# taz.de -- Christliche und weltliche Feiertage: Mehr Demokratie feiern
> Die christlichen Kirchen bestimmen mit ihren Feiertagen den
> Jahresrhythmus. Angesichts ihres Bedeutungsverlustes ist das nicht mehr
> zeitgemäß.
(IMG) Bild: Nicht aussortiert, sondern an einer Wallfahrtskirche abgestellt. Auch atheistische Arbeitnehmer stehen hinter den krichlichen Festen
Mit der sogenannten Karwoche beginnt die Brücken- und Feiertagssaison,
zwischen April und Juni gibt es einige verlängerte Wochenenden. Das Timing
passt bestens zu den Freizeitinteressen abhängig Beschäftigter, die lieber
bei Sonnenschein als bei herbstlichem Dauerregen arbeitsfrei haben. Den
Anlass dieser gesellschaftlichen Pausen bestimmt fast ausschließlich der
christliche Kalender – auch wenn den Sinn von Festen wie Pfingsten oder
Fronleichnam selbst viele Kirchenmitglieder nicht immer erklären können.
Deren Zahl sinkt durch Austritte, Todesfälle und ausbleibende Taufen
ohnehin stetig.
Anfang 2025, das sind die letzten verfügbaren Zahlen, lebten in Deutschland
knapp 18 Millionen Protestanten und 19,8 Millionen Katholiken. Fast 40
Millionen Menschen sind inzwischen ohne Religionszugehörigkeit, der Rest
verteilt sich auf Muslime und andere Glaubensgemeinschaften. Seit den
1950er Jahren ist der Anteil der Christen in der Bevölkerung von einst 96
auf rund 45 Prozent gefallen, hat sich also mehr als halbiert. Zudem haben
nicht wenige Kirchensteuerzahler seit Jahren kein Gotteshaus mehr von innen
gesehen. Oder höchstens bei einer Beerdigung. Sie sind nur noch aus
Tradition dabei, oder weil sie wegen ihrer Anstellung bei einem
christlichen Arbeitgeber dazu verpflichtet sind.
Umgekehrt hat sich der [1][Anteil der Ungläubigen von fünf auf fast 50
Prozent verzehnfacht]. Überzeugte Atheisten und freie Agnostiker werden in
naher Zukunft die Mehrheit der deutschen Bevölkerung stellen. Deshalb
brauchen wir mehr weltliche Feiertage. Bundesweit gibt es derzeit nur drei:
Neujahr, den Tag der Arbeit am 1. Mai und den 3. Oktober als Tag der
Deutschen Einheit. Die sechs christlichen Pendants, deren genaue Termine
nach dem Kirchenkalender variieren, sind Karfreitag, Ostermontag,
Pfingstmontag, Christi Himmelfahrt und die beiden Weihnachtstage.
