# taz.de -- Timmy erhält Salbung von Steinmeier: Ein Wal kann nicht alles überleben
       
       > Superwaljahr in der Ostsee: Ein Beluga macht Timmy die Aufmerksamkeit
       > streitig, bevor er tot ist. Zum Glück gibt es noch Frank-Walter
       > Steinmeier.
       
 (IMG) Bild: Gestrandeter Wal Timmy: Was hätte Frank-Walter Steinmeier ihm sagen können?
       
       Für Politiker*innen ist es derzeit nicht ganz ohne Risiko, an die
       Ostseeküste zu reisen. Denn um einen Krankenbesuch beim nach dem
       Timmendorfer Strand benannten Wal, der vor Poel festsitzt, kommt keiner
       herum, der nicht als herzlos gelten will. Und zugleich kann es, obwohl Wale
       meist sehr langsam sterben, einfach passieren, dass Timmy unmittelbar
       danach seinen letzten Blas tut – und schon hat man ein ähnliches
       Image-Problem wie J. D. Vance.
       
       Denn dass Papst Franziskus, unmittelbar nachdem er den US-Vizepräsidenten
       empfangen hatte, gestorben ist, gehört seither zu den Running-Gags nicht
       nur der deutschen Polit-Comedy. Und das wird so bleiben. Denn das Bild als
       Witzfigur, die stets das Böse will und überhaupt nichts schafft, hat durch
       seine Wahlkampfvisite bei Viktor Orbán in Ungarn und seine ebenso
       erfolgreiche Tätigkeit als Friedensverhandler in Islamabad an Substanz
       deutlich gewonnen.
       
       Aber kann der Staat ein so stattliches Tier wie Timmy vor seiner Küste
       einfach sich selbst überlassen, [1][als wäre es ein Flüchtling in Seenot]?
       Doch wohl kaum! Schon dass die Landesregierung, auf Fachgutachten gestützt,
       darauf hingewiesen hat, dass es keine Rettung mehr für den Meeressäuger
       gibt, hat in dem mehrheitlich von besorgten Bürgern besiedelten Landstrich
       für Unruhe und Proteste gesorgt. Eine Frau hat versucht, zum Wal zu
       schwimmen. Am Kai standen Menschen mit Pappkarton-Transpis. Werden die
       jetzt alle AfD wählen?
       
       Insofern erweist es sich erneut als Segen, dass Deutschland sich nach wie
       vor einen Bundespräsidenten leistet. Der kann diese drohende
       Repräsentations- und Betreuungslücke füllen. Und in dieser Hinsicht ist
       Frank-Walter Steinmeier mit seiner oft belächelten Salbungsfülle ein echter
       Glücksfall: Am Dienstag war er in Stralsund und hat sich vor Ort über den
       Wal informieren lassen.
       
       Fragen wirft das dennoch auf. Denn was hätte er Timmy besser direkt sagen
       können? Hätte er ihm – das wäre politisch wichtig gewesen, aber vielleicht
       zu gewagt, angesichts der gebotenen Überparteilichkeit! – ins Gewissen
       geredet, die Walkolleg*innen vor der Einwanderung in den Ostseeraum zu
       warnen?
       
       Schließlich scheint Timmys schlechtem Beispiel bereits ein Beluga-Wal
       gefolgt zu sein: Er wurde am Dienstag vor Flensburg gesichtet. Steinmeiers
       erklärtes Vorbild Johannes Rau hätte die Gelegenheit jedenfalls nicht
       verpasst, zu mahnen, dass die Wale mit ihrer Jagd nach billigen
       Schlagzeilen nicht für Aufklärung sorgen, sondern für Aufregung. Und dass
       sie zu einem Klima der Gereiztheit beitragen würden, [2][wenn sie die
       Ostsee in einen stinkenden Walfriedhof verwandeln].
       
       Ist das ein realistisches Szenario? Kann das passieren? Und welche
       Auswirkungen hat dieses neuartige Walverhalten auf die vom Fremdenverkehr
       als Ziele beliebten Strände des sonst so schön fremdenfeindlichen
       Mecklenburg-Vorpommern? Aber auch theologisch: Hieße die unctio extremis,
       also auf evangelisch die Krankensalbung, bei Walen eigentlich Letzte
       Tranung?
       
       Ach, wahrscheinlich wäre es in die Richtung gegangen, dass er ihm eröffnet,
       schon in den vergangenen Tagen hier an der Küste unterwegs gewesen zu sein,
       weil Steinmeier, wie er das seit nunmehr fast vier Jahren regelmäßig tue,
       seinen Amtssitz für eine halbe Woche verlegt habe.
       
       „Ortszeit nenne ich das“, so hätte sich Frank-Walter Steinmeier ausdrücken
       können, „und es ist jetzt in Stralsund schon die achtzehnte“. Und wenn
       Timmy genau zugehört hätte, wäre er dann unfehlbar still geworden und
       unendlich sanft entschlafen. So, wie man es sich wünscht.
       
       14 Apr 2026
       
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