# taz.de -- Quokkas in Australien: Im Reich der Pelzknäuel
       
       > Auf Rottnest Island gibt es keine Autos und keine festen Bewohner – dafür
       > über 60 Strände und die „glücklichsten Tiere der Welt“. Und die sind
       > richtig putzig.
       
 (IMG) Bild: Die Quokkas wirken mit ihren hochgezogenen Mundwinkeln daueramüsiert
       
       Sobald die Fähre das Flussbecken vor Perth verlassen hat, wird es unruhig
       an Deck. Ich stolpere auf eine der Bänke, die an diesem Wochentag trotz
       schönstem [1][australischem Frühsommerwetter] nur spärlich besetzt sind. Da
       ich fast auf ihn falle, komme ich direkt mit meinem Nachbarn ins Gespräch:
       Josh, ein Amerikaner auf Geschäftsreise. Was ihn nach Rottnest Island
       treibt? „Na, die Quokkas“, meint er und zückt – als ich nur ratlos schaue –
       sein Handy, um mir ein Foto der Tiere zu zeigen: Vom Bildschirm lacht mich
       ein knuffiges Pelzknäuel an, eine Mischung aus Mini-Känguru und (süßer)
       Riesen-Ratte. Ein Quokka von Nahem sehen! Das sei sein großes Ziel für
       diesen Tag, wie mir Josh erklärt.
       
       Rottnest Island liegt rund 25 Kilometer vor der westaustralischen Küste.
       Von der Bundeshauptstadt Perth braucht das Boot rund eineinhalb Stunden.
       Das macht Rotto, wie die zu Abkürzungen neigenden Aussies sagen, zur
       Hausinsel der zwei Millionen Einwohner zählenden Metropole. „It’s one of
       the most beautiful places in all WA“, meint der Skipper, während er das
       Boot über den Indischen Ozean steuert. Einer der schönsten Orte in ganz
       Westaustralien.
       
       Ich war erst am Vortag angekommen, direkt aus dem grauen deutschen Winter.
       Da die Sonne strahlte und die Fährunternehmen am Elizabeth Quay in Perth
       mit Bildern von weiten Stränden lockten, beschloss ich, die Stadt erst mal
       hinter mir zu lassen. Die richtige Entscheidung, denke ich mir, als das
       Boot am Kai der Insel anlegt. Links und rechts schmiegen sich weiße Strände
       an türkisblaues Wasser. Es klingt abgedroschen, aber nur diese Farbe
       beschreibt es genau. Da es noch dazu klar wie ein Swimmingpool ist, wäre
       ich am liebsten direkt vom Steg aus reingehüpft. Am Ende lasse ich mich von
       Josh mitreißen, der lieber auf Quokka-Jagd gehen will.
       
       Die Insel gilt als „Home of the Quokkas“, als Heimat der Quokkas. „Haltet
       ausreichend Abstand, wenn ihr ein Selfie mit ihnen macht“, hatte der
       Skipper uns zum Abschluss ermahnt. „Sie sind zutraulich und süß, aber keine
       Kuscheltiere.“ Es dauert nicht lange, bis wir die ersten entdecken. Keine
       20 Meter vom Kai entfernt tummelt sich ein halbes Dutzend im Schatten eines
       Busches. Rundherum hat sich eine Gruppe entzückter Inselgäste gebildet.
       Alle haben sie ihre Handys in der Hand. Wahrscheinlich war ich die einzige
       Touristin auf dem Boot, die nicht wegen der Quokkas auf die Insel kam (mit
       Sicherheit aber die einzige, die nicht von ihnen wusste).
       
       ## Fotogen und mit Dauerlächeln
       
       Ganz so engagiert wie die zwei Koreanerinnen, die sich auf dem Boden
       wälzen, um das beste Selfie mit den Tierchen zu bekommen, bin ich nicht.
       Trotzdem ist auch meine Foto-Bibliothek am Ende mit reichlich
       Quokka-Content gefüllt. Die Tiere machen es einem leicht: Sie sind, wie vom
       Skipper angekündigt, sehr zutraulich. Vor allem aber sind sie unglaublich
       fotogen und geübt im Posen.
       
       „Happiest animals of the world“ werden sie manchmal genannt, die
       glücklichsten Tiere der Welt. Mit ihren Knopfaugen und den nach oben
       gezogenen Mundwinkeln sehen sie aus, als würden sie lächeln. Tun sie
       natürlich nicht. Es ist schlicht die Struktur ihres Gesichts. Was einen
       nicht davon abhält, sofort „mitzulachen“ und Hollywood dazu verleitete,
       ihnen im Film Zoomania 2 mit der Therapeutin Dr. Fuzzby eine Figur zu
       widmen.
       
