# taz.de -- Massaker in Darfur: Die Narbe von El Fasher
> Im Oktober 2025 richtete die sudanesische Miliz RSF ein gnadenloses
> Blutbad in El Fasher an. Die taz hat mit einer der wenigen Überlebenden
> gesprochen.
(IMG) Bild: Dem Grauen von El Fasher entkommen: Menschen in einem Geflüchtetencamp im Norden Sudans, Anfang November 2025
Ihr Gesicht, gezeichnet von Narben und Hunger, verbirgt sie hinter einem
Schleier. Nur die tiefbraunen Augen, umrandet von Schatten, blicken hervor.
Die 45-jährige Sudanesin, die aus Sicherheitsgründen Hassaina genannt
werden will, ist eine der wenigen, die es aus El Fasher lebend
herausgeschafft hat. Die Erstürmung der größten Stadt in der sudanesischen
Region Darfur am 26. Oktober 2025 durch die Miliz RSF (Rapid Support
Forces) war das bisher größte Massaker in Sudans Krieg, der in knapp drei
Jahren bereits Hunderttausende Tote und Millionen Vertriebene produziert
hat.
„Ich habe am eigenen Leib einen Völkermord erlebt“, berichtet die bis auf
die Knochen abgemagerte Frau. Tränen fallen in ihren Schleier. Nervös
spielt sie mit den Händen an dem Ring, den sie am Finger trägt. Über die
Ereignisse in ihrer Heimatstadt zu sprechen, fällt ihr nicht leicht. Doch
sie betont: „Ich will, dass die Welt erfährt, was uns angetan wurde.“
Hassaina sitzt in einem Gartenrestaurant in Ugandas Hauptstadt Kampala.
Knapp drei Wochen hat die Mutter mit ihren sechs Kindern auf der Ladefläche
eines Lastwagens bis nach Uganda gebraucht, das 1.500 Kilometer südlich von
El Fasher liegt. Jetzt lebt sie in einem Flüchtlingslager außerhalb von
Kampala.
„Seit Mai 2024 waren wir in El Fasher vom Rest der Welt abgeschnitten“,
beginnt Hassaina ihre Geschichte zu erzählen: Internet, Telefonnetz und
fließendes Wasser waren abgeschaltet; die beiden einzigen Überlandstraßen
waren von den RSF abgeriegelt. Keine Bohne, kein Reiskorn, kein Tropfen
Benzin kam rein. Und niemand konnte raus, niemand konnte fliehen. „Wir
ernährten uns von Gras, Blättern und den Früchten der Bäume“, berichtet
Hassaina: „Die Kinder magerten ab und wurden sehr krank, doch es gab keine
Medikamente.“
Über 18 Monate lang belagerten die RSF El Fasher, bis sie die Stadt
letztlich einnahm. Der Grund: Dort lag das Hauptquartier der 6. Division
von Sudans Armee (SAF), gegen die die Miliz RSF seit April 2023 um die
Macht in Sudan kämpft. Mehrere Tausend Soldaten der Armee waren in El
Fasher stationiert, mit Panzern und Artillerie. Zu Kriegsbeginn war es der
SAF gelungen, die Stadt zu verteidigen. Dann schnitt ihnen die RSF die
Nachschubwege ab. Die Bevölkerung, mehrheitlich von der Ethnie der Zaghawa,
wurde kollektiv beschuldigt, die SAF zu unterstützen – und wurde damit von
der Miliz zu Feinden erklärt. Als sich die Armeeeinheiten am 25. Oktober
ergaben, waren die schätzungsweise 250.000 noch verbliebenen Einwohner den
RSF-Kämpfern schutzlos ausgeliefert.
„Wir haben es geahnt, dass etwas Schlimmes passieren wird“, so Hassaina. An
jenem 25. Oktober, einem Samstag, „funktionierte plötzlich das Internet,
das Zeichen auf dem Handy leuchtete auf“. Hassaina sah in der Dämmerung,
wie sich RSF-Scharfschützen auf Mauern und Bäumen positionierten.
