# taz.de -- Anna-Verena Nosthoff über KI: „Das Silicon Valley kommt zu sich selbst“
> Die Philosophin Anna-Verena Nosthoff zweifelt an den Versprechen der
> Tech-Oligarchen aus dem Silicon Valley: Dahinter stecke pure Ideologie.
(IMG) Bild: Die wa(h)re Intelligenz im Silicon Valley
taz: Frau Nosthoff, das US-Unternehmen Anthropic hat dem Pentagon kürzlich
verweigert, seine künstliche Intelligenz für autonome Waffensysteme und
Massenüberwachung zu verwenden. Gibt es sie noch, die guten Nachrichten aus
dem Silicon Valley?
Anna-Verena Nosthoff: Wäre schön, wenn es die gäbe. Und es wäre auch schön,
wenn man das so interpretieren könnte.
taz: Aber?
Nosthoff: Der Konflikt zeigt grundlegend, dass wir uns in einer [1][heiklen
Abhängigkeit von diesen Technologien und Unternehmen] befinden. Dass
Anthropic-CEO Dario Amodei die alleinige Entscheidungsgewalt darüber hat,
wie bestimmte KI-Systeme verwendet werden, mag im konkreten Fall richtig
entschieden sein, aber eine gute Nachricht ist es nicht gerade.
taz: Nachdem OpenAI verkündet hatte, anstelle von Anthropic mit dem
Pentagon zusammenzuarbeiten, brach im Netz eine Welle der Empörung aus.
Seitdem wechseln immer mehr Nutzer:innen von OpenAIs „ChatGPT“ zu
Anthropics „Claude“. Wer ist hier gut und wer böse?
Nosthoff: Dieses Schwarzweißdenken trifft den Sachverhalt nicht wirklich.
Das Problem liegt viel mehr darin, dass diese Firmen einen undemokratischen
[2][Technikdeterminismus] reproduzieren. Sie alle nehmen an, dass der
Wettlauf um die sogenannte AGI (Artificial General Intelligence oder
Superintelligenz; d.Red.) unaufhaltsam ist. Jede dieser Firmen ist für sich
davon überzeugt, dass nur sie eine „gute“ Superintelligenz entwickeln
könne, wobei – sowohl bei OpenAI als auch bei Anthropic – völlig unklar
bleibt, wie das zu realisieren ist.
taz: Dabei haftete dem Silicon Valley doch lange der Ruf als liberale
Hochburg an. Hat sich daran etwas geändert?
Nosthoff: Derzeit ist ja viel von einer autoritären Wende im Silicon Valley
die Rede. Ich denke, dass man dagegen die These vertreten kann: Tech-Bros
waren nie liberal.
taz: Inwiefern?
Nosthoff: Da gibt es etwa bestimmte Personen wie Peter Thiel. Der ist schon
immer rechts außen gewesen. Thiel hat bereits vor 30 Jahren [3][das Buch
„The Diversity Myth“ veröffentlicht], in dem er gegen die „Political
Correctness“ und „Wokeness“ wettert. Diese Themen waren auch prägend für
die aufkommende Cyber- und Start-up-Kultur der 1980er und 90er Jahre, die
zudem sehr maskulinistisch war.
Der Cyberspace – also das frühe Internet – war zusätzlich mit der
Vorstellung verbunden, dass sich politische durch technische Ordnungen
ersetzen lassen: eine neue Zivilisation fernab von politischen
Einschränkungen. Das Silicon Valley vollzieht also derzeit weniger eine
Wende, es kommt viel mehr zu sich selbst. Viele Motive, die schon im frühen
Valley-Denken angelegt sind, treten jetzt erst richtig auf den Plan.
taz: Warum ausgerechnet jetzt?
Nosthoff: Es finden gerade mehrere Dinge zueinander. Donald Trumps Agenda
der Deregulierung stößt im Silicon Valley auf enorme Resonanz. Die
Tech-Bros fühlen sich davon bestärkt in ihrem Glauben, Technisierung könne
sich erfolgreich nur in einem nicht regulierten Rahmen vollziehen. Dabei
dringt wieder der bereits erwähnte Technikdeterminismus durch – die
Vorstellung, dass Technik wie eine Naturgewalt über die Gesellschaft kommt
– oder auch der Technik-Solutionismus, also die Vorstellung, dass sich
komplexe gesellschaftliche Probleme immer mittels Technologie lösen ließen.
taz: Die reichsten Männer dieser Welt verfolgen eher Pläne, die in Richtung
Marsbesiedelung, Weltraumtourismus oder der Entwicklung einer KI-Gottheit
gehen. Könnten sie ihr Vermögen nicht auch dafür verwenden, das Hier und
Jetzt zu verbessern?
