# taz.de -- Feminismus in Indien: Eine Lehrerin weicht das Kastensystem auf
> Die erste Lehrerin in Indien hatte im 19. Jahrhundert mit viel Widerstand
> zu kämpfen. Dennoch erzielte sie große Schritte zur Gleichberechtigung.
(IMG) Bild: In Delhi erinnert heute eine Malerei an Savitribai Phule, Indiens erste Lehrerin
Als Savitribai Phule sich 1848 ihren Weg durch den Trubel der indischen
Stadt Pune zu einem unscheinbaren Gebäude bahnt, trägt sie zwei Saris.
Nicht, weil es kalt ist, sondern weil sie sich vor den Steinen und dem
Schlamm, mit denen die orthodoxen Konservativen sie bewerfen, schützt. Doch
die Anfeindungen können ihre Entschlossenheit nicht brechen. Kurze Zeit
später kommt sie an der ersten Mädchenschule Indiens an, zieht den
dreckigen Sari aus und steht vor einer Klasse junger Mädchen. Savitribai
Phule ist Indiens erste Lehrerin.
Damit bricht sie mit einem System, das Bildung als nur den höheren Kasten
vorbehaltenes Privileg ansieht. Neben dem [1][Kastensystem] zementieren
auch religiöse und patriarchale Strukturen die Ungleichheit in der
indischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Früh werden junge Mädchen
verheiratet und noch früher auf ein Leben als Hausfrau vorbereitet.
Auch Savitribai Phule wird mit neun Jahren zwangsverheiratet, hat keinen
Zugang zu Bildung. Ihr Mann lehrt sie später das Lesen und Schreiben.
Zusammen mit ihm errichtet sie insgesamt 18 Schulen für vom Bildungssystem
ausgeschlossene Kinder sowie Schutzräume für Witwen und Opfer von
Vergewaltigungen.
Durch ihre Publikationen und ihren unermüdlichen Willen finden Phules
Vorstöße schnell Verbreitung. Sie lehnt die [2][Kinderheirat] ab und
spricht sich für die Rechte der vielfach diskriminierten unteren Kasten
aus. Ein einfaches Beispiel beweist eindrücklich, wie weit sie ihrer Zeit
voraus war: Um die Unterernährung zu verringern, beginnen Savitribai Phule
und ihr Mann Gesundheitsversorgung an ihren Schulen bereitzustellen. 145
Jahre später beschließt die indische Regierung das flächendeckende
Mittagsmahlzeitenprogramm für Schüler*innen.
Zwar förderte die [3][britische Kolonialherrschaft in Indien] einen
modernen Bildungsweg, allerdings war auch dieser elitär ausgerichtet und
zielte auf die Ausbildung von indischen Beamt*innen ab. Phule hingegen
betonte, dass Bildung mehr sei als der Erwerb von Schreib- und
Lesekompetenzen – sie ermächtige junge Frauen, den gesellschaftlichen
Wandel voranzutreiben. Ihre Bildungsphilosophie stieß soziale Bewegungen an
und inspirierte Generationen von Frauen, indem sie die Grenzen für
Frauenrechte und Chancengleichheit für Mädchen in allen Bereichen
überschritt.
Sie stirbt am 10. März 1897 an der Beulenpest, die sie sich bei der Pflege
infizierter Patienten in einer Klinik zugezogen hatte. Mit ihrer egalitären
und feministischen Vision schuf sie allerdings ein Lebenswerk, das weit
über ihren Tod hinaus wirkt.
Trotz verfassungsrechtlicher Fortschritte ist das heutige Indien noch immer
durch eine starke Geschlechterungleichheit geprägt. Unterrepräsentation im
Parlament und im Berufsleben, häusliche Gewalt und eingeschränkter Zugang
zur Bildung: Im Gender Inequality Index der UN belegt Indien Platz 130. Die
indische Nationalheldin gehört damit nicht in die Geschichtsbücher, sondern
in die Köpfe der heutigen Reformer.
30 Mar 2026
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(DIR) Luis Bretthauer
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