Daneben gibt es regionale oder sogar lokale Regelungen, die das
Ungleichgewicht zugunsten der Kirchen drastisch vertiefen: Heilige Drei
Könige am 6. Januar (Feiertag in Baden-Württemberg, Bayern,
Sachsen-Anhalt), Fronleichnam (katholisch geprägte Länder im Süden und
Westen) Mariä Himmelfahrt am 15. August (teilweise Bayern, Saarland),
Reformationstag am 31. Oktober (evangelisch geprägte Länder im Norden und
Osten) Allerheiligen am 1. November (katholische Länder). Deutscher
Feiertagschampion ist die Stadt Augsburg, die sich auch noch das
„Friedensfest“ am 8. August gönnt. An dem Tag wird an das Ende des
Dreißigjährigen Krieges erinnert. Die bayerischen Schwaben müssen an
insgesamt 14 Tagen im Jahr nicht zur Arbeit, die Berliner hingegen müssen
vier Tage länger schuften. Im EU-Vergleich stehen Belgien und Lettland mit
17 Tagen an der Spitze, die meisten kirchlichen Feiertage hat Österreich.
## Christliche Anlässe müssten wegfallen
Katholische Länder waren schon immer privilegiert, erst in jüngster Zeit
versuchen weniger gläubige Regionen aufzuholen. Der [2][Internationale
Frauentag ist seit einigen Jahren in Berlin] und Mecklenburg-Vorpommern
arbeitsfrei. Die Hauptstadt feierte 2025 einmalig den 8. Mai als Tag der
Befreiung vom Faschismus. 2028 dürfen sich Berliner auf einen freien Tag am
17. Juni freuen – als Gedenken an den Volksaufstand in der DDR 1953.
Thüringen leistet sich als Extra den Weltkindertag am 20. September.
Solchen Vorbildern könnten weitere folgen, etwa der Holocaust-Gedenktag am
27. Januar. Oder ein Verfassungstag zur Verabschiedung des Grundgesetzes am
23. Mai. Vor allem aber wäre es wegen der wachsenden Zahl von Deutschen mit
Migrationsgeschichte und anderen religiösen Orientierungen längst
angemessen, einen [3][muslimischen Feiertag] einzuführen. Möglichkeiten
wären das Zuckerfest am Ende des Ramadan oder das Opferfest.
Christliche Anlässe müssten dafür wegfallen. Mancherorts passiert das
schon, so ist der protestantische Buß- und Bettag am 18. November nur noch
in Sachsen heilig. Schon wegen des meist schlechten Wetters um diese Zeit
war dessen Abschaffung relativ leicht durchzusetzen. In vielen
Nachbarstaaten, darunter auch katholischen, sind Feste wie Ostern,
Pfingsten, Weihnachten kein Grund für gleich zwei freie Arbeitstage. Und
auch der 17. Juni zum Gedenken an den Aufstand in der DDR wurde in
Westdeutschland nach dem Mauerfall zugunsten des 3. Oktober gestrichen.
## Errungenschaften feiern und an Ereignisse erinnern
Ein Dorn im Auge sind Feiertage stets der Unternehmerlobby. Regelmäßig
plädieren arbeitgebernahe Verbände und Ökonomen dafür, ein oder gleich
mehrere von ihnen ersatzlos wegfallen zu lassen. Erstgenannter Kandidat ist
meist der Pfingstmontag, auf der Streichliste folgen Ostermontag, der
zweite Weihnachtstag und der Karfreitag. In der derzeitigen ökonomischen
Krise seien solche Streichungen gut für die Konjunktur, führten zu mehr
Wirtschaftswachstum und steigerten das Bruttosozialprodukt – lautet das
Standardargument.
Produktionsausfälle von 8,6 Milliarden Euro verursache jeder arbeitsfreie
Tag, behauptet die Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU, die zuletzt
mit ihrer Kampagne gegen die angebliche [4][„Lifestyle-Teilzeit“]
unrühmlich von sich reden machte. Die Gewerkschaften sprechen dagegen zu
Recht von einer versteckten Lohnkürzung. Auch in demoskopischen Umfragen
kommen solche Ideen verständlicherweise nicht gut an. Denn historisch
betrachtet sind Feiertage immer das Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen
um die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen.
Es fällt auf, dass das Thema fast nur unter dem Aspekt seiner möglichen
ökonomischen Folgen diskutiert wird. Dass es passend wäre, nicht nur
religiöse Feste, sondern auch demokratische Errungenschaften zu feiern und
an wichtige historische Ereignisse zu erinnern, rückt kaum ins Blickfeld.
Mehr weltliche Anlässe würden eine diverse und säkularisierte Gesellschaft
besser spiegeln als die einseitige Orientierung am Christentum. Initiativen
in diese Richtung indes dürften zu heftigen Kulturkämpfen führen. Denn in
der Politik wagt kaum jemand, an den vielfältigen Privilegien der
christlichen Kirchen zu rütteln.
1 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Gesterkamp
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