In jener Nacht wohnte Hassaina mit ihrem Mann, den sechs Kindern, ihren
gebrechlichen Eltern sowie der Familie ihrer Schwester in einer Villa am
Stadtrand. Das Haus gehörte Verwandten, die geflohen waren. Ihr eigenes
Haus war zu Kriegsbeginn 2023 zerstört worden.
„Noch vor dem Morgengrauen begannen die Bombardierungen“, berichtet
Hassaina, ihre Stimme zittert. Kamikaze-Drohnen schlugen in die Häuser ein.
Das Artilleriefeuer klang wie dumpfes Donnergrollen, sagt sie. Dann habe
ein Geschoss auch ihre Villa getroffen: „Wir liefen nach draußen, als das
Dach einstürzte. Dabei wurden dem Sohn meiner Schwester die Beine
abgetrennt.“ Ihr Ehemann sei mit dem blutenden Jungen im Arm davongelaufen,
um Hilfe zu suchen. „Er ist nie zurückgekehrt“, schluchzt sie. Bis heute
weiß sie nicht, was mit ihm geschehen ist.
Noch vor Sonnenaufgang rannte Hassaina mit ihren Kindern und den übrigen
Verwandten aus der Stadt hinaus. Doch die RSF-Milizionäre hatten mit
Baggern rund um El Fasher einen Graben ausgehoben. „Er war vier Meter tief
und vier Meter weit“, schätzt sie. Hinter dem Graben sei ein meterhoher
Erdwall aufgetürmt gewesen. Tausende Männer, Frauen und Kinder hätten im
Morgengrauen Stöcke und Äste gesammelt, um Brücken über den Graben zu
errichten.
Ihr 14-jähriger Sohn schaffte es auf die andere Seite, erzählt die Frau.
Als sie ihm folgen wollte, fielen Schüsse. Im Tumult fiel Hassaina in den
Graben, wurde von Erde und Leichen verschüttet. Dies hat ihr womöglich das
Leben gerettet. Als sie wieder zu sich kam, sei es bereits hell gewesen. Um
sich herum habe sie nur Tote und Verwundete liegen sehen. „Es waren sicher
mehr als 2.000“, sagt sie, und wieder kommen ihr die Tränen. „Die meisten
waren Frauen und Kinder.“
## Videos des Grauens
Die RSF haben ihre Verbrechen dokumentiert. Am Tag des Sturms auf El Fasher
veröffentlichten sie auf ihrem Telegram-Kanal eine Flut selbstgedrehter
Videos, alle mit pompöser Musik unterlegt. In Luftaufnahmen, gefilmt mit
einer Drohne, sieht man Geländewagen mit bewaffneten Kämpfern durch die
staubigen Straßen fahren. Der ausgehobene Graben ist gut zu erkennen –
ebenso Abertausende Menschen, die [1][aus der Stadt heraus durch die
Graslandschaft fliehen].
Videos zeigen auch, wie RSF-Kämpfer den Graben entlanggehen und die
Überlebenden darin erschießen. In einem weiteren sieht man, wie der für die
Stürmung zuständige RSF-General „Abu Lulu“ mit schulterlangen, wirren
Locken ein Gewehr durchlädt und Gefangene erschießt. In einem weiteren
Video strecken RSF-Kämpfer auf dem völlig zerbombten Armeegelände im
Siegestaumel ihre Waffen gen Himmel, jubeln, singen und tanzen. Drei
RSF-Offiziere stellen sich vor die Fassade voller Einschlusslöcher, loben
ihre Kämpfer. RSF-Vizechef Abdul Rahim Hamdan Dagalo feiert die
„Befreiung“.
Drei Tage später, am 29. Oktober, meldet sich dessen Bruder, der oberste
RSF-Chef Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als Hametti, in einer
Videobotschaft zu Wort. Darin gratuliert er seinen „Helden“ an allen
Fronten.
