# taz.de -- Buch über Künstliche Intelligenz: Die gestohlene Sprache
       
       > In „Large Language Kabbala“ entlarvt der Informatiker Martin Warnke den
       > Mythos, KI könne „denken“. Sie erzeuge lediglich Sprache ohne Weltbezug.
       
 (IMG) Bild: Wenn Worte fehlen weil sie stibizt wurden
       
       Folgt man den politischen Debatten und erst recht den in den USA geplanten
       Investitionen von mehr als 500 Milliarden US-Dollar allein in diesem Jahr,
       so ist „künstliche Intelligenz“ eine wahrhaft „disruptive“, weil
       schlagartig alles verändernde Technologie. Zweifellos hat sie immense
       Auswirkungen auf [1][Wirtschaft und Gesellschaft], ganze Branchen werden in
       Rekordzeit umstrukturiert, unzählige Jobs im sich bisher unverzichtbar
       wähnenden Mittelbau wegrationalisiert.
       
       Ihr eigentliches Potenzial soll indes eine maschinelle Superintelligenz
       sein, die den Menschen in jeder Hinsicht haushoch überlegen wäre und nach
       Auffassung vieler nicht nur im Silicon Valley lediglich eine Frage der Zeit
       ist.
       
       Diese Vorstellungen mögen als Geschäftsstrategien der Techkonzerne
       durchgehen, die Aufmerksamkeit für ihre Produkte erzeugen wollen, oder als
       Fantasien eines dunklen Posthumanismus. Ihnen liegen aber grundsätzliche
       Missverständnisse über Intelligenz, Bedeutung und Verstehen zugrunde, die
       der Architektur der sogenannten Großen Sprachmodelle wie ChatGPT
       unausweichlich eingeschrieben sind.
       
       ## Ohne Bezug zur Realität
       
       Denn die Large Language Models (LLMs) lassen sich als späte Umsetzung einer
       strukturalistischen Linguistik verstehen, die Wörter, Wortfolgen,
       Verteilung, Semantik und überhaupt Sprache nach Wahrscheinlichkeit
       statistisch erfassen, ohne irgendeinen Bezug zur Realität zu benötigen. Sie
       erzeugten „Sprache ohne Weltbezug“. So argumentiert das im Januar
       erschienene Buch „Large Language Kabbala“ des Informatikers Martin Warnke.
       
       Der Band spannt auf 160 Seiten einen gewaltigen Bogen, der mit der
       Vorstellung einer künstlichen Superintelligenz gründlich aufräumt und deren
       theoretische Annahmen in weiten Teilen als magisches Denken im wörtlichen
       Sinn entlarvt. Warnke zeigt auf, wie am Beginn der KI in den 1950er- und
       60er-Jahren der Versuch stand, neuronale Netze nach dem Vorbild des
       menschlichen Gehirns zu bauen, und wie irgendwann die Computerlinguistik
       übernahm.
       
       Ihr intellektueller Vorläufer ist für Warnke der amerikanische Linguist
       Zellig Sabbettai Harris, der Sprache anhand statistischer Verteilungsmuster
       und Wahrscheinlichkeiten analysierte. Mit der Linguistik sei aus dem
       ursprünglichen Versuch, „Weltverhältnisse zu technisieren“, künstliche
       Spracherzeugung geworden, „linguistisch perfekt, zunehmend inzestuös und
       handgreiflich“. Dieser gehe es nur um statistische Korrelationen, niemals
       um Kausalitäten, die die Maschine „by design“ nicht erfassen könne. Dass
       Sprache ohne Weltbezug keine Erfindung des [2][Silicon Valley] ist, zeigt
       Warnke an der jüdischen Kabbala: Schon mittelalterliche Schriftgelehrte
       erzeugten Sinn allein aus der Kombination heiliger Texte – Sprache aus
       Sprache, ohne Rückbindung an eine Wirklichkeit außerhalb des Textes.
       
       Der Autor ist als „Kulturinformatiker“ kein Technikskeptiker, ihm geht es
       nicht um dystopische Warnungen oder KI-Bashing. Er wendet sich aber gegen
       die Vorstellung einer „intelligenten“, denkenden Technik. Die KI habe alles
       gelesen, aber nichts verstanden. Würden lernende Systeme von Anfang an
       linguistisch gedacht, schreibt er, käme niemand auf die Idee, nach
       Intelligenz zu fragen. Die Sprache der Sprachmodelle sei zwangsläufig
       „gestohlen“, sie habe „weder Stimme noch Körper“, bleibe „syntaktische
       Mimikry“.
       
       Neben seiner luziden Erklärung künstlicher Sprache ist das
       Hervorstechendste seines Buches vielleicht, wie er zentrale Annahmen
       postmoderner Medienwissenschaften abräumt, denen zufolge sich die Realität
       zwischen Technologie und Struktur aufzulösen drohe. Für Warnke markiert der
       fehlende Bezug zur Wirklichkeit die [3][Grenzen einer Technologie], deren
       Macht eher in ihrer Über- und Fehleinschätzung liegt. Letztlich geht
       „Bedeutung eben doch nicht völlig in Grammatik auf“, schreibt er. „Trauen“
       sollten wir der KI jedenfalls nicht.
       
       20 Mar 2026
       
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