# taz.de -- Austellungen in Karlsruhe: Die KI kennt keine feinen Unterschiede
       
       > Hypnose oder Wettstreit mit dem Bewusstsein: Unterschiedlicher könnte man
       > das Verhältnis von Kunst und KI nicht darstellen als in zwei Karlsruher
       > Ausstellungen.
       
 (IMG) Bild: Das Denken der Technik dekonstruieren: Anna Barhams Video „Magenta Emerald Lapis“ von 2009 ist im Badischen Kunstverein zu sehen
       
       Kaum ein Tag ohne Meldung über neue, bedrohliche KI-Anwendungen. Aktuell
       geht es um Waffen, die eigenständig Krieg führen können oder um digitalen
       Missbrauch durch Fake-Pornografie. Da wirkt es fast trivial, sich mit
       KI-Kunst zu befassen. Doch bedeutet das Nachdenken über Kunst zugleich eine
       Vergewisserung der mentalen Ressourcen des Menschen: seine Art zu denken,
       die Welt wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen.
       
       Künstliche Intelligenz ist zweifellos eine Technologie, die die Menschheit
       eine Weile beschäftigen wird. Aber kann KI Kunst? Nein, sagt der
       Medienphilosoph Dieter Mersch. Sein gleichnamiges Buch gibt umfassend
       Auskunft, warum das so ist. Die Lektüre gibt tiefe Einblicke sowohl in die
       Black Box KI als auch in den Werkzeugkasten der Ästhetik, der bei der
       rasanten Entgrenzung des Kunstbegriffs in Vergessenheit geraten ist. Zwei
       Ausstellungen in Karlsruhe führen den Unterschied zwischen maschinell
       generierter Kunst und humaner Kunst kritisch vor Augen.
       
       Im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) lädt ein Projekt des
       [1][Medienkünstlers Refik Anadol] noch bis 27. März zur „Happy Hour“ ein.
       Auf einer achteinhalb Meter hohen LED-Wand simulieren bewegte Farbmassen
       ein abstraktes Schauspiel erhabener Naturkräfte. Die Data Sculpture
       „Machine Hallucinations – Satellite Simulations – B“ (2021) speist sich aus
       zwei Millionen Fotografien des Planeten Erde, aufgenommen von verschiedenen
       Weltraumteleskopen, deren Bilder allerdings im Mahlstrom der konvulsiven
       Knetbewegungen der KI untergehen. Entspannte Lounge-Atmosphäre,
       psychedelische Ambient Music, eine Bar. Was will man mehr?
       
       ## Ein sinnloser, narkotisierender Pudding
       
       Anadol gehört zu den Medienkünstlern, die neueste Formen von Generativen
       Adversarial Networks (GAN) nutzen. Mersch legt in seinem Buch offen, dass
       bei dieser für Kunstanwendungen beliebten multimodalen Anwendung an
       zentraler Stelle ein Zufallsmaß ins Spiel komme, und sieht solche Projekte
       skeptisch. „Die Aussage, dass die Technologie der GANs unsere Weise, über
       Kunst und Kreativität nachzudenken, revolutionieren wird, schrumpft damit
       auf die Einfältigkeit eines Zufalls ohne Einfall.“ Auch der berühmte
       Kunstkritiker Jerry Saltz verwarf 2024 in der New York Times ein ähnliches
       Projekt Anadols. Es sei „sinnlos, gefällig, ein narkotisierender Pudding“.
       
       Die monumentale Arbeit ist Teil eines improvisierten Ausstellungsformats,
       das den aufgrund der städtischen Sparmaßnahmen unbespielten ZKM-Lichthof
       mit Leben füllen soll. Unter dem Titel „The Screen“ werden nacheinander
       drei verschiedene Arbeiten gezeigt, die unterschiedliche Formen der
       Zusammenarbeit von Mensch und Maschine vorstellen. Der Präsentation Anadols
       folgt ein Projekt von Sasha Stiles, einer amerikanischen Dichterin und
       KI-Forscherin, die generative KI-Modelle für ihre Textproduktion nutzt und
       KI als Co-Autorin versteht (29. März bis 10. April).
       
       Laut ZKM versteht Stiles [2][Künstliche Intelligenz als mögliche Erbin der
       Poesie]. Diese Aussage lässt aufhorchen, zumal auf ihrer Homepage zu lesen
       ist, dass Ray Kurzweil, ein Vertreter des Posthumanismus, ihre Arbeit
       gelobt habe. Man darf gespannt sein, worauf ihre Arbeit hinausläuft. Den
       Schlusspunkt setzt das von Software-Entwicklern des ZKM konzipierte
       partizipative Projekt „Agent Provokateur“, das in Echtzeit ausgelöste
       „kreative Prozesse“ sichtbar macht und die Grenzen der Künstlichen
       Intelligenz aufzeigen soll (11. bis 26. April).
       
       ## KI kennt keine feinen Unterschiede
       
       Künstlerisches Denken sei ohne reflexives Denken, ohne Vernunft und
       Verstand nicht möglich, sagt Mersch. Das tut jedoch dem Siegeszug der
       KI-Kunst keinen Abbruch. Offenbar muss Künstliche Intelligenz erst auf alle
       erdenkliche Weise gegen den Strich gebürstet werden, um den Hype zu
       brechen. Dabei liegt es auf der Hand, dass die mangelnde Fähigkeit der
       Technologie, feine Unterschiede zu bewerten und relevante Inhalte von
       unwichtigen zu unterscheiden, ein Problem darstellt. Verschachtelte
       neuronale Netzwerke, Milliarden von Daten, zahllose Musterabgleichungen,
       die unvorstellbar viel Rechenleistung und Energie erfordern, sollen die
       Komplexität der Wahrnehmung und des Denkens des Menschen ersetzen. Was für
       ein Irrsinn.
       
