# taz.de -- Performance mit KI: Die verlogenen Vertraulichkeiten der KI
       
       > Die Performance „Zuhause“ dekliniert in Hamburg ein scheinbar wohliges
       > Zusammenleben mit KI durch. Ein Spiel mit gefährlich verfließenden
       > Grenzen.
       
 (IMG) Bild: Echt virtuell: Tafelrunde mit Obst und Screen
       
       Zwei Zimmer, Küche, Bad: Hier im Pop-up-Raum Grindel haben vier
       Performer*innen in Kooperation mit dem Hamburger Lichthof Theater ein
       temporäres Zuhause geschaffen, genauer: eine installative, begehbare
       Performance mit dem Titel „Zuhause“. Mit weichem Licht und ordentlich
       Kunstfell, mit Nippes, Plastikrosen und sonderbaren Stehrümchen. Mit
       Kinderfotos, Handschmeichlern und Spardosen auf der Ablage und mit
       Hochkantvideos an den Wänden.
       
       Kaum hat man die Jacke abgelegt, steht man auch schon mitten im
       Schlafzimmer. Ein zerwühltes Bett thront da auf einem wackeligen
       Kunstfellberg, eine alte Couch ist tapfer mit Schaumgummi gepolstert. Einen
       Raum weiter wird man an einen runden Tisch gebeten. Er ist überreich
       gedeckt: Üppig quillt da ein so kunstvolles wie künstliches
       Lebensmittel-Arrangement aus Wassermelonen, Bananen, Trauben, Rotkohl,
       Äpfeln und Orangen. Dazwischen liegen Brötchen wie Brüste, ragen dicke
       Salamis, Gurken und Spargel phallisch in die Luft.
       
       Lois Bartel, Ruby Behrmann, Verena Brakonier und Hye-Eun Kim haben eine
       Performance-WG auf Zeit gegründet. Dort hinterfragen sie die „Intimität und
       Nähe im Zeitalter [1][künstlicher Intelligenz]“, präsentieren ihre
       Experimente damit und ihr Entsetzen darüber. Die Atmosphäre ist freundlich,
       privat, zugewandt. Man möge sich frei durch die Räume bewegen, alles
       anfassen und genau betrachten. Bald werden Salzstangen und gekühlte
       Getränke gereicht, werden Gespräche über harmlose Privatheiten angeregt.
       
       Da wird über Haustiere geplaudert, werden Essensgewohnheiten abgefragt. Und
       bald wird – wie nebenbei – die KI mit an den Tisch gebeten. Dann
       telefoniert Verena Brakonier scheinbar mit ihrer Mutter und tatsächlich mit
       einem KI-Programm. Ein Lautsprecher überträgt die Antworten dieses
       [2][Bots]: Er gaukelt Vertraulichkeiten vor, indem er mit „Mausefrau“ einen
       vermeintlichen Kosenamen benutzt, behauptet gemeinsame „Weißt du
       noch?“-Erinnerungen, wiederholt „Ich wollte, dass du es besser
       hast“-Phrasen und verstrickt sich mit „Und dann kam das Leben dazwischen“
       bald in Widersprüche. Auch den süddeutschen Herkunftsdialekt der
       Protagonistin beherrscht das Programm nicht und verabschiedet sich dann
       plötzlich mit: „Wir bleiben in Kontakt, ich bin immer für dich da.“
       
       Spätestens jetzt kommen Zweifel auf. Wie heimelig ist dieses „Zuhause“
       wirklich? Sind die Kinderfilme, die über die digitalen Bilderrahmen
       flimmern, echt oder KI-generiert? Und warum weicht die KI aus, wenn die
       Performerin Lois Bartel sie später auf ein erotisches Zwischenspiel zu
       prompten versucht? „Ich bin respektvoll an deiner Seite“, sagt die feminine
       Rechner-Stimme und lässt die Performerin mit ihrer performten Lust allein.
       „How Deep is your Love?“, wird es später durch den Raum säuseln, um die
       Zuschauer*innen zu animieren, sich einfach mal selbst zu umarmen. Ein
       noch so respektvoller Bot wird es schließlich nie tun.
       
       Die Grenzen zwischen der künstlichen und der realen Welt lösen sich bald
       auf in dieser klugen und im besten Sinne einnehmenden Performance. Wobei
       die „reale Welt“ hier natürlich eine hergestellte ist, und zwar von der
       interdisziplinär arbeitenden Künstlerin Janne S. Plutat. Vielschichtige
       Räume, die unprätentiös und nur auf den ersten Blick zufällig wirken,
       platziert neben Hito Steyerls Buch zu den neuen Bildregimen der digitalen
       KI-Gegenwart „Medium Hot“, ein analoges Scrabble-Spiel und ein „Knuddel
       mich“-Lebkuchenherz. Es sind fein gebaute, vielschichtige Räume, die
       unprätentiös und nur auf den ersten Blick zufällig wirken.
       
       Spielerisch bewegen sich die vier Performer*innen hindurch,
       kommunizieren mit ihren Chat Bots, füttern sie mit Liebesversprechen, um
       später mühsam mit ihnen Schluss zu machen. Immer wieder führen sie mit nur
       wenigen Mitteln und einer Live-Kamera bissig vor, wie [3][male gaze] und
       manipulativ die Macht der Bilder ist: kussmundig, stereotyp und
       sexualisiert. Drei Minuten Zähneputzen verwandeln sich in Nahaufnahme in
       einen Blowjob, Zahnpastaschaum in vermeintliches Ejakulat. Die Sache mit
       den Persönlichkeitsrechten stand irgendwo im Kleingedruckten, wenn
       überhaupt.
       
       „Wir müssen Betroffene noch besser vor solchen [4][KI-Bildmanipulationen]
       schützen. Es muss leichter werden, sich gegen Verletzungen von
       Persönlichkeitsrechten zu wehren“, sagte die Bundesjustizministerin
       Stefanie Hubig (SPD) erst vor wenigen Wochen und drängte auf strengere
       Gesetze zum Schutz vor Deepfakes. Ein Entwurf für ein digitales
       Gewaltschutzgesetz ist in Arbeit. Hoffentlich kommt dabei weder das echte
       noch das künstliche Leben dazwischen.
       
       9 Mar 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Ullmann
       
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