## Unterernährt und vergewaltigt
Hilfswerke bereiteten sich derweil auf einen Flüchtlingsstrom aus El Fasher
mit seinen noch rund 250.000 Einwohnern vor. „Wir haben mit einem Ansturm
gerechnet“, berichtet Bob Kitchen vom International Rescue Committee (IRC),
das im Lager Tawila, 75 Kilometer südwestlich von El Fasher Vertriebene
versorgt. Über 600.000 Menschen leben dort unter Zeltplanen. Aber die
Menschen seien nur sehr vereinzelt angekommen, sagt Kitchen.
Seit Oktober seien in Tawila nur rund 25.000 Menschen aus El Fasher
angekommen, fast alles Frauen und Kinder. Die Internationale Organisation
für Migration (IOM) gibt an, dass insgesamt nur rund 100.000 Menschen Ende
Oktober aus El Fasher flüchten konnten, viele nach Tschad. Kitchen folgert:
„Die übrigen haben es nicht lebend herausgeschafft oder wurden unterwegs an
den Straßenblockaden von der RSF gestoppt.“
Der Brite war schon in vielen Kriegsgebieten weltweit tätig. Über das
Ausmaß der Gewalt in El Fasher ist er dennoch schockiert. Er hat in Tawila
mehrfach mit Überlebenden des Massakers gesprochen. „Das Ausmaß der
Unterernährung“ hat ihn aufgewühlt, nicht nur bei Kindern, sondern auch bei
den Erwachsenen. Knapp die Hälfte sei „ernsthaft unterernährt“ gewesen. Und
„fast alle“ hätten von Vergewaltigungen berichtet. Kitchen präzisiert: Dabe
sei es „vom sechs Monate alten Baby bis zur 75-jährigen Großmutter“
gegangen.
Auch Hassaina erzählt, dass sie vergewaltigt wurde. Nachdem sie die Nacht
des Massakers bewusstlos im Graben überlebt hatte, haben die RSF am Morgen
des 26. Oktober alle Überlebenden zusammengetrieben wie Vieh. „Sie schlugen
uns und sortierten uns in Gruppen“, so die Frau, und zeigt auf ihr linkes
Auge, das von Schlägen gezeichnet ist. „Die Männer wurden inhaftiert, meine
Söhne haben sie mitgenommen, und uns Frauen und Mädchen in eine Schule
gesperrt.“ UN-Ermittler schätzen, dass rund 50.000 Männer und Jungen als
Geiseln genommen oder als Kämpfer zwangsrekrutiert wurden.
Tagelang harrte Hassaina in der Schule aus. Vor laufenden Handy-Kameras
karrten die RSF-Kämpfer Lebensmittel an, luden Reis, Bohnen und Milchpulver
von Lastwagen. Videos davon wurden noch am selben Tag [2][im
RSF-Telegramkanal geteilt]. Hassaina berichtet, wie es wirklich gewesen
sei: „Sie haben gefilmt, wie sie uns Essen austeilten. Aber nachdem die
Kamera aus war, haben sie alles selbst verzehrt.“
Immer wieder wurden Frauen von den RSF mitgenommen und vergewaltigt, auch
sie selbst, sagt sie. Der Miliz sei es um Lösegeld gegangen: Die Männer
hätten gedroht, sonst zwei ihrer Söhne, die sie gefangen hielten, als
Kämpfer zu rekrutieren. „Sie gaben mir ein Telefon, damit rief ich einen
Onkel in Australien an, der 500 Dollar schickte.“ Als das Geld eintraf,
ließen die RSF Hasseina und die Familie gehen. „Wir schafften es auf einem
Eselskarren drei Tage lang bis nach Tawila.“ Am Straßenrand entlang der 70
Kilometer langen Strecke durch die Wüste habe sie unzählige Leichen liegen
sehen, vor allem Kinder. Unterwegs verstarb Hassainas Mutter: „Es war alles
einfach zu viel für sie.“
## Mathematik des Grauens
Ein Team des „Humanitarian Research Lab“ der renommierten Yale School of
Public Health (YSPH) gelang es, die Ereignisse in El Fasher live mit Hilfe
von Satellitenaufnahmen zu verfolgen. Seit Kriegsbeginn werten die
Forensiker die Verbrechen in Darfur in Zusammenarbeit mit der
US-Weltraumbehörde NASA aus. Die Aufnahmen bezeugen, dass die RSF von
Anfang 2024 an systematisch die Äcker der Bauern im Umkreis abbrannten und
die Hirten, die in der umliegenden Graslandschaft Ziegen und Schafe weiden
ließen, vertrieben. „Die Kornkammer der Zaghawa-Gemeinden im Gebiet um El
Fasher wurde zerstört“, sagt Nathaniel Raymond, Geschäftsführer des
Research Lab.
