# taz.de -- Fahrt im Frauen-Zugabteil in Kairo: Safe Space auf Schienen
> Frauenabteile bieten in Kairo vielen Frauen Sicherheit im Gedränge – und
> sind ein Modell, das auch in Städten wie Berlin längst erprobt werden
> könnte.
(IMG) Bild: „Neben mir nur Frauen und Kinder“: In einem „Ladies Only“-Abteil der Kairoer U-Bahn
Kairo Vor mir baumeln Scheren, Labellos und Haargummis, im Gang kauft eine
vielleicht fünfjährige Fahrgästin für 5 ägyptische Pfund (8 Cent) einen
pinken Labello. Ich bin in der Metro in Kairo, Straßenverkäufer_innen
gehören zum Alltag. Die Waren werden meist auf Kleiderbügeln aufgehängt
oder in den Schoß der Fahrgäst_innen gelegt.
Das Besondere für mich: Neben mir sitzen nur Frauen und Kinder. [1][Während
in Berlin immer wieder diskutiert wird,] ob es FLINTA-Waggons geben sollte,
ist das in Kairo fast Realität: Hier gibt es „ladies only“-Abteile.
[2][Eingeführt wurden sie 1989], für Männer gibt es ein Bußgeld von 200
Pfund (3,50 Euro), wenn sie in diese Waggons einsteigen. Heute fahre ich
von Downtown nach Maadi, einem etwas ruhigeren und grüneren Viertel im
Süden der Stadt.
Ich sitze neben zwei Frauen, die telefonieren, eine hat einen kniehohen
Karton mit einem Küchengerät vor sich stehen. An der Station Nasser steigen
zwei Verkäufer ein, die ihre Lichterkette präsentieren. „35 Pfund“ rufen
sie, während sie die Kette aufwickeln, beide halten ein Ende der
Lichterkette, es leuchtet bunt im Abteil. Während sie durchs Abteil laufen,
Lichterkette weiterhin aufgewickelt, kauft eine Frau die Deko für
umgerechnet 60 Cent.
Wenn ich Metro fahre, nehme ich fast immer die Abteile, die für Frauen
vorgesehen sind. Sie werden rege genutzt und ich spüre hier einen
Gemeinschaftssinn, der mir in Berlin fehlt: Die Frauen nehmen auf Ältere
und Schwangere Rücksicht, obwohl es bei so vielen Menschen nicht einfach
ist, den Überblick zu behalten. Steht eine Frau auf, kommt es nicht selten
vor, dass sie einer anderen mit dem Finger den Platz zeigt, damit die sich
hinsetzen kann.
## „Wir sitzen nebeneinander, auch wenn es sehr eng ist“
Diesen Gemeinschaftssinn schätzt auch die 23-jährige Reem Ashraf: „Wenn wir
zusammensitzen wollen, sitzen wir ganz nah beieinander. Im Männerabteil
geht das nicht.“ In den gemischten Abteilen stehe sie oft, weil niemand
Platz mache. „Aber im Frauenwaggon sind wir sehr hilfsbereit. Wir sitzen
nebeneinander, auch wenn es sehr, sehr eng ist, und das ist schön, es fühlt
sich sicherer an.“ Sexualisierte Gewalt habe Ashraf noch nicht in der Metro
erlebt, erzählt sie.
Die 42-jährige Fatima Youssif sagt: „Normalerweise fahre ich mit dem
Frauenfahrzeug, aber wenn ich es eilig habe, nehme ich das Männerfahrzeug.
Aber meistens werde ich dort sexuell belästigt. Es ist für mich normal,
weil ich Sudanesin bin.“ In der ägyptischen Hauptstadt leben [3][circa eine
halbe Million Sudanes_innen]. Die Frauen unter den Geflüchteten sind dabei
noch mal anderer Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt als die Männer.
Auch die 56-jährige Ägypterin Laila Abdelatif fühlt sich unwohl in den
Öffis. Sie arbeitet als Reinigungskraft in der Metro und nimmt auch privat
die Frauenabteile, wenn sie Bahn fährt: „Ich sehe die Männer hier nicht
einmal gern, weil sie so unhöflich sind. Meistens belästigen sie mich. Vor
allem in Kairo sind die Männer nicht anständig.“ Seit einem halben Jahr
lebe sie in Kairo, zuvor lebte sie in der Region Assuan, im Süden Ägyptens.
Dabei seien selbst die anderen Arbeiter_innen „nicht nett“ zu ihr: „Wenn
sie eine geschiedene Frau sehen, distanzieren sie sich von mir.“ Sie
erzählt von einem Kollegen, der eine sexuelle Beziehung mit ihr eingehen
wollte. Sie lehnte das ab, aber er bedrängte sie. Sie sucht nun einen neuen
Job.
