# taz.de -- Ein Massaker überleben: „Das war der schlimmste Moment meines Lebens“
       
       > Ela Shani ist 14 und genießt das Leben im Kibbuz Be’eri in Israel. Am 7.
       > Oktober 2023 überlebt sie den Angriff der Hamas. Ein Gespräch.
       
 (IMG) Bild: Ela Shani, fotografiert während ihres Besuchs in Berlin
       
       Das Treffen mit Ela Shani findet Anfang Februar am Berliner Potsdamer Platz
       statt. Wo genau, soll geheim bleiben, aus Sicherheitsgründen. Die
       17-jährige Israelin ist nur für ein paar Tage in der Hauptstadt: Am Abend
       wird die Dokumentation „The Children of October 7“ im Brandenburger Landtag
       in Potsdam vorgeführt. Darin erzählt Shani ihre Geschichte. 
       
       Beim Gespräch mit der taz tritt sie selbstbewusst auf. Shani spricht
       fließendes, fehlerfreies Englisch – weil sie so viele Serien schaue, sagt
       sie. Vielleicht aber auch, weil sie seit dem [1][Hamas-Angriff vom 7.
       Oktober] die Ereignisse dieses Tages immer wieder gegenüber ausländischen
       Medien und Organisationen schildern muss, in Interviews und auf Podien. Auf
       der Rückseite ihres Handys kleben zwei Fotos: das erste von ihrem besten
       Freund Ido, das zweite von ihrem Vater Itzik Kozin. Beide wurden an jenem
       Tag ermordet. 
       
       taz: Ela Shani, du bist im israelischen Kibbuz Be’eri aufgewachsen, nur
       vier Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Kannst du dich daran erinnern,
       wie du zum ersten Mal Raketenalarm gehört hast? 
       
       Ela Shani: Die Sirenen in Be’eri heulten schon, bevor ich mich überhaupt
       erinnern kann. Sie gehörten also schon immer zu meinem Alltag. Man hat dann
       etwa 15 Sekunden Zeit, um Schutz zu suchen. Bis zu meinem vierten oder
       fünften Lebensjahr hatten wir nicht einmal einen Schutzraum, heute hat fast
       jedes Haus im Süden Israels einen Betonbunker.
       
       taz: Oft sind solche Schutzräume das Kinderzimmer im Haus. War das bei dir
       auch so? 
       
       Shani: Meine Eltern waren kein Paar mehr und wohnten getrennt. Ich lebte
       bei meiner Mutter. Dort war der Schutzraum ihr Schlafzimmer, wo wir
       gemeinsam schliefen. Dann kam 2015 mein kleiner Bruder zur Welt. Eine Zeit
       lang schliefen wir dort zu dritt, später zog ich in ein ungeschütztes
       Zimmer.
       
       taz: Wie alt warst du, als du verstanden hast, was ein Schutzraum oder ein
       Raketenalarm überhaupt ist? 
       
       Shani: Ich war vielleicht sechs. Es war spät in der Nacht, als ich einmal
       mit meiner Mutter im Kibbuz ankam und es Raketenalarm gab. Wir hatten unser
       Haus noch nicht erreicht, also legten wir uns draußen auf den Boden, mit
       den Händen auf dem Kopf, wie es uns in der Schule beigebracht worden war.
       Ich sah Explosionen am Himmel und fragte meine Mutter, was das sei. Sie
       leugnete nicht, dass es sich um etwas Schlechtes handele, wollte aber
       verhindern, dass ich mich wie in einem Kriegsgebiet fühle. Also sagte sie,
       das sei normal.
       
       taz: Hattest du Angst? 
       
       Shani: Nein, zumindest nicht vor den Raketen aus Gaza. Sie prägten unseren
       Alltag, auch zwischen den großen Kampfhandlungen. Und Krieg wurde zu einer
       Routine, die sich alle paar Jahre wiederholte. Wir Kinder dachten vor allem
       daran, dass die Schule ausfällt. Aber manchmal waren wir nervös. Weil die
       Hamas immer wieder Drachen und Ballons mit Sprengsätzen aufsteigen ließ,
       durften wir bei Geburtstagen etwa keine Luftballons benutzen.
       
       taz: Wie hast du dir als Kind [2][Gaza] vorgestellt? 
       
       Shani: Gaza war ein Ort, den man nicht besuchen konnte. Aber meine Oma,
       ursprünglich aus Ägypten, erzählte oft davon – sie ging früher in den
       1980ern dort einkaufen, saß gern in einem Café am Strand. Sie mochte die
       Atmosphäre, die Menschen. Damals sei unsere Beziehung zu den Menschen dort
       viel besser gewesen, sagte sie. Ganz fremd war es mir also nicht.
       
       taz: Hast du dich gefragt, wer die Raketen aus Gaza schießt und warum? 
       
