# taz.de -- Überleben nach dem 7. Oktober: Hartes Training – harte Knochen
       
       > Shani Hadar hat das Hamas-Massaker im Oktober 2023 schwer verletzt
       > überlebt. Die Trainerin ist überzeugt von der lebenserhaltenden Kraft von
       > Fitness.
       
 (IMG) Bild: Shani Hadar (Mitte) gibt trotz ihrer Schulterverletzung Fitnesskurse
       
       Shani Hadar ist Fitnesslehrerin. In einem kleinen Straßencafé im Norden Tel
       Avivs berichtet sie [1][vom 7. Oktober 2023]. Erst am frühen Morgen, gegen
       6 Uhr, wie sie sich erinnert, waren sie und eine Freundin mit ihrem
       Kleinwagen beim Nova-Festival im südlichen Israel eingetroffen, nahe dem
       Gazastreifen. Dort sahen sie schwer bewaffnete Männer, keine 100 Meter von
       ihrem Auto entfernt. Um 6.29 Uhr begann der Angriff der Hamas.
       
       Hadar und ihre Freundin ergriffen die Flucht. Sie rasten mit ihrem Wagen
       die Hauptstraße runter – 16 Kilometer weit bis an die Kreuzung, an der man
       zum Kibbuz Mefalsim abbiegen kann. Dort sahen sie Autos, die in
       Schlangenlinien fuhren. „Ich dachte zunächst, die Fahrer seien betrunken“,
       erinnert sich Hadar. Manche Autos hatten kaputte Fensterscheiben. „Wir
       dachten, dass vielleicht Raketen die Autos getroffen hatten.“ Doch es waren
       schwer bewaffnete Terroristen, die auf vorbeifahrende Autos schossen.
       
       Heute, auf einer Journalist*innenreise der Europe Israel Press
       Association, sieht die Kreuzung wieder so aus wie vor dem 7. Oktober. Nur
       ein nah gelegener Schutzbunker erinnert an das Massaker. Er wurde zu einem
       Mahnmal umgestaltet – mit Dutzenden Kerzen, Fotos, Aufklebern und
       Erinnerungsstücken an junge Menschen, deren Leben hier ein brutales Ende
       fand.
       
       Als Shani Hadar und ihrer Freundin klar wurde, was sich hier gerade
       abspielte, gab es für sie nur noch eine einzige Möglichkeit: Vollgas geben,
       runter von der Hauptstraße und quer durch die Felder fahren. Hadar weiß
       heute, dass es nach ihr niemandem mehr gelang, hier mit dem Auto lebend
       durchzukommen. „Als wir so über das Feld rasten, hörten wir, wie Kugeln
       mein Auto trafen. „Plötzlich fühlte ich etwas, das sich anfühlte wie ein
       Feuerball, der in meinen Körper drang.“ Blut überströmte sie. Zwei Kugeln
       hatten die 35-Jährige an der rechten Schulter getroffen. Dennoch trieb
       Hadar ihren Wagen weiter, solange sie nur mit ihrer linken Hand steuern
       konnte.
       
       ## Aufgespürt von einer Drohne
       
       Die Reifen waren zerfetzt. So endete die Flucht zunächst in einer Mulde des
       Feldes, der Wagen war so nicht leicht zu entdecken. „Wir rechneten trotzdem
       mit dem Schlimmsten, beteten das ‚Schma Israel‘ und hörten Schüsse und
       Explosionen überall um uns herum, sahen Rauch in der Ferne.“ Als eine
       Drohne der Hamas später die beiden Frauen aufspürt, werden sie noch einmal
       angegriffen, doch die Schüsse verfehlen ihr Ziel.
       
       Nachmittags starten sie auf telefonischen Rat eines Polizisten noch einmal
       ihr Auto und fahren weiter, bis sie auf israelische Soldaten stoßen. Bis
       Hadar mithilfe eines Krankenwagens [2][das Hadassah-Krankenhaus in
       Jerusalem] erreicht, ist es 19 Uhr. Hadar hat nun knapp zehn Stunden mit
       einer riesigen Wunde überlebt. Im Krankenhaus wird sie sofort operiert.
       
       Sie zeigt der taz ein Foto: Eine der Kugeln traf ihren Oberarmknochen und
       splitterte nach oben, wo sie ihre Schulter zerstörte und das Muskelgewebe
       zerriss. Das Foto zeigt eine sehr große offene Kluft an ihrem Arm, Knochen
       liegen frei. „Wir hatten die Wunde nur notdürftig mit unseren Partykleidern
       verbunden“, berichtet sie. Binnen 18 Tagen wurde sie viermal operiert.
       
