# taz.de -- Die Wahrheit: Schrottboykott auf allen Kanälen
       
       > Immer mehr Leute verzweifeln am Nachrichtengeschehen: Sie schalten ab
       > oder gar nicht erst ein! Zu Besuch bei Informationsverweigerern.
       
 (IMG) Bild: Die Zukunft des Nachrichtenkonsums: totale Abschirmung
       
       Ein normaler Abend fing für André Zwielich über Jahre hinweg mit den
       „heute“-Nachrichten an: um 19 Uhr. Wenn er Überstunden zu kloppen hatte,
       dann freilich erst mit der „Tagesschau“ um 20 Uhr. „So war ich's gewohnt“,
       lächelt er wehmütig, doch diese Zeiten sind passé. „Seit es nur noch
       grässliche Nachrichten gibt, starte ich gleich mit Netflix in den
       Feierabend“, ätzt der 42-jährige U-Bahn-Kontrolleur, ehe er sich eine
       Jalapeño-Pizza aus dem Ofen holt und uns vor die Tür setzt, um eine Serie
       zu gucken.
       
       „Ist aber auch immer das Gleiche jeden Abend“, murrt er am nächsten Tag
       beim Videotelefonat. „Also Netflix sowieso, aber auch die Nachrichten: Erst
       irgendwas Furchtbares mit Trump, dann etwas Entsetzliches mit Merz, und
       wenn man Pech hat, kommt noch was Ödes mit Klingbeil und unfassbar Doofes
       mit von der Leyen hinterher.“
       
       Zwielich steckt den Finger in den Hals und tut so, als wolle er sich
       übergeben: „Und zwischendurch immer wieder Rekordumfrageergebnisse für die
       AfD – auf derart krebserregende Information kann ich verzichten!“ Er legt
       wütend auf.
       
       Menschen wie André Zwielich sind uns im Laufe unserer wochenlangen
       Recherche zuhauf begegnet. Da ist das pensionierte Lehrerehepaar aus
       Witten, das von einem auf den anderen Tag ihre Abos für das Lokalblatt, ein
       Nachrichtenmagazin und eine Wochenzeitung kündigte, um die Depressionen
       unter Kontrolle zu kriegen. Da ist die Bibliothekarin aus Passau,
       passionierte Hobbyköchin, die zur vollen Stunde ihre Küche verlässt, da sie
       selbst die Radionachrichten auf Gute-Laune-Sendern nicht mehr erträgt.
       
       ## Augen zukneifen
       
       Da sind die halbwüchsigen Skateboarder aus Frankfurt, eigentlich furchtlose
       Typen, die jedoch vor den Infoscreens in der U-Bahn die Augen zukneifen, um
       nur ja keine Schlagzeilen über den gruseligen Kanzler aufschnappen zu
       müssen. Und da ist der Nachrichtensprecher aus Mainz, der jeden Abend vor
       den Hauptnachrichten wie Espenlaub zittert, weil sie ihm zu stark an die
       Nieren gehen und er befürchtet, vor laufenden Kameras und einem
       Millionenpublikum einen Nervenzusammenbruch zu erleiden.
       
       Was all diese Menschen eint: ein restloser Überdruss an jener Art von
       Nachrichten, die uns allen seit einiger Zeit vollständig den Alltag
       vergällen. Wir alle haben die Schnauze gestrichen voll davon, durch
       verstörende Bilder von Spahn und Reiche und toxische Wortbeiträge von Don
       und Melania aus unserer liebenswerten Medienrealität gerissen zu werden.
       Für die einen besteht sie aus Flirtshows, Müsliwerbung und unvergesslichen
       Bildern von den schönsten Küstenabschnitten der Welt, für die anderen eben
       aus dem raffinierten Mix aus Fun, Action und interaktivem Commitment, den
       Sie bevorzugen.
       