       Shani: Meine Mutter hat sich immer für den Frieden eingesetzt. Sie erzählte
       mir von der Hamas, die ihr eigenes Volk unterdrückt. Und die ihren eigenen
       Leuten keine Schutzräume baut wie die, die wir zu Hause hatten. Als Kind
       hatte ich viel Mitleid mit den Kindern dort. Und immer, wenn es
       Raketenalarm gab, hatte ich Angst um sie.
       
       taz: Hast du es damals je für möglich gehalten, dass palästinensische
       Terroristen durch den Grenzzaun brechen und deinen Kibbuz überfallen? 
       
       Shani: Einmal, da war ich sechs oder sieben, habe ich meine Mutter gefragt,
       was passiert, wenn Hamas-Terroristen die Grenze überqueren. Sie sagte
       ehrlich: Wenn das passiert, sind wir verloren. Ab diesem Tag hatte ich
       immer eine leise Angst, dass das passieren könnte. Aber ich versuchte sie
       zu verdrängen.
       
       taz: Hast du trotzdem gern in Be’eri gelebt? 
       
       Shani: Es war ein perfektes Leben. In dem Be’eri meiner Jugend hätte ich
       gern selbst Kinder großgezogen. Eines der letzten Videos, das mein bester
       Freund Ido auf Tiktok teilte, bevor er ermordet wurde, zeigte, dass es hier
       nicht nur Panzer und Explosionen gibt, sondern Felder, Tiere und
       gemeinsames Leben. Jeder verdient pro Monat gleich viel, egal ob man
       Zahnärztin oder Hausmeister ist. Wir stellen hier die großen Träume im
       Leben wie Reichtum beiseite und gewinnen so Gemeinschaft und Stabilität.
       
       taz: Wie kamen deine Eltern zum Kibbuz? 
       
       Shani: Meine Mutter wurde in Tel Aviv geboren, ihre Eltern zogen mit ihr
       nach Be’eri, als sie sechs war. Ich wuchs auch mit meinen Großeltern
       mütterlicherseits im Kibbuz auf. Mein Vater kam mit 16 allein nach Be’eri,
       als freiwillige Arbeitskraft. Über die Eltern meines Vaters weiß ich nicht
       viel. Sie starben, bevor ich geboren wurde. Ich weiß nur, dass sie
       Holocaust-Überlebende waren. Ich will nun mehr zu ihnen recherchieren, vor
       allem jetzt, nach all dem, was passiert ist.
       
       taz: Erzähl mir von den letzten Tagen vor dem 7. Oktober 2023, vor dem
       Hamas-Angriff auf Be’eri und zahlreiche weitere Kibbuzim im israelischen
       Süden. Du warst damals 14 Jahre alt. 
       
       Shani: Ich habe einen großen Freundeskreis, und am 5. Oktober haben alle
       bei mir übernachtet. Es hat so viel Spaß gemacht. Am nächsten Tag, einem
       Freitag, war ich zum Schabbatessen bei meinen Großeltern im Kibbuz, danach
       spielte ich Tennis, hing bis spätabends mit Freunden auf dem Spielplatz
       herum. Wir haben einfach unser Leben genossen, in vollen Zügen.
       
       taz: Und am nächsten Morgen, dem 7. Oktober? Was ist deine Erinnerung an
       diesen Tag? 
       
       Shani: Ich wachte gegen 6.30 Uhr auf und dachte, ich höre Donner, und
       schlief wieder ein. Meine Mutter weckte mich kurze Zeit später und sagte,
       Schatz, das sind Bomben. Wir gingen in den Schutzraum, wo mein Bruder und
       ein Freund von ihm schliefen. Wir dachten, es sei wie immer: Raketenalarm,
       Schutzraum, dann vorbei. Mein bester Freund Ido schrieb mir eine Nachricht:
       Wenigstens fällt morgen wahrscheinlich die Schule aus. Dann fing die
       Katastrophe an.
       
       taz: Was geschah? 
       
       Shani: In unserer Be’eri-Whatsapp-Gruppe schrieben Menschen, sie hätten
       Terroristen im Kibbuz gesehen. Wir dachten, die würden schnell
       festgenommen. Doch es kam niemand, stundenlang, weder Polizei noch Armee.
       Die Nachrichten wurden verzweifelter, Menschen bettelten um Hilfe. Dann
       waren die Terroristen bei uns, sie schlugen immer wieder an die Haustür.
       Wir schrieben in so viele Chatgruppen wie möglich: Rettet uns, sie sind
       hier.
       
       taz: Sind sie ins Haus gelangt? 
       