       ## Fitness als Lebenselixier
       
       Für Shani Hadar gibt es einen besonderen Grund, warum sie entkommen konnte.
       „Dass ich heute lebe“, sagt sie, „liegt an der Tatsache, dass ich vor dem
       Angriff auf meinem höchstmöglichen Fitnesslevel war.“
       
       Hadar erzählt von ihrem Leben: dass sie als älteste von acht Kindern zu
       einer Art Ersatzmutter wurde, dass sie schon früh selbst Mutter wurde, dass
       ihre Ehe scheiterte und dass sie bald mit ihrer Tochter auf sich alleine
       gestellt war. „Mein damaliger Mann wollte eine kleine Frau, die zu Hause
       sitzt und über die er bestimmen kann“, schimpft sie. Dann erwähnt sie, dass
       sie als Jugendliche Übergewicht hatte. „Schon als junge Mutter begann ich
       mit Sport, darunter [3][Kickbox-Aerobic-Training]. Das schenkte mir
       Selbstvertrauen, und es gab mir Zeit für mich selbst.“
       
       Fünfmal pro Woche treibt sie Sport. Da ermuntert ein Trainer sie zur
       Ausbildung als Fitnesslehrerin. Hadar legt Prüfungen ab und trainiert ihren
       Körper. Ein Handyfoto zeigt, wie sie kurz vor dem 7. Oktober aussah: ohne
       ein Gramm Körperfett, definierte Muskeln überall. „Mein Chirurg konnte
       nicht glauben, dass die Kugel nicht durch den Knochen ging. Dann hätte sie
       mein Herz getroffen.“ Hadar ist sich sicher, dass harte Knochen Resultat
       ihres Trainings sind.
       
       Und nicht nur das. „Als ich im Rettungswagen zum Krankenhaus fuhr, konnte
       es der Sanitäter nicht fassen, dass mein Puls völlig normal war, trotz
       meines hohen Blutverlustes“, berichtet sie. Zudem habe sie ja die Schmerzen
       aushalten können. „All das ist meinem damaligen Fitnesslevel
       zuzuschreiben.“
       
       Nach ihren Operationen nimmt Hadar wieder ein intensives und schmerzvolles
       Rehabilitationsprogramm auf. Ihre früheren Trainer sprechen ihr Mut zu.
       Einiges davon [4][dokumentiert sie auf Instagram]. Hadar glaubt, dass der
       Sport auch aus anderen Gründen elementar für sie war. „Du erkennst, dass du
       mehr schaffen kannst, als du glaubst. Du erkennst aber auch deine Grenzen.“
       Dies zu verstehen, sei jedoch nur zum Teil körperliche Arbeit, sondern auch
       geistige. „Es liegt auch daran, dass ich nach meiner Scheidung mein Leben
       intensiv überdacht hatte.“
       
       Hadar spricht vom zielorientierten Denken, von positiver Vorstellungskraft
       und dass Gott wollte, dass sie mehr erreicht. „Du musst dich fragen, was
       ist gut für dich und deinen Körper?“ Hadar macht sich ständig Notizen
       darüber, was ihr auffällt, was sich bei ihr verändert, wie der Sport ihr
       hilft. Vielleicht wird daraus ein Buch. Nachdem der Sport und ihre Fitness
       ihr in ihrem Leben so sehr geholfen haben und nachdem sie die lange
       Rehabilitationsreise hinter sich hat, will sie nun andere davon überzeugen,
       was alles möglich ist, wenn man an seinem Körper arbeitet.
       
       Plötzlich dreht sie ihre rechte Schulter und schiebt den rechten Unterarm
       hinter ihren Rücken. „Dass ich das wieder kann, hat niemand mehr für
       möglich gehalten. So habe ich sogar mein Rehateam überzeugt“, lacht sie.
       Bereits vor dem 7. Oktober hat sie als Fitnesstrainerin fast ausschließlich
       mit Frauen und Mädchen gearbeitet, meist mit Müttern. „Es sind die, die am
       ehesten Ermutigung brauchen.“
       
       8 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /7-Oktober-2023/!t6117531
 (DIR) [2] https://www.hadassah.org.il/en/
 (DIR) [3] https://www.kickbox-aerobic.com/
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/shani_hadar_/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reha
 (DIR) 7. Oktober 2023
 (DIR) Hamas
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Israel
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ein Massaker überleben: „Das war der schlimmste Moment meines Lebens“
       
       Ela Shani ist 14 und genießt das Leben im Kibbuz Be’eri in Israel. Am 7.
       Oktober 2023 überlebt sie den Angriff der Hamas. Ein Gespräch.
       
 (DIR) Der israelische Zeichner Zeev Engelmayer: Hoffnung in diesen schwarzen Tagen
       
       Seit dem 7. Oktober 2023 hat Zeev Engelmayer 700 Postkarten gezeichnet. Die
       Bilder sind voller Empathie, und zwar nicht nur für die eigene Seite.
       
 (DIR) Jahrestag des Hamas-Angriffs: Israelis gedenken landesweit der 1.200 Opfer
       
       An vielen Orten in Israel wird an diesem Dienstag der Toten des 7. Oktobers
       gedacht. Neben der Trauer plagen die Angehörigen noch immer viele Fragen.