# taz.de -- Verschwörungsideologien und Neonazismus: Xavier Naidoo an der Siegessäule, Neonazis in Mitte und Marzahn
> Am Samstag marschierten Neonazis und Verschwörungsideologen an gleich
> drei Orten in Berlin auf.
(IMG) Bild: Er ist wieder da: Xavier Naidoo bei Verschwörungsdemo in Berlin-Mitte
Gleich drei rechte Demonstrationen hielten Berlins Antifaschist:innen
am Samstag ordentlich auf Trab. Zur Siegessäule hatte unter anderem Xavier
Naidoo mobilisiert, der neben seinem musikalischen Comeback gerade wieder
[1][öffentlich Verschwörungsideologie verbreitet]. Angemeldet waren 10.000
Teilnehmende, gekommen waren schätzungsweise rund 500. „Transparenz,
Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen“ lautete das Motto der
Demonstration. Gefordert wurde die „Aufklärung im Kontext möglicher
deutscher Bezüge im internationalen Epstein-Komplex“.
Tatsächlich schallen an diesem Tag obskure Verschwörungsideologien über den
Platz, die teilweise an die [2][antisemitischen Ritualmord-Legenden aus dem
12. Jahrhundert erinnern]. Die Intimpflege von Kindern in Krippen sei eine
„perfekte Vorarbeit für Pädophilie“, meint eine Rednerin. Eine andere, die
angibt, Psychotherapeutin zu sein, spricht davon, dass Betroffene ihr von
„Praktiken berichten, die bis hin zu Kannibalismus reichen“. Eine Frau im
Publikum geht gar davon aus, in Salami und anderen Produkten befinde sich
menschliches „Trockenfleisch“. Ähnliches hatte auch Naidoo vor wenigen
Wochen bei einer Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin behauptet.
Naidoo sprach dort von „Menschenfressern“ und „embryonalen Gewürzen“ in
Kartoffelchips.
Eine weitere Rednerin ist die [3][extrem rechte Michelle Gollan]. Ihr sei
es „egal“, dass sie in den Medien als „rechtsextrem dargestellt werde“,
ruft sie und bekommt Applaus aus der Menge. Mit Blick auf den
„Epstein-Komplex“ meint Gollan: „Wenn man da erstmal reinblickt, dann sieht
man erstmal, wie tief der Sumpf ist“. Ein anderer Redner meint, es gehe
nicht um „links oder rechts“, sondern um den Kampf gegen „die Eliten“. Als
er das Publikum fragt, wer von den Teilnehmenden rechts eingestellt sei,
strecken fast alle ihre Arme nach oben.
Angezogen von der verschwörungsideologischen Zusammenkunft waren auch
extrem rechte „Vorfeld“-Medien, darunter Compact, [4][der Sender AUF1],
sowie zahlreiche Streamer.
Die Stimmung im Publikum war emotional aufgeladen. Als eine Frau auf der
Bühne von eigenen Missbrauchs-Erfahrungen berichtet, sind einige im
Publikum den Tränen nahe. Das perfide: tatsächlich befinden sich unter den
Teilnehmenden auch Menschen, die angeben, selbst im Kindesalter von
sexueller Gewalt oder Misshandlung betroffen gewesen zu sein. Naidoo
instrumentalisiert nicht nur das Leid von Betroffenen, sondern nutzt die
Veranstaltung auch als Promo für seine Musik.
## Neonazis am Potsdamer Platz und in Marzahn
Von Gegenprotesten war an der Siegessäule weit und breit nichts zu sehen.
Hingegen versammelten sich schätzungsweise etwa 200 Antifa-Aktivist:innen
auf dem Potsdamer Platz, um gegen einen Aufmarsch von Neonazis zu
demonstrieren. Bei den Demonstrierenden herrschte ausgelassene Stimmung.
Etwa 40 Neonazis hatten sich auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes
unter dem Slogan „Freiheit für alle politischen Gefangenen“ versammelt.
Gemeint waren damit etwa der [5][NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben] und auch
die inzwischen verstorbene [6][Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck].
Gekommen waren auch die Neonazis Thomas Wulff und Christian Worch, die auch
den Ton bei der Demonstration angaben. Worch und Wulff sind seit
Jahrzehnten Kader der deutschen Neonazi-Szene. Der mehrfach verurteilte
Worch hat sich an diesem Tag offenbar selbst ein „Geschenk“ gemacht, denn
es ist sein 70. Geburtstag.
Doch [7][gute Laune kommt bei den Neonazis nicht auf]. Mit biederen Mienen
stehen sie sich auf dem Potsdamer Platz zunächst mehr als eine Stunde die
Beine in den Bauch, bevor sie ihren Aufmarsch durch Mitte antreten. Einer
der Neonazis raunt in eine Kamera, für „Winke Winke“ sei er mal
„politischer Gefangener“ gewesen. Gemeint ist damit wohl das Zeigen eines
Hitlergrußes. Ein anderer Neonazi trägt offen ein Tattoo mit Totenkopf der
SS auf seiner Haut. Einige der Teilnehmenden sind etwa aus Sachsen und
Brandenburg angereist, manche von ihnen sind augenscheinlich nicht über 16
Jahre alt. Und auch Jungnazis der Gruppe „Deutsche Jugend voran“ sind unter
den Teilnehmenden, sowie einige Mitglieder der Jugendorganisation „Junge
Nationalisten“ der Neonazi-Partei die Heimat (ehemals NPD).
Auch in Marzahn marschierten an diesem Samstag laut Polizeiangaben etwa 160
stramme Neonazis auf. Mobilisiert hatte die extrem rechte und völkische
Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ wie auch [8][im letzten Jahr unter dem Motto
„Unsere Alternative heißt Revolution“]. Auch hier versammelte sich
antifaschistischer Gegenprotest.
Gleichzeitig forderten rund 700 Menschen am Brandenburger Tor die Prüfung
rechtsextremer Parteien durch das Bundesverfassungsgericht. Die Kundgebung
war Teil einer [9][bundesweiten Aktion] des Satirikers Nico Semsrott. In
Potsdam nahmen bis zu 2.000 Personen an der dort stattfindenden „Prüf-Demo“
teil.
Aktualisiert am 15. März 2026, 14.57 Uhr.
14 Mar 2026
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