       Shani: Sie hätten einfach einbrechen können. Und auch der Schutzraum lässt
       sich von innen nicht wirklich abschließen. Wir waren so still, wie wir
       konnten. Wir haben uns kaum bewegt, damit sie glauben, dass das Haus leer
       ist. Und irgendwann sind sie weitergezogen. Wir hatten Glück.
       
       taz: Wie lange musstest du im Schutzraum ausharren? 
       
       Shani: Zehn Stunden lang. Mein Bruder und sein Freund, sie waren damals
       acht, haben fast die ganze Zeit geschlafen, obwohl es mitten am Tag war,
       total ungewöhnlich. Vielleicht aus Angst, vielleicht aus Erschöpfung. Meine
       Mutter und ich schrieben mit Freunden und versuchten herauszufinden, was
       los ist. Sie hatte Todesangst. Nachher erzählte sie mir, der traumatischste
       Moment für sie sei gewesen, als mein Bruder kurz aufwachte und sagte: Mama,
       wir können heute nicht sterben, weil du mir versprochen hast, dass wir in
       den Safari-Zoo gehen. Sie antwortete: Natürlich gehen wir noch dorthin,
       alles wird gut. In Wirklichkeit aber dachte sie, dass wir an diesem Tag
       getötet werden würden.
       
       taz: Dachtest du das auch? 
       
       Shani: Paradoxerweise erst, als die Soldaten uns gegen 17 Uhr endlich
       retteten. Sie begleiteten uns aus dem Haus heraus, links und rechts waren
       Schüsse zu hören, Kibbuz-Häuser brannten. Es war das erste Mal, dass ich
       die Zerstörung in Be’eri sah. In diesem Moment war ich sicher, dass wir
       sterben würden, durch Kreuzfeuer – und dann akzeptierte ich es. Ich hatte
       keine Angst mehr.
       
       taz: Wenn du heute an den 7. Oktober zurückdenkst, welche Szene sticht für
       dich am meisten heraus? 
       
       Shani: Als die Armee uns zu einem Bus brachte, der uns in Sicherheit
       bringen sollte. Ich suchte dort überall nach Familienmitgliedern, meinem
       Vater, meinen Großeltern, meinen Cousins und Cousinen. Doch ich sah
       niemanden von ihnen und dachte: Sie haben nicht überlebt. Das war der
       schlimmste Moment meines Lebens. Der Gedanke, dass meine ganze Familie
       getötet wurde.
       
       taz: Wann herrschte Klarheit darüber, wer überlebt hatte und wer nicht? 
       
       Shani: Am selben Abend erfuhr ich, dass meine Großeltern gerettet werden
       konnten, meine Oma jedoch schwerverletzt wurde. Das Haus meines Onkels
       wurde in Flammen gesetzt, aber auch er lebte. Ein paar Tage später wurde
       bestätigt, dass mein 15-jähriger Cousin Amit nach Gaza verschleppt wurde.
       Und mein Vater galt für ein paar Tage als vermisst, bevor sein Leichnam
       gefunden wurde. Wir beerdigten ihn am nächsten Tag. Ich hatte keine Zeit zu
       trauern, weil ich komplett auf Amit fokussiert war, der erst nach 53 Tagen
       freigelassen wurde. Im Nachhinein war das vielleicht ein Fehler, da ich
       heute Probleme damit habe, den Tod meines Vaters zu verarbeiten.
       
       taz: Wie kommst du heute damit zurecht? 
       
       Shani: Ich konnte den Tod noch nie begreifen, dass Menschen einfach eines
       Tages sterben und nicht mehr zurückkommen. Ich meine, an einem Tag waren
       mein Vater und all diese Menschen noch am Leben und wohlauf, und am
       nächsten Tag waren sie weg und würden nie wieder zurückkehren. Es war so
       plötzlich, schnell und so gewaltsam, dass es unmöglich zu begreifen ist.
       
       taz: Du hast am 7. Oktober auch deinen besten Freund Ido verloren. 
       
       Shani: Mit Ido war ich so eng wie sonst mit niemandem. Es fühlte sich so
       an, als hätte ich einen Bruder verloren. Unser Jahrgang im Kibbuz ist seit
       seinem Tod auseinander gefallen. Er war der Klebstoff, der uns
       zusammenhielt.
       
       taz: Wie wurde er getötet? 
       
