während der rund vier Wochen im Fluss verlor Moby
Dick sein strahlendes Weiß, sah zunehmend scheckig und grau aus. Nach
mehreren Kehrtwendungen erreichte er wieder die Nordsee. Sein weiteres
Schicksal ist unbekannt.
## Neoprenbiologe versus Umweltminister
Unterdessen treibt die Timmy-Rettung aus der Ostsee immer seltsamere
Blüten. Nicht nur, dass das Online-Angebot der Bild-Zeitung
zwischenzeitlich eine Live-Videoschalte eingerichtet hatte, bei der es
zumindest am Sonntagnachmittag faktisch nichts zu sehen gab. Auch beklagte
sich jetzt ein social-media-affiner Tierfreund, man habe ihn von weiteren
Rettungsaktionen ausgeschlossen.
Auf Instagram berichtete der Biologe Robert Marc Lehmann, dass
Verantwortliche ihm als Grund hierfür „Selbstdarstellung“ unterstellt
hätten. Zudem sei er vor Ort bereits unfreundlich begrüßt worden. Lehmann
hatte in den vergangenen Tagen vor Timmendorfer Strand im Neoprenanzug
neben dem auf einer Sandbank gestrandeten Wal gestanden.
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) wies Lehmanns
Anschuldigungen bei einer Pressekonferenz in Wismar zurück. „Wir haben
niemanden ausgeschlossen“, sagte Backhaus.
29 Mar 2026
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(DIR) Rainer Rutz
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