       Da sich nun jedoch düstere Wolken aus unbeschreiblich schlechter Irrealität
       zwischen Subjekt und Welt geschoben haben, leiden immer mehr Menschen unter
       dauerhaftem Unwohlsein bis hin zur chronischen Krankheit, die sich nur
       durch radikale Nachrichtenabstinenz abmildern lässt. Wie Dr. Pernd Börksen,
       Medienwissenschaftler aus Büdingen, erklärt: „Die Betroffenen leiden an
       Angstschweiß, Nachtschweiß und Achselschweiß, sobald sie von der aktuellen
       Weltlage hören – selbst wenn sie aus zweiter oder dritter Hand zu ihnen
       kommt.“
       
       Mediziner an der Berliner Charité haben deshalb ein Bündel von weiteren
       Symptomen klassifiziert und eine neue Krankheit identifiziert: das
       Nachrichtenvermeidungssyndrom (NVS). Anfällig sind alle Altersstufen und
       Bevölkerungsschichten, nur sehr reiche und sehr arme Leute bleiben von NVS
       verschont. Besonders vulnerabel zeigen sich allerdings Menschen, die mehr
       als fünf Stunden am Tag ihre Smartphones nutzen – und sich nun zwingen
       müssen, keine News-Aggregatoren oder nachrichtenähnlichen Inhalte in
       sozialen Medien mehr anzuklicken. Anderenfalls treten bei ihnen Schlaf-
       oder Essstörungen auf, vielfach auch Rückenmarksschwund und Eskapismus.
       
       ## Rechtzeitig wegdämmern
       
       Denn die Krankheit hat viele Gesichter. Viele habituelle
       TV-Nachrichtengucker finden sich zwar zur gewohnten Uhrzeit vor dem Gerät
       ein, schalten es dann aber nicht an oder versuchen, den Einschaltzeitpunkt
       wenigstens zu prokrastinieren. Andere bemühen sich, rechtzeitig zu den
       Nachrichten weggedämmert zu sein. Noch andere werfen einfach die Fernseher
       aus den Hotelfenstern – Rockstars zumeist, denen es auf den Cent nicht
       ankommt.
       
       Fatal ist offenbar, berichtet uns Studienleiter Prof. Ingomar Cartel, dass
       sich diese Fluchtbewegung in einer verstärkten Zuwendung zu Fantasy und
       True Crime bemerkbar macht, hinzu kommen Fan Fiction, K-Pop und
       Kochrezepte: „Wenn man diese Genres nächtelang konsumiert, verstärkt sich
       wiederum die Schlaflosigkeit und Schlechtigkeit der Welt – es ist ein
       Teufelskreis beziehungsweise Fass ohne Boden.“
       
       Seit Beginn des Irankrieges fallen jedenfalls die Quoten der
       Nachrichtensendungen im Sturzflug und sterben den TV-Sendern die Zuschauer
       weg, allerdings aus anderen Gründen: Arthritis, Inkontinenz, Herzinfarkt
       und obendrauf noch ein Schlaganfall. Dass sie wegen des Benzinpreischaos
       nicht in die Ambulanz gebracht werden können, sondern zu Hause ihr Leben
       aushauchen, setzt dem Ganzen die traurige Krone auf – und rückt die
       Mitschuld der Medien in den Blickpunkt.
       
       „Es hat nicht nur mit einem gewissen US-Präsidenten in seiner zweiten
       Amtszeit zu tun, sondern auch mit unserer Instinktlosigkeit als
       Medienmacher“, bekennt ein anonym bleiben wollender Programmdirektor.
       „Nicht alles, was Carsten Linnemann sagt, muss weitergetragen werden. Sein
       Gesicht zu zeigen, bedeutet für viele unserer älteren Zuschauer den
       sicheren Tod.“
       
       Für André Zwielich hat dagegen ein neues Leben begonnen, seit er dem
       aktuellen Tagesgeschehen aus dem Weg geht. Er hat vergangene Woche 27
       Schwarzfahrer erwischt, seine Erfolgsquote steigt. Er hat angefangen,
       romantische Erwachsenenromane zu lesen, wie sie vor allem junge Frauen
       schätzen. Er weiß aber auch, was alle wissen: „Das erste Opfer des Krieges
       ist die Wahrheit!“
       
       8 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mark-Stefan Tietze
       
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