# taz.de -- Tagebuch aus Litauen: Was kleine Angriffe in Vilnius anrichten
> Immer häufiger sorgen Provokationen in der belarussischen Exilgemeinde in
> Litauen für Misstrauen. Es gibt eine Vermutung, wo das herkommt.
(IMG) Bild: Eine orthodoxe Kirche und im Hintergrund das Parlament: Vilnius im Mai 2023
„Vilnius gehört uns!“ Geschrieben ist das in belarussischer Sprache. Die
Parole findet sich an der Wand einer belarussisch-orthodoxen Kirche in der
litauischen Hauptstadt Vilnius. Sie steht da in leuchtendem Rot. Was soll
man davon halten? Werden hier belarussische Gebietsansprüche formuliert?
Nein. Hinter diesem Akt des Vandalismus stehen vermutlich belarussische und
russische Geheimdienste. Sie hinterlassen häufiger solche Parolen in
Vilnius. Es sind kalkulierte Provokationen. Wer sie an die Wände schreibt,
zielt vermutlich darauf ab, das ohnehin [1][fragile Klima] weiter zu
erschüttern. Vorbehalte, die es in Teilen der litauischen Gesellschaft
gegenüber [2][belarussischen Emigrant:innen] gibt, sollen verstärkt
werden.
Auffällig ist die Wahl der Sprache. Dass die Losung auf Belarussisch
formuliert wurde, ist kaum zufällig. Sie erzeugt das Bild einer internen
Auseinandersetzung, ganz so als gäbe es unüberwindbare Spannungen in der
[3][belarussischen Gemeinschaft], die in Litauen lebt. Genau das dürfte die
Absicht sein: Misstrauen zwischen [4][Exil-Belarussen] und der litauischen
Mehrheitsgesellschaft soll gesät werden, und zwar ausgerechnet in einer
Zeit, in der die Region durch die russische Politik ohnehin enorm
angespannt ist.
Seit 2024 tauchen solche Graffiti in Vilnius auf. Zunächst beschmierten
Unbekannte einen Souvenirladen, den ein im Exil lebender Belarusse, ein
früherer politischer Häftling, eröffnet hatte. Auf Litauisch hinterließen
die Täter:innen ihre Botschaft: „Geht nach Hause, ihr belarussischen
Schweine!“
## Schüsse auf ein Kirchengebäude
Einige Monate später wurden die Fenster des Zentrums für belarussische
Kultur eingeschlagen. Auf ein Gebäude der belarussischen Kirche wurden
sogar Schüsse abgegeben. Die Täter:innen wurden bislang nicht gefasst.
Und dann ist da die Kirche. Auch dieser Ort ist nicht zufällig gewählt.
Eine Kirche steht für Vertrauen, für Schutz, für Rückzug aus dem Lärm der
politischen Auseinandersetzungen. Wer ihre Wände beschmiert, greift mehr an
als nur Putz und Fassade. Er oder sie markiert einen Raum, der eigentlich
neutral und sicher sein sollte.
Hinzu kommt: Es handelt sich um ein Gotteshaus der belarussischen Gemeinde.
Die untersteht nicht dem Moskauer Patriarchat, sondern sie gehört zum
Patriarchat von Konstantinopel. Gerade deshalb entfaltet die Provokation
eine besondere Sprengkraft.
Sie trifft nämlich nicht nur eine religiöse Institution, sondern auch eine
Gemeinschaft, die sich bewusst anders verorten möchte. Die Schmiererei
zielt auf die Identität dieser Gemeinde – und damit auf das elementare
Gefühl von Sicherheit.
## Das Vertrauen schwindet
Solche Aktionen schüren zugleich die Sorge, die Präsenz belarussischer
Exilant:innen könne die angespannte Stimmung im Land weiter belasten.
Das Vertrauen in die Geborgenheit nimmt ab. Wenn selbst ein sakraler Raum
nicht unangetastet bleibt, was dann?
Möglicherweise ist genau dies die Botschaft: Niemand soll sich sicher
fühlen. Jede Wand kann zur Projektionsfläche werden, jede Erinnerung zur
Drohkulisse.
[5][Glafira Zhuk] war Stipendiatin der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von [6][Tigran Petrosyan].
Durch [7][Spenden an die taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
27 Feb 2026
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