# taz.de -- Eine andere KI ist möglich
> Die Fortschritte der künstlichen Intelligenz verblüffen, werfen aber auch
> die Frage auf, wozu die Technologie eigentlich dienen soll. In den 1970er
> Jahren träumten Hippie-Informatiker von Maschinen, die die menschliche
> Intelligenz fördern und die Welt besser machen sollten.
(IMG) Bild: picture alliance/CHROMORANGE/Michael Bihlmayer
von Evgeny Morozov
Ein Gespenst geht um in Amerika: das Gespenst des Kommunismus. Aber diesmal
kommt es digital daher.
Daron Acemoğlu, Ökonom am Massachusetts Institute of Technology (MIT),
stellt eine provozierende Frage: „Würde ein KI-gesteuerter Kommunismus
funktionieren?“ Der Risikokapital-Unternehmer Marc Andreessen bangt: „Wird
China eine kommunistische KI entwickeln?“[1]Das Ratespiel macht sogar Vivek
Ramaswamy mit. Der Trump-Anhänger und Geschäftsfreund von Donald Trumps
Vizekandidaten J. D. Vance verkündet auf X, eine prokommunistische
künstliche Intelligenz sei so gefährlich wie Corona.
Bei der ganzen Panikmache bleibt allerdings völlig unklar, was mit einer
„kommunistischen KI“ gemeint sein soll. Hat man eine Entwicklung vor Augen,
die dem chinesischen Tech-Modell folgt, mit Plattformen nach dem Vorbild
US-amerikanischer Konzerne, die aber strenger staatlicher Kontrolle
unterliegt? Oder eine Version, die sich am europäischen Sozialstaatsmodell
orientiert, mit einer Konzentration der KI-Entwicklung in öffentlichen
Institutionen?
Die zweite Version scheint attraktiver, wenn man sieht, dass im
KI-Entwicklungswettlauf heutzutage Schnelligkeit mehr zählt als Qualität.
Wie etwa beim katastrophal ausgegangenen Experiment mit der Google-Funktion
„AI Overviews“, die Nutzern riet, ihre Pizza mit Kleister zu belegen und
pro Tag einen Stein zu essen, um ihre Gesundheit zu verbessern.[2]Eine
öffentlich finanzierte generative KI mit bedachtsam ausgewählten
Datensätzen und strenger Überwachung würde sicher qualitativ bessere Tools
liefern. Zudem könnte man von den kommerziellen Nutzern mehr Geld
verlangen, das in die Entwicklung zurückfließen würde.
Aber ist eine vergesellschaftete KI-Ökonomie überhaupt erstrebenswert –
oder würden wir damit nur vor dem Silicon Valley kapitulieren?
## Salvador Allendes sozialistisches Internet
Hätte eine „kommunistische KI“, was das Eigentum an Daten, Modellen,
Rechenkapazitäten und deren Kontrolle betrifft, nur einen anderen Träger?
Oder hätte ein solches Modell vielleicht sogar das Potenzial für eine echte
und tiefere gesellschaftliche Transformation?
Zwei Beispiele aus der Vergangenheit scheinen dafür zu sprechen. Das erste
ist CyberSyn, ein visionäres Vorhaben des chilenischen Präsidenten Salvador
Allende.[3]Mithilfe des ehrgeizigen, aber kurzlebigen Projekts (1970– 1973)
unter der Leitung des britischen Kybernetik-Experten Stafford Beer sollte
die chilenische Wirtschaft produktiver organisiert werden.
Das oft als „sozialistisches Internet“ bezeichnete CyberSyn speiste
sämtliche Produktionsdaten der Staatsunternehmen über das chilenische
Telexnetz in einen Zentralcomputer ein. Doch die eigentliche Innovation war
eine Keimform des maschinellen Lernens, die den Einfluss der Beschäftigten
erweitern sollte. Man wollte also, um die Macken des sowjetischen
Zentralisierungsmodells zu überwinden, das praktisch erworbene Wissen der
Belegschaft nutzen, das auch dem Management in kapitalistischen Betrieben
normalerweise verborgen bleibt.
Die Experten besuchten die Fabriken und verschafften sich in Gesprächen mit
den Beschäftigten ein Bild über die jeweiligen Produktionsabläufe und
Steuerungsprozesse. Auf Grundlage dieser Informationen wurden dann
schematisierte Operationsmodelle mit bis zu 10 Parametern pro Fabrik
entwickelt. Die gewonnenen Daten wurden mittels einer speziellen
Statistik-Software überwacht, die den Manager-Arbeitern auftretende
Probleme fast in Echtzeit meldeten.
Im Kern fußte CyberSyn auf der Vision eines hybriden Systems, das die
menschliche Intelligenz durch computergestützte Rechenleistung verstärken
sollte. Die Transformation von implizitem Wissen in verwertbares explizites
Wissen sollte die zur Führung des Landes aufgestiegene Arbeiterschaft
befähigen, kompetent und selbstbewusst mit den Bürokraten in Santiago zu
kooperieren, um die Leistungen unter der neuen Regierung zu verbessern. Ist
das die „sozialistische KI“, die uns vorschwebt?
8 Aug 2024
## AUTOREN
(DIR) Evgeny Morozov
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