Vergangene Woche präsentierte Raymond seinen jüngsten Bericht vor
Journalisten in einer digitalen Pressekonferenz. Zum ersten Mal weltweit
sei es seinem Team gelungen, Beweise zu liefern, dass eine ganze
Bevölkerungsgruppe „gezielt ausgehungert wurde“, sagt Raymond. „Wir
glauben, dass die Zahl der Menschen, insbesondere Kinder, die während der
18-monatigen Belagerung an Hunger gestorben sind, viel höher ist als
bekannt.“
Und auch über die mutmaßliche Zahl der Ermordeten beim Sturm auf El Fasher
geben die Satellitenbilder Aufschluss: Darauf sind Blutlachen und Leichen
auf den Straßen zu erkennen. Insgesamt dokumentierte Raymonds Team 150
Leichenhaufen und Massengräber. Eines war [3][im Hof des Saudi-Krankenhaus]
in El Fasher, wo Patienten durch Bombeneinschläge in ihren Betten getötet
wurden. Ein Video, das die RSF online gestellt haben, zeigt Kämpfer, die
das von Bomben weitgehend zerstörte Krankenhaus durchsuchen und Überlebende
mit Schüssen exekutieren.
Bereits im Juli 2023 hatte das Team aus Yale die US-Regierung und die
Vereinten Nationen gewarnt, dass „völkermordähnliche Massaker“ geschehen
könnten, wenn die RSF El Fasher einnehmen. Vom Mai 2025 an beobachteten
sie, wie die RSF einen Graben rund um die Stadt aushob und einen Wall
aufhäufte. Im August meldeten sie, dass 31 Kilometer fertiggestellt seien
und fast die ganze Stadt umringt war. „Mit diesen Erdwällen schafft die RSF
eine regelrechte Todesfalle“, heißt es im damaligen Bericht.
## Die Universität glich einem Schlachthof
Die Welt sah also tatenlos zu, wie sich der Horror von El Fasher anbahnte.
Dabei sieht die UN-Völkermordkonvention in Artikel 1 ausdrücklich die
Pflicht vor, Völkermord zu verhindern. Tom Dannenbaum, Völkerrechtsexperte
an der Stanford-Universität, sagt der taz: „Diese Pflicht tritt immer dann
in Kraft, wenn ein ernsthaftes Risiko eines Völkermordes besteht, und sie
erfordert den Einsatz aller angemessenen und rechtmäßigen Mittel zur
Verhinderung eines Völkermordes.“
Immerhin, im Nachhinein hat die Weltgemeinschaft reagiert. Im November
beauftragte der UN-Menschenrechtsrat in Genf den ehemaligen tansanischen
Richter Mohamed Chande Othman mit einer Untersuchung. Ende Februar hat er
seine Ergebnisse vor den 57 Mitgliedstaaten des Menschenrechtsrats in Genf
präsentiert und dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag
übergeben, sagt er der taz am Telefon.
Doch bis nach El Fasher kam Othman mit seinem Team gar nicht. „Die
sudanesische Regierung hat uns die Einreise verweigert“, berichtet er.
Sudans Regierung erlaubt der UN bereits seit Kriegsbeginn nicht, in die von
den RSF kontrollierten Gebiete zu reisen, auch nicht, um dort Hilfsgüer zu
verteilen. Stattdessen besuchten die Ermittler Flüchtlingslager in Tschad
und Südsudan. Interviewten online Überlebende in Tawila – insgesamt 350
Zeug*innen habe sein Team gesprochen, sagt er, die meisten von ihnen
hätten über Schicksale berichtet wie Hassaina.
