# taz.de -- Wenn einen der Krieg nicht mehr loslässt: Die „Mutter eines Helden“ hat nicht zu weinen
       
       > Wer steht den Müttern und Ehefrauen von Soldaten in Russland bei? Zum
       > Beispiel eine Chat-App, die Hilfe verspricht – und den Frauen Gehorsam
       > eintrichtert.
       
 (IMG) Bild: Vereidigungszeremonie für neue Rekruten mit ihren Familienangehörigen Ende Januar in Moskau
       
       Die taz präsentiert unter [1][taz.de/unserfenster] jeden Mittwoch eine
       wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus kritischen russischen Medien.
       Mit diesem Projekt stärkt die taz Panter Stiftung unabhängigen Journalismus
       und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre Arbeit auch unter
       schwierigen Bedingungen fortzuführen.
       
       „Verstka“ öffnet am 4. März [2][mit dem folgenden Beitrag] ein Fenster nach
       Russland. 
       
       Ehefrauen und Mütter von im Krieg gegen die Ukraine gefallenen oder
       vermissten Soldaten zählen inzwischen zu einer der größten besonders
       verletzlichen Gruppen in Russland. Landesweit sind Initiativen entstanden,
       die ihre seelische Belastung auffangen sollen – von kostenloser
       Psychotherapie und telefonischen Beratungsangeboten bis hin zu
       Gesangskreisen oder Pilgerfahrten in Klöster. Doch trotz dieser Angebote
       berichten Tausende Frauen, dass sie Angst, Trauer und innere Anspannung
       kaum noch bewältigen können.
       
       Das Medium Mediazona hat die Namen von Gefallenen überprüft, und so bis zum
       Ende des vierten Kriegsjahres mindestens 186.102 gefallene russische
       Soldaten bestätigt. Zehntausende werden nach wie vor als vermisst geführt.
       
       Wenn Soldaten den Kontakt abbrechen und die Hotline des
       Verteidigungsministeriums und die Kommandeure keine Antworten geben, machen
       sich die Angehörigen – meist Ehefrauen und Mütter – selbst auf die Suche.
       
       ## Beratung mit Regeln
       
       Im Sommer 2024 wurde in Russland eine Art Vertrauenshotline für Angehörige
       russischer Soldaten eingerichtet. Das „Komitee der Familien der
       Vaterlandsverteidiger“ entwickelte ein Format, das schnelle psychologische
       Ersthilfe verspricht. Über QR-Codes auf Werbebannern in sozialen Netzwerken
       wie Vkontakte und Telegram werden Betroffene in einen speziellen Chat
       weitergeleitet. Dort bieten klinische Psychologinnen und Psychologen nach
       Angabe der Initiatoren rund um die Uhr kostenlose Beratung an – öffentlich
       im Chat oder in Einzelgesprächen.
       
       Voraussetzung ist jedoch, dass Hilfesuchende bestimmte Regeln einhalten:
       keine Angaben zum Einsatzort der Soldaten, keine „politischen Aufrufe“,
       keine Kritik an den Streitkräften und kein respektloser Ton gegenüber den
       Behörden.
       
       Innerhalb von anderthalb Jahren wurde der Chat 25.000-mal kontaktiert.
       Trotz des anonymen Formats werden die anonymisierten Hilfegesuche
       öffentlich zugänglich gemacht. Das unabhängige Medium Verstka hat mehr als
       tausend dieser Nachrichten ausgewertet.
       
       In dem Chat schildern die Frauen Gewalt, Trauer und Überforderung: „Mein
       Mann, der zweimal am Krieg in der Ukraine teilgenommen hat, hat eine
       Korrespondenz von mir an jemanden mit dem Namen ‚Zhenya‘ gelesen. Er wusste
       nicht, dass es sich dabei um eine Frau handelt. Und er hat mir körperliche
       Verletzungen zugefügt. Eine Nasenfraktur mit Verschiebung des Nasenbeins,
       viele Hämatome. Im Krankenwagen habe ich gesagt, dass ich gestürzt bin“,
       schreibt eine Frau und bittet um Unterstützung.
       
