# taz.de -- Australische Küche: Akazienbaumsamen und Emufilets sind zurück auf dem Teller
> Die australische Spitzenküche setzt endlich auf die Zutaten und das
> kulinarische Wissen der Aborigines – auch dank Koch Mark Olive.
(IMG) Bild: Mark Olive auf der Terrasse seines Restaurants im Zentrum von Sydney
Orchesterprobe im Opernhaus von Sydney, im Konzertsaal tönt das Finale von
Wagners „Götterdämmerung“. Zur selben Zeit, im selben Gebäude legt ein Koch
einen Lammrücken in eine heiße Pfanne. Er steht im Restaurant Midden und an
seinem Herd findet etwas Besonderes statt.
Für das hochwertige Stück Fleisch, das in Australien normalerweise nach
britischer Tradition mit einer klebrigen, leicht süßen Pfefferminzsauce
bedeckt wird, verwendet der Koch eine einheimische Minzsorte, die als
Flussminze bekannt ist. „Es ist ein Kraut, das wir Ureinwohner seit
Jahrtausenden benutzen“, sagt Mark Olive. Er ist der Besitzer des
Restaurants und der bekannteste indigene Chefkoch Australiens.
Das Midden ist die Speerspitze einer kulinarischen Revolution. Und Mark
Olive wesentlich dafür verantwortlich, dass australische Restaurants in
ihren Menüs immer häufiger sogenannte „Bushfoods“ verwenden –
Wüstenfrüchte, Pflanzen und Tiere, [1][die seit 65.000 Jahren Aborigines]
ernährt haben.
## Mit gestärktem Hemd
Mark Olive hat sich schon als Kind fürs Kochen interessiert. Seiner Mutter
und der Tante schaute er beim Backen und Braten zu, erzählt er: „Ich war
völlig fasziniert, wie aus einem Teig ein heißer, dampfender Kuchen werden
konnte.“ Später machte Olive seine Leidenschaft zum Beruf. „Ich hatte eine
klassische Ausbildung, nach französischer und deutscher Tradition, komplett
mit gestärktem Hemd und Krawatte und einem 16-Stunden-Tag in der Küche.“
Einfach sei dieser Weg nicht gewesen [2][für ihn als Aborigine]. „Ja,
Rassismus war natürlich auch in meiner Ausbildung ein Thema“, sagt Olive.
Er habe jedoch „das Glück gehabt, von starken Frauen aufgezogen worden zu
sein“. Diese hätten ihn gelehrt, „Rassisten nicht zu beachten und ihnen den
Rücken zuzuwenden“.
Von der Veranda seines Restaurants auf der Westseite des Opernhauses mit
den spektakulären weißen Segeldächern blickt Mark Olive in Richtung
Hafenbrücke. Schon zur Zeit der Invasion des australischen Kontinents durch
Großbritannien im Jahr 1788 war hier ein Hafen. Eine wahrhaftige
Futterkrippe sei das gewesen, erzählt Olive.
Die britischen Sträflinge und ihre Bewacher seien beeindruckt gewesen von
dem, was das Land den Urbewohner:innen zu bieten hatte. „Ob Früchte,
Samen, Meeresfrüchte oder andere eiweißreiche Nahrung“ – alles hat es
damals gegeben, wo heute das Stadtzentrum mit seinen Wolkenkratzern liegt.
Und die Halbinsel, auf der das Opernhaus steht, sei ein Ort des
Zusammenseins gewesen, des Austauschs und vor allem: des Essens, meint
Olive.
Das bestätigt die Wissenschaft. Bei den Ausgrabungen für das Fundament des
Opernhauses stießen Archäologen auf zehn Meter tiefe Schichten von
Muscheln, weggeworfen vor über 10.000 Jahren von den indigenen
Bewohner:innen des Hafens. „Midden“ nennt man in Australien eine solche
prähistorische Müllhalde.
Der Name für Mark Olives Restaurant war somit gegeben. Heute serviert der
Spitzenkoch an diesem Ort Menschen aus aller Welt, „was Australien
kulinarisch so einzigartig macht“. Gerichte, in denen er seit Urzeiten
verwendete Gewürze und andere Zutaten verwendet. Wie etwa Macadamianüsse –
buttrig und vielseitig, in Salaten, in Desserts oder eingebettet in der
Kruste für den heimischen Barramundi-Fisch. Oder Zitronenmyrte mit ihrem
intensivem Zitrusaroma in Marinaden oder Konfitüren. Dann natürlich
Wattleseed, die Samen von zwei Akazienbaumarten, die sich mit ihrem
nussig-schokoladigen Geschmack ideal für die Herstellung von Brot und
Eiscréme eignen.
## Känguru im Kochtopf
Ein weiteres Wildkraut ist Saltbush, perfekt als Beilage zu Fleisch oder
Fisch, genauso wie die Pfefferbeere. Und schließlich Känguru, Emu und
Krokodil. „Das sind magere, gesunde Proteine. Sie sind seit Jahrtausenden
Teil der indigenen Ernährung. Wir sollten viel mehr davon essen“, sagt Mark
Olive. Er träumt von einer Zukunft, in der [3][das Kängurufilet das
Rindersteak als Favorit in der Küche abgelöst hat].