Eine Befragung von UN Women fand 2013 heraus, dass der Anteil derjenigen,
die sich im öffentlichen Nahverkehr in Kairo unsicher und hilflos fühlen,
bei 87 Prozent liegt. Damit sind allerdings auch andere öffentliche
Verkehrsmittel gemeint wie Busse und Fähren.
## Sexuelle Belästigung
Anfang Februar 2026 ging in Ägypten ein Video viral, in dem die
Schauspielerin [4][Mariam Shawky einen Mann filmt, der sie zuvor im Bus
belästigt hatte.] Im Bus selbst verteidigten Männer die Person, die sie
belästigte. Im Nachhinein [5][bekam Shawky Todesdrohungen].
In Bussen gibt es kein Frauenabteil – und für die Metro wird manchmal
diskutiert, ob die Frauenwaggons abgeschafft werden sollen. 2018 sorgte
eine Ankündigung zur Abschaffung für Diskussionen. Die Feministin Nada
Abdullah sagte damals der Zeitung Al-Ahram, dass [6][Frauenwaggons ein
„Prinzip der Angst“ festigten].
Die 50-jährige Hosna Gnedi, die am selben Tag wie ich Metro fährt, lässt
sich vom Prinzip Angst aber jedenfalls nicht leiten. „Ich fahre mit dem
Männerfahrzeug, weil Frauen sich normalerweise gegenseitig berühren, ich
mir aber mit dem Männerfahrzeug meinen Freiraum nehme. Ich mag keine
Berührungen.“ Sie fährt seit 30 Jahren jeden Tag mit der Metro zur Arbeit,
sexualisierte Gewalt habe sie dabei noch nie erlebt.
Nachdem ich meine Interviews geführt habe, steige ich zurück in die Metro.
An der Station Hadayek El-Maadi steigen zwei Männer ins Frauenabteil, der
eine verkauft Kopftücher aus einem riesigen weißen Sack heraus, der andere
eine klassische Ramadan-Deko: kleine Fanous-Lampen für umgerechnet einen
Euro, die bunt blinken. Wenn ich etwas brauche, muss ich mich nur eine Zeit
lang in die Metro setzen, dann findet es zu mir – und natürlich auch, was
ich nicht brauche! Eine unvollständige Liste aller Dinge, die ich bislang
in der Metro erworben habe: vier Ausmalbücher für Grundschüler_innen, zwei
Taschentuchpackungen, Stickerbogen, Kopfhörer, die furchtbar scheppern,
zwei Paar Ohrringe, ein Haargummi im Leoprint.
## Auch in Berlin eine gute Idee
Das feministische Netzwerk Women of Egypt und die Parlamentsabgeordnete
Marwa Bouris forderten Anfang Februar, dass die Frauenabteile in Kairo
ausgeweitet werden: Bislang gilt das männerfreie Fahren nämlich nur bis 21
Uhr. Ich verstehe die Forderung, denn ich fühle mich im Frauenabteil in
Kairo sicher und wünschte mir, Berlin würde nicht so lange über
FLINTA-Waggons diskutieren, sondern es einfach mal ausprobieren.
Auf meiner Fahrt diskutieren zwei Frauen an der Station Sadat, wer sich
hinsetzen soll. Schließlich setzt sich eine hin und zieht die andere mit
beiden Händen zu sich, Oberschenkel presst sich an Oberschenkel. Ich komme
an, Nasser Station. Es sind keine Verkäufer_innen mehr im Abteil, hier
kontrolliert die Polizei stärker, und Straßenverkauf in der Metro ist so
gängig wie verboten. Ich atme einmal tief ein: Bevor ich aussteigen kann,
steigen fünf Frauen ein, Körper drückt sich an Körper.
Mitarbeit: Eman Mahmoud Youssef
17 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sexismus-im-oeffentlichen-Raum/!6071477
(DIR) [2] https://www.nytimes.com/1990/01/15/world/cairo-journal-for-women-only-a-train-car-safe-from-men.html
(DIR) [3] https://www.egyptke.com/68270?utm
(DIR) [4] https://www.madamasr.com/en/2026/02/19/news/u/the-bus-incident-proving-harassment-in-public-view/
(DIR) [5] https://www.arabnews.com/node/2632895/middle-east
(DIR) [6] https://gate.ahram.org.eg/News/1808533.aspx
## AUTOREN
(DIR) Nicole Opitz
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