       Eine andere Nachricht ist ein schlichter Hilfeschrei: „Wir haben unseren
       Sohn am 4. Dezember beerdigt. Heute hat man mir gesagt, dass es ein anderer
       Soldat war, der beerdigt wurde.“
       
       Die Betreiber des Projekts betonen, keine künstliche Intelligenz
       einzusetzen. Dennoch erinnern manche Antworten in Tonfall und Aufbau an
       automatisierte Textbausteine. Formulierungen wie „Ich werde versuchen,
       Ihnen beizustehen“, „Das ist kein Trost, das ist die Wahrheit“ oder „Lassen
       Sie uns das, was Sie beschrieben haben, einmal ordnen“ klingen
       standardisiert und distanziert.
       
       Zugleich gibt es Antworten in deutlich schärferem Ton. So heißt es etwa:
       „Denken Sie daran: So grob, ironisch oder sarkastisch die Bemerkung Ihres
       Ehemanns auch sein mag – Ihre Antwort sollte ruhig, freundlich, möglichst
       knapp und zugleich sachlich sein.“In einem anderen Fall wird der Frau im
       Chat geraten, sie solle mit ihrem Mann vereinbaren, „dass Sie, wenn er zu
       Hause ist, seine aufmerksame und liebevolle Kommandeurin sind – die ihn
       schützen und versorgen muss“. Und weiter: „Ein Verwundeter braucht Ihre
       Tränen zuletzt.“ Mitunter werden die Frauen an die ihnen zugeschriebenen
       Rollen erinnert – als „Ehefrau eines Verteidigers“ oder „Mutter eines
       Helden“.
       
       Mit Ihrer [3][Spende an die taz Panter Stiftung] helfen Sie, kritischen
       Journalismus zu stärken und auch unter schwierigen Bedingungen zu
       ermöglichen.
       
       4 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /unserfenster
 (DIR) [2] https://verstka.media/zheny-i-materi-pogibshih-voennyh-nuzhdayutsya-v-psihologicheskoi-pomoshhi
 (DIR) [3] https://secure.spendenbank.de/form/1705?langid=1--
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tigran Petrosyan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Unser Fenster nach Russland
 (DIR) Russland
 (DIR) Ehe
 (DIR) Soldaten
 (DIR) Propaganda
 (DIR) Unser Fenster nach Russland
 (DIR) Unser Fenster nach Russland
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Unser Fenster nach Russland
 (DIR) Unser Fenster nach Russland
 (DIR) Unser Fenster nach Russland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nordkorea hilft Russland: Sie kämpfen mit veralteter Munition
       
       2025 war Nordkorea ein wichtiger Munitionslieferant für Russland. Laut
       Recherchen sind diese Lieferungen inzwischen stark zurückgegangen – mit
       drastischen Folgen.
       
 (DIR) Justiz in Russland: Wie Trickbetrüger Russen zur Brandstiftung anstachelten
       
       Vor einiger Zeit ging ein Phänomen durch Russland: Telefonbetrüger
       stifteten Menschen zu Anschlägen an. Manche von ihnen werden wegen
       Terrorismus angeklagt.
       
 (DIR) Performance mit KI: Die verlogenen Vertraulichkeiten der KI
       
       Die Performance „Zuhause“ dekliniert in Hamburg ein scheinbar wohliges
       Zusammenleben mit KI durch. Ein Spiel mit gefährlich verfließenden Grenzen.
       
 (DIR) Angeblicher Genozid am sowjetischen Volk: Kreml schafft Gulag-Museum ab
       
       Nur wenige Orte in Russland erinnern an die Opfer der Stalin-Herrschaft.
       Ein Museum soll künftig an den „Völkermord am sowjetischen Volk“ erinnern.
       
 (DIR) Russische Deserteure in Kasachstan: Ausgeliefert wegen „Rauchens einer Wasserpfeife“
       
       Kasachstan war für verfolgte Russ:innen ein Zufluchtsort. Das hat sich
       geändert. Seit Januar werden immer mehr Menschen an Russland ausgeliefert.
       
 (DIR) Russische Soldaten in Estland: Das Baltikum ist kein Ort für russische Deserteure
       
       Estland will keine Russen im Land, die im Ukrainekrieg gekämpft haben.
       Nicht einmal dann, wenn sie dem Militär mutig den Rücken gekehrt haben.