       Museen wie das Museum of Modern Art in New York öffnen ihre Häuser für
       solche, in ihrer bombastischen Harmlosigkeit zutiefst verstörende
       Produktionen. Weil immersive Farbwelten Faszination auslösen? Trauen sich
       die Experten schlicht nicht, sich der innovativen, allmächtig wirkenden
       Black-Box-Technologie zu verweigern?
       
       Ein wichtiger Aspekt der Funktionsweise Künstlicher Intelligenz ist der
       technische Zufall, der mit dem Zufall, [3][wie ihn die Avantgarden des 20.
       Jahrhunderts eingesetzt haben], nicht verwechselt werden darf. Der
       technische Zufall der von Computerkünstlern der Stuttgarter Schule in den
       1960er Jahren geschaffen Werke etwa zielte laut Mersch darauf, entsprechend
       „einer humanen Bewertung als ‚schön‘, ‚harmonisch‘ oder (…) ‚gehaltvoll‘
       erscheinende grafische Strukturen zu schaffen, während die
       avantgardistischen Ökonomien des Zufalls auf einen Umsturz im Ästhetischen“
       abzielten.
       
       ## Künstlerin Anna Barham geht es nicht um Effekte
       
       Die britische Künstlerin Anna Barham (*1974) wiederum nutzt die Fehler von
       einfachen Sprache-zu-Text-Programmen, um poetische Sprünge herzustellen.
       Die Britin stellt parallel zur ZKM-Präsentation im fußläufig zwanzig
       Minuten entfernten Badischen Kunstverein aus. [4][Mathematik und
       Philosophie bilden den Hintergrund ihrer experimentellen Arbeiten]. Ihr
       Interesse gilt der Sprache, die sie, wie übrigens auch Sasha Stiles, als
       eine Art Technik begreift. Doch geht es Barham nicht um Effekte, sondern um
       die Erforschung der Untiefen der Sprache, um die Erkundung von Stimmlage
       und Sprechrhythmus.
       
       In ihrer neuesten Arbeit, der 5-Kanal-Soundinstallation ZYX, baute sie die
       Halluzinationen genannten Fehler der Künstlichen Intelligenz in ihre
       Erzählung ein. Diese berichtet von einer psychedelischen Erfahrung.
       
       In einem leicht abgedunkelten Raum liegt ein großer Teppich, der im Licht
       der Scheinwerfer wie ein Abgrund bewegter Strudel wirkt. Der Klang eines
       Metronoms, eine aus der Ferne herangewehte Musik, dumpfer Herzschlag. Die
       Außenwelt verschwindet. Was bleibt, ist eine Stimme, die das Alphabet
       rückwärts aufsagt, übergeht in ein kosmisches Dröhnen, das auf- und
       abschwillt.
       
       Eine Frau liegt im Gras, Vögel zwitschern, der Wind fährt durch die
       Baumkronen, der Himmel erstreckt sich grenzenlos über ihr. Ein Gesicht
       schiebt sich dazwischen, das Gesicht ihres Vaters, der starb, kurz nach
       ihrer Geburt oder als sie sehr jung war – das wird nicht ganz klar. Die
       Erzählung bricht ab, setzt wieder ein. Sie besteht aus einzelnen Bildern,
       Erinnerungsfetzen, die ein Fenster zur Vergangenheit aufstoßen. Fünfzehn
       Minuten dauert der Trip, gefühlt ist es nur ein kurzer Moment.
       
       ## Maschinelle Fehlinterpretation
       
       Um maschinelle Fehlinterpretationen ihrer Erzählung hervorzurufen, nutzte
       die Künstlerin für ZYX ein Spracherkennungssystem. Zudem programmierte sie
       einen Audiofilter, der Merkmale der Sprache wie Zögern, Wiederholung,
       Atmung, Akzent und Stimmbelastung verstärkt. Die Aufmerksamkeit verlagert
       sich auf diese Weise auf die körperlich bedingten Eigenschaften der Stimme.
       
       Barham löst eine Reise ins Bewusstsein aus, die Zuhörer und Zuhörerinnen
       mitnimmt, ohne konkrete Reiseziele zu bestimmen. Während KI-Kunst weder
       Vergangenheit noch Zukunft kennt, auf die sie sich beziehen kann,
       konfrontiert Barham das Publikum mit dem Tiefenraum menschlichen Erlebens.
       Ihre Halluzinationen sind keine Träumereien, sondern wurzeln in einem
       Schmerz.
       
       Mersch fordert ein eben solches, unabhängiges künstlerisches Denken, das
       sich von der algorithmischen Rationalität absetzt. Zentrale Punkte des
       Kunstmachens sei das permanente Hinterfragen der eigenen Arbeit und eine
       Zeitgenossenschaft im Sinne einer Auseinandersetzung mit der Gegenwart und
       der Vergangenheit. Er plädiert dafür, Kunst wieder mehr in der Nähe der
       Philosophie anzusiedeln. In der Ära der Hypertechnologien könnte das eine
       gute Idee sein.
       
       23 Mar 2026
       
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