# taz.de -- Anna Dushime Buch „1000 letzte Dates“: Eine Mogelpackung mit System
> Anna Dushime datet sich für ihr Buch „1000 letzte Dates“ durch Tinder &
> Co und folgert: Die heteronormative Beziehung ist zum Scheitern
> verurteilt.
(IMG) Bild: „Wenn man aus Versehen die Person fürs Leben kennenlernt: super!“: Anna Dushime
Red Flags beim ersten Date: 1. Wenn er keine einzige Frage stellt. 2. Wenn
er nicht „Gesundheit“ sagt, wenn man niest – oder, noch schlimmer: einen
belehrt, dass man sich als niesende Person entschuldigen muss. 3. Wenn er
über keinen Witz lacht und selbst nur mittelmäßige Witze reißt.
Wenn diese drei No-Gos beim ersten Date nicht eintreten, sollte man ganz
okay aufgestellt sein, meint [1][Anna Dushime] – und sie weiß, wovon sie
spricht. Die Moderatorin und Journalistin hat ein Buch über ihre
[2][Dating-Erfahrungen] geschrieben: „1000 letzte Dates: Wie ich die Liebe
suchte und etwas Besseres fand“, nennt sich ihr autobiografischer
Datingratgeber, für den sie über ein Jahr lang Männer gedatet hat.
„Ich date nicht mehr mit dem Ziel, den Mann fürs Leben zu finden“, sagt
Dushime. „Dating ist für mich ausschließlich Spaß. Wenn man aus Versehen
die Person fürs Leben kennenlernt: super!“
Nach 12-jähriger Datingpause wagt die 37-Jährige als getrennterziehende
Mutter ihre „Rückkehr auf den Markt“: [3][Tinder, Hinge, Bumble und Co.]
Sie erzählt von Dates mit Fuckboys, Rassisten und Pick-up-Artists; auf
McDonald’s-Parkplätzen, im Eiscafé San Marco in Neukirchen-Vluyn, im
Bordbistro der Deutsche Bahn und in Eckkneipen von Berlin bis Kigali.
Man lernt, was „orbiten“ ist (nach einem Kontaktabbruch weiterhin besessen
die Social-Media-Aktivitäten einer Person verfolgen), „breadcrumbing“
(jemandem durch gelegentliche Nachrichten Hoffnungen machen, ohne echtes
Interesse an einer Beziehung zu haben) sowie, warum Szeneläden die
schlimmsten Date-Orte sind (teuer, zu voll, die Bedienung extrem
unfreundlich und die Gäste prätentiös).
## Flucht vor dem Genozid in Ruanda
Anna Dushime wurde Ende der 1980er Jahre in Ruanda geboren. [4][Wegen des
Genozids] floh sie mit ihrer Familie 1994 zunächst nach Uganda, zog dann
nach England, 1999 schließlich in eine Kleinstadt am Niederrhein.
„Ich habe mich zunächst nicht wohlgefühlt“, erzählt sie. „Wir waren lange
Zeit die einzige Schwarze Familie in Neukirchen-Vluyn.“ Nicht so auszusehen
wie die Mehrheitsgesellschaft habe vor allem im Teenageralter stark an
ihrem Selbstwertgefühl gezehrt. Schon früh erlebte sie als Schwarze Person
Fetischisierung. Sie berichtet von Dates mit Männern, die stolz betonen,
dass alle ihre bisherigen Freundinnen Schwarz gewesen seien, dass sie mal
Cornrows (eine traditionelle afrikanische Flechtfrisur) oder eine
Reggae-Phase gehabt hätten.
Ihr Umgang damit: Humor. Das Buch ist voller „empirisch fundierter und
wissenschaftlich geprüfter Aufzählungen“, etwa der Checkliste „Ist seine
Familie rassistisch?“: Trägt der Vater nur Camp-David-Shirts? Haben dir
seine Eltern Komplimente zu deinem Deutsch gemacht, obwohl du auch aus
Aachen kommst? Benutzt der Vater häufig Begriffe wie „Kulturkreis“,
„Paschas“ oder Integration?
