# taz.de -- Heimischer Anbau: Eine harte Nuss
       
       > Walnüsse aus dem Supermarkt kommen fast immer aus Übersee. Vivian
       > Böllersen aus Brandenburg will das ändern.
       
 (IMG) Bild: Vivian Böllersen in ihrem Hofladen
       
       Dieser Duft! Ein Hauch von Weihnachten weht durch den kleinen Hofladen im
       brandenburgischen Herzberg. Ist es Gebäck? Zimt? Schokolade? Nichts
       dergleichen: Es sind Walnüsse. Kiloweise! In Säcken und Bastkörben liegen
       sie aus, einige noch ganz frisch, andere mehrere Jahre alt. Auf laminierten
       Schildern stehen ihre Namen: Milotai, Moselaner, Weinberg-Mix. Dahinter ein
       raumhohes Regal mit Öl, Käse, Mehl, Senf und Likör. Die prägende Zutat ist
       immer dieselbe: Walnuss.
       
       Hinter einem kleinen Tresen steht Vivian Böllersen und brüht sich einen
       Kaffee, ganz klassisch aus Kaffeebohnen, denn einen Walnusstrunk gibt’s
       bisher nicht. Ganz abwegig wäre die Idee nicht, immerhin dreht sich bei
       Böllersen einfach alles um die kleine Frucht. „Die meisten Leute bevorzugen
       dünnschalige Sorten“, sagt die 38-jährige Ökolandwirtin und greift
       demonstrativ zum Nussknacker. Milotai, die dünnschalige Variante, platzt
       sofort auf. Trotzdem mag die Expertin die Moselaner lieber. „Durch die
       harte Schale hält sie deutlich länger. Selbst nach zwei Jahren schmeckt sie
       manchmal wie frisch nach der Ernte.“
       
       Es ist eine von vielen Walnussweisheiten, [1][die sich Böllersen in den
       vergangenen Jahren erarbeitet hat]. Ihre Mission: die Frucht zurück nach
       Deutschland zu holen. Denn obwohl in vielen Privatgärten seit jeher
       Walnussbäume stehen, werden sie landwirtschaftlich kaum genutzt. Fast alle
       Walnüsse, die man im Supermarkt kaufen kann, stammen aus dem Ausland.
       31.000 Tonnen wurden im Jahr 2024 allein aus den USA importiert, wie das
       Statistische Bundesamt mitteilt. „Dabei gehört die Walnuss doch hierher“,
       sagt Böllersen.
       
       Das erste Mal mit dem Thema in Kontakt kam sie während ihres Studiums zu
       Ökolandbau und Vermarktung in Eberswalde. Sie war dort eine der wenigen,
       die nicht aus einer Bauernfamilie kamen – vielleicht daher ihr Hang,
       ungewöhnliche Fragen zu stellen. „Auch mein Dozent konnte mir nicht
       erklären, warum in Deutschland kaum jemand Geld mit der Walnuss verdient.“
       Also ging sie der Sache selbst auf den Grund, schrieb ihre Masterarbeit
       über „Möglichkeiten und Grenzen des Walnussanbaus in Deutschland“. Heute
       steht das Werk zum Kauf im Hofladen, neben „So schmeckt Brandenburg“ und
       „Das Nussbuch“.
       
       ## Kein schneller Profit
       
       In Deutschland, fand Böllersen heraus, fristet der Anbau vor allem deshalb
       ein Schattendasein, weil er keinen schnellen Profit verspricht.
       Walnussbäume brauchen fünf Jahre und länger, bis sie Früchte tragen. Den
       vollen Ertrag liefern sie oft erst nach 15 oder 20 Jahren. Dazu kommt, dass
       der Baumbestand sowieso dezimiert war. „In beiden Weltkriegen wurden
       zahllose Bäume gefällt und ihr Holz zur Herstellung von Gewehrkolben
       verwendet“, [2][schreibt das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft]:
       Zwei Extremwinter, 1941/42 und 1955/56, hätten die Zahl der wärmeliebenden
       Bäume weiter minimiert.
       