Nosthoff: Man muss sich tatsächlich die Frage stellen: Leben die „Tech
Bros“ eigentlich wirklich in einem Verblendungszusammenhang oder lassen
sich ihre Handlungen nicht einfach durch ökonomische Motive erklären? Ich
glaube, dass beides ein bisschen stimmt. In jedem Fall ist es hilfreich,
sich die konkret wirksamen Ideologien anzuschauen, um die Handlungsweisen
und auch die Strategien dieser Akteure besser verstehen zu können.
taz: Der [4][Longtermismus, von englisch „longterm/langzeit“], ist davon
ein Baustein. Was macht diese Ideologie aus?
Nosthoff: Longtermism beruht auf der Vorstellung, dass wir für das
größtmögliche Glück der Menschheit sorgen müssen. Allerdings nicht in der
Gegenwart, sondern in einer weit entfernten, kaum vorstellbaren Zukunft. Um
diese Zukunft nicht zu gefährden, gilt es, alles daranzusetzen, sogenannte
existenzielle Risiken zu vermeiden. Interessant ist, dass damit nicht etwa
die gegenwärtige Klimakatastrophe gemeint ist, sondern teilweise sehr
absurde Sci-Fi-Visionen, die zur Auslöschung der gesamten Menschheit führen
könnten. Die reichen von einer der Menschheit feindlich gesinnten
künstlichen Intelligenz über Kriege mit Roboter-Armeen bis hin zu
einschlagenden Asteroiden.
Elon Musk zum Beispiel ist stark von der Denkweise des Longtermismus
geprägt. Über das „Future of Humanity Institute“ und das „Future of Life
Institute“ hat er ihre Entwicklung sogar lange Zeit finanziell unterstützt.
taz: Steckt da die Intention dahinter, nicht über potenzielle Gefahren
bereits existierender Technologien sprechen zu wollen?
Nosthoff: Es ist auf jeden Fall eine Ablenkungsstrategie. Wir erleben
gerade eine enorme Beschleunigung von KI-Systemen, gerade auch im Kontext
militärischer Anwendungen. Man könnte sagen, dass diese existenziellen
Risiken schon in der Gegenwart bestehen. In der Logik des Longtermismus
bedrohen sie aber nicht die Existenz der gesamten Menschheit. Der
Longtermismus fragt daher: Warum sollten wir über real existierende
autonome Waffensysteme diskutieren, wenn am Horizont die Gefahr einer
Roboter-Armee lauert, die sich nicht nur gegen einen Teil, sondern gegen
alle Menschen verschwören könnte?
taz: Wie wirkt sich das aus?
Nosthoff: Tatsächlich versuchen Vertreter des Longtermismus politische
Regulierung zu beeinflussen. So prägten sie stark den sogenannten
„AI-Safety“-Diskurs. Mit dem Ergebnis, dass sich die Diskussion eher auf
die existenziellen, hypothetischen Risiken fokussiert, statt die
Gegenwartsrisiken in den Blick zu nehmen. Wegen dieser Einflussnahme halte
ich es für enorm wichtig, sich immer wieder genau anzuschauen, welche
Vorstellungen und Annahmen in Gesetze einfließen, wer diese prägt und woher
die dazugehörigen Narrative kommen.
taz: Ein weiterer ideologischer Baustein des Technik-Autoritarismus ist
[5][der Akzelerationismus], der auf stetige Beschleunigung setzt. Was hat
es mit dem auf sich?
Nosthoff: Es gibt eine linke Form des Akzelerationismus – und eine rechte.
Letztere geht unter anderem auf den britischen Schriftsteller und
Philosophen Nick Land zurück, der eine totale technologische Deregulierung
fordert. Die These lautet: Wir müssen die Technisierung so sehr
beschleunigen wie nur möglich, damit es zu einer Disruption bestehender
Systeme kommt und sich auf dieser Basis eine neue gesellschaftliche Ordnung
entwickeln kann.
taz: Worauf liefe das hinaus?