       Shani: Er war zu Hause mit seinen Eltern und drei Brüdern, als
       Hamas-Kämpfer das Haus anzündeten. Sie sprangen aus dem Fenster des
       Schutzraums, um nicht am Rauch zu ersticken, und versteckten sich
       stundenlang im Gebüsch, bis die Terroristen sie entdeckten. Ido, sein
       älterer Bruder und seine Eltern wurden sofort erschossen. Seine zwei
       kleinen Brüder konnten wegrennen.
       
       taz: Wie verbrachtest du die Wochen nach dem Massaker? 
       
       Shani: Der Bus der Armee brachte uns noch am selben Abend nach Tel Aviv.
       Die Akkus unserer Handys waren leer, wir trugen Pyjamas, waren barfuß und
       hatten nicht mal Geld dabei. Zum Glück wohnen meine Tante und mein Onkel in
       der Stadt, also gingen wir zu ihnen. Aber die anderen wussten nicht, wo sie
       überhaupt hingehen sollen. In den folgenden Wochen bekamen wir eine
       Nachricht nach der anderen über Menschen, Freunde, die getötet oder
       entführt worden waren. Es hörte einfach nicht auf.
       
       taz: Warst du in dieser Zeit bei vielen Beerdigungen? 
       
       Shani: Nein, in den ersten Wochen nur auf der meines Vaters und der des
       Vaters einer guten Freundin. Ich bin nicht mal zu Idos Beerdigung gegangen.
       Es war mir zu viel. Es ist nicht in Ordnung, dass ich nicht da war. Aber
       ich konnte damals einfach nicht.
       
       taz: Be’eri wurde evakuiert, der Kibbuz befand sich am Rande einer aktiven
       Kriegszone in Gaza. Was ist aus der Community geworden? 
       
       Shani: Wir sind in Tel Aviv geblieben, alle anderen sind in einem Hotel am
       Toten Meer untergekommen. Wir haben sie einmal besucht, später wohnte ich
       selbst für ein halbes Jahr dort. Aber die Community war zerbrochen. So
       viele Menschen hatten ihre Geliebten verloren. Sie haben die ganze Zeit
       geweint, es war so deprimierend. Ich habe es gehasst, dort zu sein.
       Inzwischen wohnen die allermeisten von uns aus Be’eri in Chazerim, einem
       Kibbuz nahe Be’er Scheva im Süden. Wir leben in temporären Häusern.
       
       taz: Warst du seit dem 7. Oktober nochmal in Be’eri? 
       
       Shani: Ungefähr einen Monat nach dem Angriff besuchte ich das Haus meines
       Vaters. Alles war durcheinander, alles kaputt. Die Schlafzimmertür war
       blutverschmiert. Der Gestank war furchtbar. Ich versuchte, anhand der
       Blutspuren zu rekonstruieren, was geschehen war, denn es sah so aus, als
       hätte es eine Auseinandersetzung gegeben. Ich hatte all diese Gerüchte
       gehört, etwa dass er verbrannt worden sei oder dass eine Axt involviert
       gewesen sei. Aber ich wollte die Wahrheit wissen. Also fragte ich einen
       Soldaten aus dem Kibbuz, ob er zu seinen genauen Todesumständen ermitteln
       könnte.
       
       taz: Mit welchem Ergebnis? 
       
       Shani: Er sagte mir Monate später, mein Vater sei auf dem Dachboden tot
       aufgefunden worden, dort habe er sich versteckt. Einen Kampf habe es nicht
       gegeben, sondern offenbar nur einen tödlichen Schlag gegen den Kopf, und
       das war’s. Das kann ich nur als Gnade bezeichnen. Das ist die beste
       Antwort, die ich mir hätte erhoffen können.
       
       taz: Kannst du dir vorstellen, eines Tages zurück nach Be’eri zu ziehen? 
       
       Shani: Im August 2027 wird es so weit sein, ungefähr.
       
       taz: Tatsächlich? 
       
       Shani: Ja, wir bauen aktuell ein neues Haus dort. So viel Zeit und Geld in
       ein neues Haus zu stecken, das einfach angezündet werden könnte, macht mir
       Angst. Zurück nach Be’eri zu ziehen, heißt auch, zu riskieren, dass sich
       alles wiederholt. Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung ist.
       
       taz: Seit dem 7. Oktober warst du in den USA, Kanada und Deutschland, um
       von deiner Erfahrung zu berichten. Du bist auch Protagonistin des
       Dokumentarfilms „The Children of October 7“. Wie ist es für dich, darüber
       zu sprechen? 
       