       Australien ist reich an endemischen Tierarten. Quokkas gehören zur Familie
       der Kängurus und kommen nur im Südwesten vor. Die meisten leben auf
       Rottnest Island, da sie dort – anders als auf dem Festland – vor
       [2][invasiven Fressfeinden] und menschlichem Einfluss geschützt sind.
       
       Rattennest tauften die niederländischen Seefahrer die Insel, als sie dort
       Ende des 17. Jahrhunderts anlandeten. Entdeckt haben sie sie freilich
       nicht, denn den Noongar Aboriginal People diente sie schon Jahrtausende
       vorher als Versammlungsort und spirituelle Stätte. Wadjemup heißt sie bei
       ihnen: Ort der Geister, eine Heimstätte der Seelen ihrer Vorfahren.
       
       ## Trauriges Erbe
       
       Mit Ankunft der Kolonialmächte wurde sie zu einem Ort von Leid und Trauer.
       Im 19. Jahrhundert befand sich auf der Insel ein Gefängnis für
       Aboriginal-Jungen und -Männer. Rund 4.000 Menschen wurden dort interniert
       und zur Arbeit gezwungen. Einige Hundert starben. Indigene Organisationen
       arbeiten bereits seit den 1990er Jahren daran, die Geschichte ihres Volkes
       sichtbar zu machen. Seit vergangenem Jahr erinnert ein kultureller
       Treffpunkt an das Erbe der Aboriginal People.
       
       Heute ist die Insel komplettes Naturschutzgebiet und autofrei. Viele
       erkunden sie mit dem Rad. Wer ambitioniert ist, kann sie auf knapp 60
       Kilometern umrunden. Ich bin es nicht. Ich halte mich, nach der
       halbstündigen Quokka-Foto-Session an die sandigen Küstenpfade, die durch
       die Dünen und runter zu den über 60 Stränden und Buchten führen.
       
       Auf dem Weg dorthin schaue ich noch in der Inselbäckerei vorbei, wo seit
       mehr als 70 Jahren Pies und Doughnuts gebacken werden. Am verschlossenen
       Eingang hängt ein Schild: Quokkas verboten. Denn die sind hier wirklich
       überall. Mein Boots-Bekannter Josh, der die Quokka-Sichtung zum Tagesziel
       erkoren hat, muss lachen: „Keine Stunde hier und schon erledigt. Mehr als
       erledigt.“
       
       ## Eine Insel wie ein großes Sommerlager
       
       Mein Ziel ist nun erst mal der Sprung ins Wasser – gefolgt von einem
       Sonnenbad am Strand. Rund 800.000 Gäste zählt Rottnest Island pro Jahr.
       Viele urlauben hier seit mehreren Generationen. Die ersten kamen zu Beginn
       des 20. Jahrhunderts, nachdem das Gefängnis 1904 geschlossen wurde. Da die
       gesamte Insel Schutzgebiet ist, darf dort niemand wohnen. Ausnahmen gelten
       nur für die wenigen Mitarbeitenden aus Verwaltung und Tourismus.
       
       Neben dem Campingplatz und einfachen Strandhütten aus den Anfangstagen gibt
       es heute ein naturnahes Eco-Resort und einige edle Boutique-Unterkünfte.
       Dennoch wirkt die Insel eher wie ein großes Sommerlager. Die Stimmung ist
       australisch entspannt. Selbst im schicken Inselrestaurant Isola, dessen
       große Terrasse direkt über dem Wasser schwebt, ist der überwiegende
       Dresscode Strandkleid und Flip-Flops.
       
       Am Empfang begrüßt Giovanni Longo. Der braungebrannte Restaurantmanager hat
       – wie viele Australier – italienische Wurzeln. Eine Weile hat er dort auch
       gearbeitet, aber Rotto … Das sei einfach der schönste Platz auf Erden! Er
       dreht sich zum Wasser und blickt für einige Sekunden verträumt zum
       Horizont. Dann wirbelt er zum nächsten Tisch, nicht ohne das Glas mit Sauv
       Blanc aus dem westaustralischen Weinbaugebiet Margaret River zu füllen und
       den Insalata di Polpo mit lokalem Oktopus zu empfehlen. Da ich auch Ravioli
       und Tiramisu nicht widerstehen kann, bleibt keine Zeit mehr für den Besuch
       der Cathedral Rocks an der Westspitze, wo sich manchmal Pelzrobben sonnen.
       
       Dafür gehe ich nochmal kurz in den Souvenirshop am Fähranleger und hole mir
       einen Quokka aus Schokolade. Zurück am Festland ist von seinem lachenden
       Gesicht leider nicht mehr viel übrig. Die australische Sonne hat daraus
       einen braunen Klumpen gemacht. Schmecken tut er trotzdem.
       
       3 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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