## Humor als Coping-Mechanismus
„Humor ist für mich eine Bewältigungsstrategie, um mit Schmerz umzugehen“,
sagt Dushime. Sie habe früh von ihrer Mutter gelernt, dass Tragik und Komik
sehr nah beieinander liegen. Im Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“
schreibt sie: „Meine ersten Lebensjahre waren von Krieg, Verlust und Trauer
geprägt. Wir waren traurig, wütend und verzweifelt, hatten unseren Vater,
Großeltern, Freund*innen, Nachbar*innen verloren und waren sicher, dass
wir es am Ende auch nicht überleben würden, [5][aber wir lachten].“
Heute lache sie oft über den Rassismus, den sie erlebt. „Für mich ist es
selbstermächtigend, so die Kontrolle, die mir jemand genommen hat,
zurückzuerlangen.“ Früher sei sie jedoch eine „Pick-me-Ausländerin“ gewesen
und habe über rassistische Witze gelacht, um gemocht zu werden. „Dieser
unterschwellige Rassismus, gepaart mit dem offenen Rassismus, wie
N-Wort-Rufen auf der Straße, hat mich lange glauben lassen, dass kein Mann
mich wollen würde“, erzählt Dushime. Der Umzug nach Berlin in ihren
Zwanzigern sei befreiend gewesen. In Großstädten herrsche eine größere
Offenheit – auch für alternative Lebensmodelle.
Heute kann sich Dushime nur noch solche Modelle vorstellen: „Ich glaube,
dass die heteronormative Zweierbeziehung zum Scheitern verurteilt ist“,
sagt sie. Der gesellschaftliche Druck, in einer Beziehung eine Person zu
finden, die alle Bedürfnisse erfüllen soll, nehme uns jede
Bewegungsfreiheit. Das Modell werde uns als das Ultimative verkauft.
Dushime glaubt: „Eine größere Mogelpackung gibt es gar nicht.“
Sie sehe nicht, wie eine heterosexuelle Beziehung auf Augenhöhe
funktionieren könne, ohne dass man als Frau beruflich oder persönlich
zurückstecken muss („meist für die mittelmäßige Karriere des Mannes“).
Hetero-Beziehungen mit Kindern wirkten auf sie durchweg anstrengend und
würden vor allem durch eins zusammengehalten: die unsichtbare Arbeit von
Frauen. „Etwas Schlimmeres kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen“,
sagt sie und lacht. „Was sind die Vorteile? Altersarmut. Nö, danke!“
Angesichts dieser Bilanz grenze es an ein Wunder, dass Frauen überhaupt
noch Kinder bekämen.
## Freundschaften über Liebschaften
Dushime schreibt über Dating als Mutter im Patriarchat und über die
Ungleichheiten, die dabei sichtbar werden. Bei einem Date erzählt ihr ein
Mann ganz nonchalant, dass er bald Vater werde; von der Mutter des Kindes
jedoch getrennt und schon wieder auf dem Markt sei. „Das hat mich
radikalisiert“, sagt Dushime lachend.
„Ich habe nach der Schwangerschaft Jahre gebraucht, um meinen Körper und
mich selbst wiederzufinden und er geht schon wieder selbstverständlich auf
Dates – noch bevor sie überhaupt das Kind zur Welt gebracht hat!“ Bis heute
date sie nur, wenn ihr Kind beim Vater ist, erzählt Dushime. „Ich kann es
nicht mit mir vereinbaren, eine Babysitterin zu bezahlen, um zu daten –
aber für abendliche Moderationsjobs mache ich das ab und an.“
Ihre Datingerfahrungen hätten ihr noch einmal die Bedeutung von
Frauenfreundschaften vor Augen geführt. „Freundschaften nehmen in meinem
Leben am meisten Platz ein. Ich priorisiere sie, und sie priorisieren
mich.“ Dass es jenseits der klassischen Kernfamilie alternative
Familienmodelle gibt, wurde ihr früh vorgelebt: Nachdem während des
Genozids viele Männer in ihrer Familie – darunter ihr Vater – von
Hutu-Milizen umgebracht worden waren, bestand Dushimes Familie vor allem
aus verwitweten Frauen. „Ich bin mit einer sehr starken Mutter und vielen
starken Tanten aufgewachsen, die immer füreinander da waren“, erzählt sie.
„Das fühlt sich für mich vollkommen an.“
Der Vorteil der Entromantisierung: weniger Druck. „Bis ich Mitte 20 war,
wollte ich einen klugen, sanften, humorvollen, gutaussehenden, stylishen,
finanziell unabhängigen, großzügigen, mehrere Sprachen sprechenden Mann,
der natürlich aus Rwanda stammt und mit mir politisch auf einer Wellenlänge
ist“, schreibt Dushime. Mit Mitte 30 sei sie kompromissbereiter geworden,
was ihren Traummann anging. „Mit 36 ist mir eigentlich nur noch wichtig,
dass er wenigstens einen Führerschein und noch siebzig Prozent seiner Zähne
hat.“
Genau das ist für sie das „Bessere“ als die Liebe, das sie auf ihrer
Datingreise gefunden hat: sich selbst. „Mit 36 kann ich zum ersten Mal
sagen: Das ist es, was ich will“: [6][Freund*innen als Fundament], Dates
aus Spaß.
Anna Dushime: „1000 letzte Dates“. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 18
Euro.
4 May 2026
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## AUTOREN
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