# taz.de -- Sexualisierte Gewalt: Jugendamt vertuschte wohl Vergewaltigung
       
       > Eine 16-Jährige beklagt massive Übergriffe in einem Neuköllner
       > Jugendklub. Erst als sie sich einer Polizistin anvertraut, kommen diese
       > nach Monaten ans Licht.
       
 (IMG) Bild: Der Eingang vom Jugendzentrum Wutzkyallee in Neukölln
       
       Der Fall löst Erschütterung aus. Eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem
       Neuköllner Jugendzentrum wurde den Behörden offensichtlich lange nicht
       gemeldet. Weder die Einrichtung noch später das zuständige Jugendamt des
       Bezirks Neukölln erstatteten zunächst Strafanzeige. Neuköllns
       Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) hat inzwischen eine Untersuchung
       angekündigt und Fehler des ihr unterstehenden Jugendamtes eingeräumt.
       
       Die Taten, die sich in dem kommunalen Neuköllner Jugendklub in der
       Wutzkyallee ereignet haben sollen, liegen Wochen, zum Teil Monate zurück.
       Bekannt wurden die Vorgänge erst jetzt. Als Erste hatten Bild und
       [1][Tagesspiegel berichtet]. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte
       der taz am Donnerstag nur so viel: Die Ermittlungen stünden noch ganz am
       Anfang. „Weitere Auskünfte können derzeit nicht erteilt werden.“ Am 23.
       Februar sei bei der Polizei Anzeige erstattet worden, der
       Staatsanwaltschaft liege der Fall seit dem 26. Februar vor.
       
       Eine 16-jährige Schülerin soll im Januar in dem Jugendzentrum von mehreren
       Jungen in einen hinteren Raum getragen, auf eine Couch geworfen und von den
       Jugendlichen sexuell belästigt worden sein. Erst als eine Mitarbeiterin
       gekommen sei, hätten sie von dem Mädchen abgelassen.
       
       Später im Januar soll die türkisch-kurdische Schülerin berichtet haben, sie
       sei bereits im November in dem Jugendzentrum vergewaltigt worden. Dies soll
       sich abends im Garten des Jugendzentrums ereignet haben. Ein 17-Jähriger
       soll ein Video von der Tat gedreht und dem Mädchen gedroht haben. Andere
       Jungen sollen [2][das Mädchen gemobbt und bedroht] haben wegen des Videos.
       
       ## Vater erstattete Anzeige
       
       Laut Medien hatte die Kriminalpolizei erst von dem Fall erfahren, als sich
       [3][die betroffene 16-Jährige einer Präventivbeamtin der Polizei]
       anvertraute. Diese schaltete das LKA ein. Der Vater des Mädchens hat
       Anzeige gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger erstattet – und auch gegen die
       Verantwortlichen in der Einrichtung und bei den Behörden, die nichts
       unternommen haben sollen.
       
       Die Neuköllner Jugendstadträtin Nagel zeigte sich erschüttert von den
       Vorfällen im Jugendklub Wutzkyallee. Sie selbst sei erst am 2. März
       informiert worden, so Nagel zur taz. Das Jugendamt sei bereits am 28.
       Januar 2026 unterrichtet worden, habe aber keine Strafanzeige wegen der
       Vergewaltigung und der sexuellen Gewalt erstattet. „Nach dem heutigen
       Kenntnisstand war das ein Fehler“, so Nagel.
       
       Offen ist bislang, warum das Jugendamt keine Anzeige erstattete. Zunächst
       hieß es von der Neuköllner Verwaltung zur Begründung, es sei keine Anzeige
       erstattet worden, weil weder vom Opfer noch vom Täter die Namen bekannt
       gewesen seien. Laut Bild soll sich das Jugendamt bewusst gegen eine
       Strafanzeige entschieden haben. Intern sei das damit begründet worden, dass
       durch die Ermittlungen die arabischstämmigen Jugendlichen marginalisiert
       würden.
       
       In Kreisen der praktischen Jugendarbeit zeigt man sich von den Taten
       entsetzt. „Es ist ein Schock, eins der grausamsten Dinge, die passieren
       können“, sagte eine Person aus dem Umfeld der Freien Jugendhilfe-Träger,
       die anonym bleiben möchte. Aber es sei nicht das erste Mal, dass in
       Jugendklubs etwas in dieser Richtung passiere. In einem Klima, in dem die
       Vorstellung vorherrsche, „unsere Jungs sind halt so“, und in dem nicht
       eingeschritten werde, der sozialpädagogische Auftrag also sehr lückenhaft
       umgesetzt werde.
       
       ## Jugendzentrum hatte schlechten Ruf
       
       Aber auch das sagte die Person: Das Jugendzentrum in der Wutzkyallee habe
       schon länger bei jungen Menschen einen üblen Ruf: Dass dort Jungs seien,
       die gegenüber Flinta* Personen „unterirdisch auftreten“, eingeschüchterte
       Flinta* seien dort zum Teil nicht mehr hingegangen.
       
       Samira Bekkadour, Geschäftsleiterin von Outreach und zuständig für den
       Bezirk Neukölln, forderte, die Strukturen in der Jugendhilfe zu überprüfen.
       So ein schrecklicher Vorfall dürfe sich nicht wiederholen. [4][Mit
       wachsendem Spardruck werde das System zunehmend fehleranfälliger].
       Grundsätzlich gelte bei der Jugendarbeit mit offenen Bereichen aber, dass
       die Mitarbeitenden alle Bereiche im Blick haben müssten. „Personalmangel
       darf kein Entschuldigungsgrund sein.“
       
       Auch in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses kamen die Vorgänge am
       Donnerstag zur Sprache. Die für Bildung und Jugend zuständige Senatorin
       Katharina Günther-Wünsch (CDU) verwies darauf, für die Einrichtung
       verantwortlich sei ausschließlich der Bezirk Neukölln. Dabei nannte sie
       ausdrücklich Stadträtin Sarah Nagel von der Linkspartei. Sie selbst habe
       von dem Vorfall nur aus den Medien erfahren, sagte Günther-Wünsch und
       erwarte von dem Bezirk Informationen, auch wann wer informiert worden sei.
       
       12 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/16-jahrige-mutmasslich-vergewaltigt-neukollner-jugendclub-und-jugendamt-schalteten-polizei-nicht-ein--trotz-hinweisen-15340562.html
 (DIR) [2] /Studie-Ausmass-sexualisierter-Gewalt-gegen-Kinder-und-Jugendliche-ist-erheblich/!6091836
 (DIR) [3] /Studie-Ausmass-sexualisierter-Gewalt-gegen-Kinder-und-Jugendliche-ist-erheblich/!6091836
 (DIR) [4] /Kuerzungen-im-Berliner-Haushalt/!6114526
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Plutonia Plarre
 (DIR) Uta Schleiermacher
 (DIR) Stefan Alberti
       
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