       Was den Walnussbäumen in den kalten Wintern zum Verhängnis wurde, könnte
       jetzt ein Vorteil sein: „Aus ökologischer und ökonomischer Sicht spricht
       viel für die heimische Walnuss“, sagt die Agrarökologin Leonie Steinherr,
       die an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde ein
       Forschungsprojekt zu klimaresistenten Gehölzen leitet, also zu Bäumen,
       [3][die mit zunehmender Trockenheit klarkommen.] Da ihre Testbäume gerade
       erst gepflanzt wurden, stehen konkrete Ergebnisse noch aus. In der engeren
       Wahl befinden sich aber schon mal: Maulbeeren, Esskastanien – und Walnüsse.
       
       „Ein spannender Baum“, findet Steinherr, „weil er mehrfach nutzbar ist.“
       Man könne nicht nur die Früchte essen, sondern auch das Holz verarbeiten.
       Und wenn Walnüsse aus Deutschland kommen, hätten sie wegen der kürzeren
       Transportwege eine deutlich bessere Ökobilanz. Dass die Zahl der
       Anbaubetriebe hierzulande wieder leicht zunimmt, sieht sie als positiven
       Trend. „Aktuell haben wir hier eine Marktlücke.“
       
       Darauf hofft auch Vivian Böllersen, die bislang noch nicht mit großen
       Supermarktketten zusammenarbeitet. Derzeit lebt sie von der
       Direktvermarktung über ihren Laden und ihren Onlineshop. Vor allem am
       Anfang, erzählt sie, fehlte es an allem: kein Hof, keine Plantage, kein
       Geld. Erst nach langer Suche gelangte sie an Fördergelder, mit denen sie
       ihren Betrieb aufbauen konnte. Ihr Mann verkaufte seinen Berliner
       Fahrradladen, um das gemeinsame Projekt zu unterstützen.
       
       Im Jahr 2015 pachtete Böllersen ihr erstes Grundstück, eine 4,5 Hektar
       große Fläche in der Nähe von Berlin. Dort pflanzte sie 200 Bäume, die sie
       von Veredlern aus Ungarn, Frankreich und den Niederlanden bezog. Heute
       gehört ihr ein kleiner Hof in Herzberg (Mark), rund 60 Kilometer nördlich
       von Berlin. Acht Personen arbeiten in der „Walnussmeisterei“. Sie
       sortieren, waschen und trocknen die Früchte.
       
       ## Knackmaschine aus Frankreich
       
       Auch Privatleute können ihre Ernte in Herzberg vorbeibringen, um sie
       professionell verarbeiten zu lassen. Ein Nussknacker kommt dafür nicht mehr
       zum Einsatz; seit 2019 übernimmt die Aufgabe eine aus Frankreich
       importierte Knackmaschine. Das alles geschieht am Fließband, fast wie in
       einem Großbetrieb – mit dem Unterschied, dass es lediglich zwei
       Mitarbeiterinnen sind, die sich mit Gehörschutz über die Nüsse beugen.
       Danach wird das kostbare Gut gelagert, verpackt und verschickt. Oder zu
       Honig, Senf und anderen Dingen weiterverarbeitet.
       
       Die meiste Arbeit fällt im Oktober an, dann sind die Nüsse reif und müssen
       innerhalb weniger Wochen vom Boden aufgesammelt werden. Da Böllersen in
       Sachsen-Anhalt zusätzlich eine 40 Jahre alte Plantage übernommen hat, kann
       sie bereits auf ihre eigene Ernte zurückgreifen. „Manche Nüsse sind groß
       wie Mangos“, erzählt sie. „Bei anderen sieht’s nicht so gut aus.“ In
       manchen Jahren macht ihr die Walnussfruchtfliege zu schaffen. Die legt ihre
       Eier in die Fruchthülle, die dann schimmelt. Auch der trockene Boden in
       Brandenburg ist eine Herausforderung. „Wir spüren den Druck des
       Klimawandels“, sagt Böllersen. „Gerade im Osten schreitet die Versteppung
       voran.“
       