Mittels der Interviews konnten rund 6.000 Tote in den drei Tagen des Sturms
auf El Fasher eindeutig dokumentiert und identifiziert werden, so Othman.
Rund 4.400 seien innerhalb der Stadt gefunden worden, rund 1.600 im Umkreis
entlang des Grabens. „Wobei“, merkt er an, „die tatsächliche Zahl an
Getöteten sicher deutlich höher ist.“ Er bezeichnet das Saudi-Krankenhaus
sowie den Universitätscampus, wo laut Zeugenaussagen 450 Leichen lagen, als
„Schlachthöfe“. Othman kommt zum Schluss: „Die Übergriffe weisen eindeutige
Merkmale eines Völkermordes auf.“
## Zurück bleibt eine Geisterstadt
Heute wirke El Fasher wie eine „Geisterstadt“, sagt Amande Bazerolle von
„Ärzte ohne Grenzen“ (MSF). Die Hilfsorganisation, die bis 2024 im
Saudi-Krankenhaus tätig war – bis die Lage aufgrund der RSF-Belagerung
unmöglich wurde – konnte Mitte Januar nach zähen Verhandlungen mit der
RSF-Führung El Fasher besuchen. Vier Stunden lang wurden die Ärzte von
bewaffneten Kämpfern durch die „komplett verwüstete Stadt“ geführt, so
Bazerolle. Spuren von Massakern? „Nein“, sagt sie: „Alles wirkte gesäubert
und aufgeräumt.“
Immerhin, ihr Team durfte unter RSF-Aufsicht mit einigen Menschen sprechen,
die zwischen den Trümmern hausten. „Man sagte uns, dass sich derzeit noch
35.000 Menschen in El Fasher befinden“, berichtet Bazerolle. „Wir haben
jedoch keine sehr große Anzahl von Menschen gesehen und gehen davon aus,
dass es sich eher um 5.000 bis 10.000 Menschen handelt.“
Raymonds Team in Yale kann dies anhand von Satellitenbildern bestätigen:
„Wir sehen heute kaum Aktivitäten in der Stadt, nur an einer Wasserstelle
sehen wir manchmal Menschen“, sagt er und rechnet nüchtern vor: Wenn die
Zahl von 250.000 noch in El Fasher lebenden Einwohnern zum Zeitpunkt der
Erstürmung durch die RSF stimmt und rund 100.000 Menschen die Flucht
gelang, rund 50.000 Männer gefangengenommen wurden und maximal 35.000 in
der Stadt verblieben sind, „dann ergibt sich daraus die Zahl von
schätzungsweise 60.000 bis 70.000 Menschen, die wir als tot betrachten
müssen“. Raymond kommt zum Schluss: „Diese einfache Rechnung zeigt das
absolute Grauen dessen, was den Menschen in dieser Stadt widerfahren ist.“
## „Die Weltgemeinschaft hat es nicht verhindert“
Ein Massaker in diesem Umfang hat es in Afrika seit dem Völkermord in
Ruanda 1994 nicht mehr gegeben. Da sind sich Experten einig. Umso wichtiger
sei es nun, dass der IStGH in Den Haag schnell Ermittlungen vorantreibe.
Raymonds Forensiker in Yale sowie Othmans Bericht an die UN wurden bereits
nach Den Haag geschickt. Die zuständigen Ermittler bestätigen der taz, dass
sie mittlerweile Haftbefehle für die verantwortlichen RSF-Kommandeure
ausgestellt haben.
Der IStGH ist für Verbrechen in Sudan an sich eigentlich nicht zuständig,
denn Sudan hat das Rom-Statut, auf dem dessen universelle Gerichtsbarkeit
aufbaut, nie unterzeichnet. Der UN-Sicherheitsrat hatte jedoch in einer
Resolution im Jahr 2005 die Lage in der sudanesischen Region Darfur an den
IStGH überstellt, um die Verantwortlichen für die damaligen
Völkermord-Verbrechen, welche die RSF-Vorgängermiliz Janjaweed zwischen
2001 und 2003 in Darfur beging, zur Rechenschaft zu ziehen. Insofern ist
der IStGH auch heute noch für all diejenigen Verbrechen zuständig, die in
Darfur – und damit auch in El Fasher – geschehen, erklärt Dannenbaum.