Nosthoff: Auf eine Herrschaft von Tech-Oligarchen. Schon heute gibt es
verschiedene Ausformungen solcher Exit-Visionen. Etwa das
Seasteading-Institut, in das Peter Thiel investiert hat. Das will
unabhängige Siedlungen auf dem offenen Meer außerhalb staatlicher
Hoheitsgebiete errichten. Ein anderes Beispiel sind die gewissermaßen
anarchokapitalistisch-libertär organisierten „Freedom Cities“, die etwa Sam
Altman und andere Repräsentanten des Silicon Valley unter der
Präsidentschaft Donald Trumps laut einfordern.
taz: Düstere Aussichten. Bleibt angesichts dieser Akkumulation von Kapital,
Macht und Technik noch etwas anderes übrig als Ohnmacht?
Nosthoff: Ich verstehe das Gefühl. Es ist aber wichtig, dass wir diesem
keine Übermacht geben. Wenn wir die Vorstellung aufgeben, diese Dynamiken
demokratisieren und regulieren zu können, haben wir bereits verloren. Was
es stattdessen braucht, ist eine breite politische Mobilisierung gegen den
Technikfaschismus. Und ebenso eine neue Kritik, mit geschärftem Blick auf
die Ideologien, denen wir gerade gegenüberstehen.
taz: Und dann?
Nosthoff: Big Tech ist unglaublich stark im Bereich des Lobbyings, gerade
auf europäischer Ebene. Daher ist und bleibt die Regulierung – auch, was
Lobbyaktivitäten selbst anbetrifft – entscheidend. Dabei dürfen wir nicht
vergessen, dass wir politisch handlungsfähig sind. Ich denke, dass wir uns
– mit Blick auf die Vermögenskonzentration der Tech-Oligarchen – auch
eigentumsrechtliche Fragen stellen müssen.
taz: Klingt gut.
Nosthoff: Wenn man in der Gegenwart das Gefühl hat, ohnmächtig zu sein, und
die Zukunft verstellt wirkt, hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit.
Ich denke dabei etwa an [6][das Cybersyn-Projekt von Stafford Beer], der im
Chile der 1970er Jahre versucht hat, einen demokratisch-kybernetisch
organisierten Sozialismus zu schaffen. Beer hat versucht, Gesellschaft und
Ökonomie mit kybernetischen Technologien inklusiver und egalitärer zu
denken und umzusetzen.
Ein aktuelleres Beispiel ist Barcelonas Gegenentwurf zu
plattform-ökonomisch organisierten „Smart-City“-Modellen, [7][unter
Francesca Bria] als städtische Kommissarin für Technologie und Innovation.
Die Stadt hat digitale Infrastrukturen demokratisch und „from below“ für
die Bürger:innen verfügbar gemacht, die Abhängigkeit von proprietären
digitalen Infrastrukturen – wie etwa von Microsoft – reduziert.
Solche emanzipativen technischen Visionen müssen wir uns immer wieder vor
Augen halten. Als Potenziale, um es anders machen zu können. Gerade in
dieser verdunkelten digitalen Gegenwart ist es wichtig, dem
Technikdeterminismus keinen Vorschub zu leisten.
22 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Initiative-zur-IT-Unabhaengigkeit/!6110769
(DIR) [2] /Nicht-die-Maschinen-muessen-lernen--sondern-wir-sagt-Katharina-Meyer/!5503975/
(DIR) [3] https://www.queer.de/detail.php?article_id=41292
(DIR) [4] /Elon-Musk-und-das-X/!5955322
(DIR) [5] /Akzelerationismus/!t5049416
(DIR) [6] /Eine-andere-KI-ist-moeglich/!6021376/
(DIR) [7] /!6113232/
## AUTOREN
(DIR) Joel Schmidt
## TAGS
(DIR) Big Tech
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Silicon Valley
(DIR) Ethik
(DIR) Palantir
(DIR) ChatGPT
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) wochentaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Buch über Musks Mind Control-Fetisch: Elon Musk will unsere Souveränitat
Im Sachbuch „Muskismus“ warnen Quinn Slobodian und Ben Tarnoff vor Elon
Musks Bestreben, unser aller Bewusstsein zu kontrollieren. Es kommt zur
richtigen Zeit.
(DIR) KI-Gipfel in Delhi: Großer Auftritt für Indien, doch die USA geben den Takt vor
Das Land inszeniert sich beim KI-Gipfel als Brückenbauer und untermauert
seinen Führungsanspruch. Auf der Bühne setzen jedoch die Konzerne aus dem
Silicon Valley die Akzente.
(DIR) Künstliche Intelligenz und Abhängigkeit:
Die Gesellschaft des Verschwindens
Künstliche Intelligenz läutet das Ende des Internets ein, wie wir es
kennen. Außerdem treibt KI die Entkernung der Demokratie voran.