       Vivian Böllersen lässt darum Schafe zwischen ihren Bäumen grasen, damit sie
       Unkraut fressen und das Gras niedrig halten. Sie nutzt Nussschalen zum
       Heizen, um Öl und Geld zu sparen. Und sie eröffnete ein kleines Café, um
       das träge Sommergeschäft zu beleben. „Die meisten Leute denken vor allem im
       Winter an Nüsse“, sagt Böllersen. „Aber durch das Café sind wir das ganze
       Jahr über ein Ausflugsziel.“
       
       Hat sie es also geschafft? „Selbst nach zehn Jahren finde ich es noch zu
       früh, das zu sagen“, räumt Böllersen ein. „Wir sind hoch verschuldet und
       kaufen immer noch den Großteil der Nüsse zu. Aber wir experimentieren viel
       und lernen ständig dazu.“ Was wächst unter einem Walnussbaum, was nicht?
       Wann darf man die Gehölze beschneiden? Wie lässt sich der Anbau rentabel
       gestalten? Die Arbeit auf ihren „Forschungsfeldern“ sei ein ständiger
       Lernprozess.
       
       Dabei lässt sich mit einem Walnussbaum, wenn er erst einmal groß ist,
       durchaus Geld verdienen. „Wir reden hier schließlich vom zweitwertvollsten
       Holz in Europa“, sagt Hans-Jochen Meyer-Ravenstein. Er ist Vorsitzender der
       Interessengemeinschaft Nuss, in der sich Waldbesitzer, Landwirtinnen und
       andere „Nuss-Interessierte“ austauschen. Als Diplomforstwirt betrachtet er
       den Baum vor allem unter dem Gesichtspunkt der Holzproduktion.
       
       „Walnussbäume brauchen gute Böden und intensive Pflege“, sagt
       Meyer-Ravenstein, „aber sie sind auch ein guter Tropenholzersatz und ein
       Baustein, um Monokulturen aufzubrechen.“ Die Pfahlwurzel rage tief in den
       Boden, außerdem werde der Baum nicht von Wild verbissen. „In Süddeutschland
       steht schon immer an jeder Ecke ein Walnussbaum“, sagt Meyer-Ravenstein,
       „aber auch in Norddeutschland nimmt das Interesse wegen des Klimawandels
       neuerdings zu.“ Mit ein wenig Geduld lasse sich das Holz zu viel Geld
       machen. „Im Schwarzwald wurde kürzlich ein Schwarznussstamm für 250.000
       Euro verkauft. Der war allerdings auch 170 Jahre alt.“
       
       Von einem solchen Umsatz kann Vivian Böllersen nur träumen. Doch auch ihr
       Geschäft zieht langsam an. Als am späten Nachmittag unerwartet Besuch
       kommt, hat der Hofladen an sich schon geschlossen. Die Chefin lässt die
       potenzielle Kundin trotzdem rein: Julia Engelland leitet eine
       Ergotherapiepraxis im nahe gelegenen Fehrbellin. „Ich mag junge Frauen, die
       die Selbstständigkeit wagen“, sagt die 38-Jährige und bewundert die
       unzähligen Walnussprodukte. „Toll, wenn man das Handwerk so ins Licht
       rückt. Ich könnte mir gut vorstellen, mit meinen Patienten hier
       vorbeizuschauen.“
       
       Vivian Böllersen strahlt. Zusammenhalt, Regionalität, Frauenpower, das geht
       genau in die richtige Richtung, findet sie. Und wer weiß, vielleicht werden
       Walnussläden in Zukunft so normal sein wie Hofkäsereien oder
       Milchautomaten? Bis dahin kämpft sie weiter.
       
       6 Apr 2026
       
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