Das Problem jedoch sei, der mutmaßlichen Verbrecher habhaft zu werden.
„Manchmal kann das Jahrzehnte dauern, bis die Beschuldigten festgenommen
werden“, so der Völkerrechtsexperte. Seit Oktober habe das Weltgericht
Beweise für „eine Vielzahl von Verbrechen“ in El Fasher erhalten und
[4][Ermittlungen aufgenommen]. Er ruft alle Mitgliedstaaten auf,
mutmaßliche RSF-Verantwortliche zu verhaften. Vergeblich: Im Februar war
RSF-Chef Hametti in Kenia und Uganda zu Gast. Er wurde von den Präsidenten
hofiert, die die RSF in diesem Krieg unterstützen.
Im Januar hat die EU drei für den Sturm auf El Fasher verantwortlichen
RSF-Kommandeure auf ihre Sanktionsliste gesetzt, die US-Regierung zog im
Februar nach. Einen davon, Abu Lulu, haben die RSF bereits kurz nach dem
Massaker selbst verhaftet – offenbar zu Propagandazwecken. Ein Video auf
dem RSF-Telegram-Kanal zeigt, wie der uniformierte Mann mit zerzausten,
schulterlangen Dreadlocks von RSF-Kämpfern in Handschellen aus einem
Pick-up gezerrt und in eine Zelle gesperrt wird.
Überlebende wie Hassaina haben wenig Hoffnung auf Gerechtigkeit: „Für das,
was uns angetan wurde, wird es keine angemessenen Strafen geben“, sagt sie,
und fügt leise an: „Die internationale Gemeinschaft ist in meinen Augen
ebenso schuldig, denn sie haben es nicht verhindert.“
19 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://t.me/RSFSudan/8076?t=1m20s
(DIR) [2] https://t.me/RSFSudan/8109
(DIR) [3] /Massaker-in-Sudan/!6122640
(DIR) [4] https://www.icc-cpi.int/news/forty-second-report-prosecutor-international-criminal-court-united-nations-security-council
## AUTOREN
(DIR) Simone Schlindwein
## TAGS
(DIR) Uganda
(DIR) Schwerpunkt Krieg in Sudan
(DIR) RSF
(DIR) Darfur
(DIR) Völkermord
(DIR) Recherchefonds Ausland
(DIR) Lesestück Recherche und Reportage
(DIR) GNS
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Krieg in Sudan
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Krieg in Sudan
(DIR) Schwerpunkt Krieg in Sudan
(DIR) Krieg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Heftige Kämpfe in Darfur: Tschad schließt seine Grenze zu Sudan
Sudans aufständische RSF-Miliz hat an der Grenze zu Tschad die Armee
angegriffen. Jetzt macht Tschad die Grenze dicht. Das erschwert humanitäre
Hilfe.
(DIR) Flüchtlingskrise in Sudan: Hart angegriffen
Es ist die größte Vertreibungskrise der Welt: In einem äthiopischen Dorf an
der Grenze zu Sudan hausen Zehntausende Menschen in einem Zeltlager.
(DIR) Augenzeugen berichten aus Darfur: „Sie zeigten keine Gnade“
Vor den Massakern der RSF-Miliz der Stadt El Fasher in Sudan suchen
Menschen Zuflucht in der Stadt Tawila. Die taz sammelte Berichte von
Überlebenden.
(DIR) Massaker in Sudan: Hunderte Tote in einem Krankenhaus gemeldet
In einem Krankenhaus in der Stadt El Fasher soll die RSF-Miliz 460 Menschen
getötet haben. Sudans Regierung behindert derweil humanitäre Hilfe.
(DIR) Krieg in Darfur: Vom Leben nichts übrig
Die RSF-Milizen im sudanesischen Darfur gehen brutal gegen die
Zivilbevölkerung vor. Die taz traf Geflüchtete, die vor internationalen
Ermittlern aussagen wollen.