       Shani: Wenn ich erzähle, was passiert ist, spüre ich dem, was ich erlebt
       habe, noch mal nach. Ich hasse es, mit Trauer umzugehen – aber ich habe
       keine Wahl, dieses Schicksal wurde uns einfach aufgezwungen. Das verstehen
       viele Leute außerhalb Israels nicht. Manche Menschen werfen uns stattdessen
       Lügen über das Massaker vor, als hätten wir uns alles nur ausgedacht. Oder
       sie denken nicht an die Opfer des 7. Oktober, sondern nur an die der
       Vergeltung in Gaza. Das macht mich wahnsinnig.
       
       taz: Vom Krieg in Gaza gibt es unzählige Bilder von palästinensischen
       Kindern, von Teenagern in deinem Alter, die gestorben sind und immer noch
       massiv leiden. Was macht das mit dir? 
       
       Shani: Ich habe Mitleid mit ihnen. Sie haben es nicht verdient, diesen
       Krieg zu erleben. Ich gehöre auch nicht zu denen, die behaupten, es gäbe in
       Gaza keine unschuldigen Menschen, die gibt es definitiv. Aber der 7.
       Oktober hat mich sehr verändert.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Shani: Früher dachte ich, wir könnten dieses Problem lösen, könnten Frieden
       schaffen. Das denke ich heute nicht mehr. Es gibt palästinensische Teenager
       in meinem Alter, die Terrorakte begehen. Das macht mir wenig Hoffnung auf
       Frieden. Meinem Cousin Amit haben sie kurz vor seiner Freilassung aus der
       Geiselhaft gesagt: Geh nicht zurück nach Be’eri, denn wir kommen wieder und
       werden auch dich ermorden.
       
       taz: Viele internationale Beobachter und Menschenrechtsorganisationen haben
       Israels militärische Antwort auf den 7. Oktober als unverhältnismäßig und
       brutal kritisiert, da Zehntausende Zivilisten getötet wurden. 
       
       Shani: Die Zerstörung in Gaza ist verheerend. Aber den Krieg hat sich die
       Hamas selbst eingebrockt. Und sie will nicht fair kämpfen. Sie investiert
       nicht in Verteidigung, wie wir, sondern in Tunnel und Raketen. Ihre Kämpfer
       verstecken sich hinter zivilen Einrichtungen wie Krankenhäusern und
       Schulen. Aber ich unterstütze auch keineswegs die aktuelle israelische
       Regierung, ich verachte sie.
       
       taz: Warum? 
       
       Shani: Sie haben sich nie genug um uns gekümmert, weil wir im Kibbuz leben
       und als Linke gelten. Sie haben am 7. Oktober nichts unternommen, um uns zu
       schützen, und in den folgenden zwei Jahren nichts, um die Geiseln zu
       schützen. Sie haben uns dem Tod überlassen. Und sie weigern sich, die
       Verantwortung für eine Katastrophe zu übernehmen, die unter ihrer Führung
       passiert ist.
       
       taz: Der Krieg in Gaza scheint nun vorbei zu sein, ein Waffenstillstand
       wurde im vergangenen Oktober erreicht, [3][die restlichen israelischen
       Geiseln kamen frei.] Bist du optimistisch, was die Zukunft des Konflikts
       betrifft? 
       
       Shani: Wenn ich regieren würde und die Machthaber in Gaza bereit für
       Frieden wären, würde ich das sofort unterstützen. Denn ich glaube nicht an
       Mord und Totschlag. Aber der Impuls muss von dort kommen.
       
       taz: Kannst du dir vorstellen, in die Politik zu gehen? 
       
       Shani: Ich würde gerne Ja sagen, aber angesichts der Korruption in der
       Politik habe ich zu viel Angst davor, selbst korrumpiert zu werden.
       
       taz: Was möchtest du stattdessen tun? 
       
       Shani: Ich kann mir momentan nichts anderes vorstellen, als in der Armee zu
       dienen. Ich möchte mein Land verteidigen können. Ich will Kontrolle. Und
       ich will dazu beitragen, dass so etwas wie der 7. Oktober nie wieder
       passiert.
       
       26 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Gaza/!t5011982
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 (DIR) Nicholas Potter
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Hamas
 (DIR) Terrorismus
 (DIR) Israel
 (DIR) 7. Oktober 2023
 (DIR) GNS
 (DIR) Reha
 (DIR) Uganda
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Friedrich Merz
       
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