Es sei ein langer Kampf gewesen, Bushfoods den Australiern schmackhaft zu
machen, sagt Olive. Über weite Teile der modernen Geschichte Australiens
seien sie in der Küche unsichtbar gewesen, die Kolonialwirtschaft setzte
auf Weizen, Schafe und Rinder. Doch in den letzten Jahren habe sich der
Fokus verschoben. Heute erfreut Bushfood zahlreiche Gaumen von
experimentierfreudigen Esserinnen und Essern und wächst rasant. Laut einem
Branchenbericht von 2022 betrug der Umsatz umgerechnet über 44 Millionen
Euro pro Jahr. Prognosen gehen davon aus, dass der Markt bis Mitte der
2030er Jahre rund 350 Millionen Euro erreichen könnte.
Allein die Exporte der Kakadupflaume wachsen stark, getrieben von
weltweitem Interesse an natürlichen Gesundheitsprodukten. Brennereien
experimentieren mit Fingerlimette und Pfefferbeere, Brauereien mit
Wattleseed-Bieren, Snackhersteller entwickeln Macadamia-Saltbush-Chips.
Auch Supermärkte ziehen nach: Känguruwürste, Davidsonpflaumenmarmelade oder
Zitronenmyrtetee machen in den Regalen der Großverteiler die Aromen des
Busches für alle zugänglich. Sogar Aldi Australien hat solche Produkte im
Angebot.
Bushfood ist aber mehr als ein kulinarischer Trend. Es spiegelt den Wunsch
wider, sich mit dem eigenen Land zu verbinden, indigenes Wissen zu würdigen
und eine Küche zu entwickeln, die unverkennbar australisch ist.
Neben Mark Olive gibt es noch andere Köch:innen, die sich mit Enthusiasmus
der indigenen Küche verschrieben haben. Der 2023 verstorbene Jock Zonfrillo
etwa entwickelte in seinem Restaurant Orana in Adelaide ganze Menüs rund um
indigene Produkte, die direkt von Aborigines bezogen wurden.
## Sechs Jahreszeiten
In Melbourne serviert Ben Shewry im Attica Gerichte wie Emuleberparfait mit
Wildkräutern, in Perth zelebriert das Restaurant Wildflower die sechs
Jahreszeiten der westaustralischen Noongar-Aboriginals mit Speisekarten,
die sich am ökologischen Wissen der Ureinwohner:innen orientieren. Und
Kylie Kwong setzte in ihrem mittlerweile geschlossenen Restaurant
Davidsonpflaumen und Warrigal Greens („Neuseeländischen Spinat“) in
asiatisch-australischen Gerichten ein.
Im Zentrum dieser Bewegung steht nicht zuletzt die Anerkennung, dass
indigene Völker das Wissen um Nahrungsmittel bewahrt haben – im Fall
Australiens über Zehntausende von Jahren. Viele Pflanzen müssen sorgfältig
geerntet und verarbeitet werden; einige sind in rohem Zustand giftig. Zudem
sind Geschichten und kulturelle Bedeutungen eng mit den Lebensmitteln
verbunden. Organisationen wie die First Nations Bushfood & Botanical
Alliance Australia geben Leitlinien für fairen Handel und Schutz
kultureller Rechte vor.
Auch sind in den letzten Jahren zahlreiche Kooperationen zwischen Köchen,
indigenen Sammlern und Unternehmen entstanden. So schafft die Ernte der
Kakadupflaume im Northern Territory Einkommen und unterstützt zugleich die
biologische Vielfalt der Landschaft. Solche Partnerschaften stellen sicher,
dass die wachsende Nachfrage auch den indigenen Gemeinschaften zugutekommt.
Und noch einen entscheidenden Vorteil haben heimische Pflanzen gegenüber
eingeführten Arten in Australien: Sie sind perfekt an ein oftmals hartes
Klima angepasst. Viele Gemüse und Früchte sind trockenheitsresistent,
benötigen weniger Dünger und bekämpfen sogar Schädlinge selbst. Warrigal
Greens etwa gedeihen auf nährstoffarmen Sandböden, die kaum
landwirtschaftlich genutzt werden können, Saltbush wächst auf salzigem
Untergrund. Angesichts der [4][in Australien eskalierenden Folgen des
Klimawandels] dürften solche Eigenschaften bei der Entwicklung einer
nachhaltigeren Landwirtschaft schon in naher Zukunft eine Schlüsselrolle
spielen.
Dass die Speisekarten der Zukunft Pizza mit Buschtomaten,
Wattleseed-Lattes, Pavlovas mit Fingerlimetten-Perlen oder Lamm mit
Pfefferbeere enthalten, sei somit sehr positiv, sagt Mark Olive. Denn jeder
Bissen verbinde die Gäste mit der ältesten lebenden Kultur der Welt. Seine
noch traditionell denkenden Berufskolleg:innen ruft der Koch dazu auf,
indigene Produkte zu verwenden, wo immer es geht, und warnt dabei vor zu
großer Zurückhaltung am Herd. „Ein Lammrücken mit einheimischer Flussminze
wird nur dann zu einem uraustralischen Erlebnis, wenn der Koch nicht mit
dem Gewürz spart.“
22 Jan 2026
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## AUTOREN
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