# taz.de -- Whitney-Biennale New York: Die neue Innerlichkeit
       
       > Ist die New Yorker Whitney-Biennale so zahm, wie ältere US-Kunstkritiker
       > behaupten? Oder sagt das etwas über das Innenleben eines brüchigen
       > Imperiums?
       
 (IMG) Bild: Ein verkohltes Weißes Haus über Manhattan: Kiyan Williams, „Ruins of Empire II or The Earth Swallows the Master’s House“, 2024. Installationsansicht Whitney Biennale 2024
       
       Der Renzo-Piano-Bau am Hudson River, der seit nun beinahe zehn Jahren das
       New Yorker Whitney Museum beherbergt, hat zwei Soll-Öffnungen zur Straße
       hin, vollverglaste Außenwände über die gesamte Breite des zweiten und
       dritten Stockwerks.
       
       Wer seit vergangener Woche hier am Fluss entlang joggen oder spazieren geht
       und einen Blick nach oben wagt, dem blinken in Neonlettern Botschaften
       entgegen, die den Beobachter wenigstens für einen Augenblick aus dem Tritt
       bringen. „We must stop imagining/apocalypse/genocide and we must imagine
       liberation“, schimmert da in zehn Meter Höhe über der Flusspromenade.
       
       Die Neonschrift ist das einzige nach außen sichtbare Zeichen dessen, was
       sich derzeit im Museumsinneren abspielt – die Biennale des Museums nämlich,
       die seit nunmehr 51 Jahren nicht nur den jeweiligen Moment in der
       amerikanischen Kunst abzubilden strebt, sondern der gegenwärtigen
       Künstlergeneration eine Plattform bietet, [1][die Zustände in Kultur und
       Gesellschaft zu kommentieren].
       
       Diese Gelegenheit haben die Künstler in der Vergangenheit mit wechselnder
       Intensität genutzt. Unvergessen ist etwa die Biennale des Jahres 1993, als
       die US-Kunst sich mit einer verzweifelten Vehemenz gegen den Zynismus des
       amerikanischen Neoliberalismus aufgelehnt und sehr zum Unbehagen des
       Kunst-Establishments die Grenze zwischen Kunst und Polit-Aktivismus
       verwischt hat.
       
       ## Konstruktion von Identität
       
       Seither ist die 93er-Biennale zum Bezugspunkt für die Kuratoren aller
       weiteren Biennalen geworden – man versuchte sich entweder davon zu
       distanzieren oder, wie in den vergangenen Jahren, ihren Geist
       wiederzubeleben und zu fragen, wie er für die heutige Zeit aktualisierbar
       ist.
       
       Meg Onli, die Co-Kuratorin der derzeitigen Biennale, gibt zu, bei der
       Planung der Ausstellung mit ihrer Kollegin Chrissie Iles an die Diskurse
       des Jahres 1993 angeknüpft zu haben. Das damals zentrale Thema war die
       Konstruktion von Identität. Das Thema erscheint den Kuratorinnen auch heute
       so unabgeschlossen wie eh und je, seine Verhandlung bleibt auch bei einer
       seither neuen Künstlergeneration spannend.
       
       Die New Yorker Kritik konnte dem Ansatz von Onli und Iles allerdings wenig
       abgewinnen. Jerry Saltz etwa, der große Meinungsmacher in der New Yorker
       Szene, fand die ganze Show zu brav und zu zahm. Das sei nicht zuletzt daran
       abzulesen, dass der leuchtende Schriftzug an der Fassade des Whitney vom
       indigenen Künstler Demian DinéYazhi das am explizitesten politische unter
       den nur 71 Werken ist.
       
       Der 73 Jahre alte Saltz, der in den militanten Kulturkämpfen der 70er und
       80er Jahre sozialisiert wurde, wünscht sich das Wilde, Anarchische jener
       Zeit zurück, er sehnt sich nach dem Ikonoklasmus von [2][Matthew Barney],
       [3][Cindy Sherman], Barbara Kruger oder [4][Nan Goldin]. Die heutigen
       Künstler sind ihm zu ängstlich, zu verschüchtert. Er habe bei der Biennale
       nichts gesehen, meint Saltz, was wirklich aufrüttelt.
       
       ## Nichts ist laut oder schrill
       
       Man kann ihm recht geben, nicht viel ist zu sehen, das laut oder schrill
       daherkommt. Plakativ ist vielleicht noch die scheinbar verkohlte, in sich
       zusammensinkende Nachbildung vom Weißen Haus auf der Außenterrasse des
       fünften Stocks. „The Earth Swallows the Masters House“ nennt Kiyan Williams
       die gut drei Meter hohe Plastik, auf der nur die amerikanische Flagge
       unbeschadet ist.
       
       Hier wird auf etwas zu triviale Weise das Ende des amerikanischen Imperiums
       entweder illustriert oder herbeigewünscht, je nachdem wie man es
       betrachtet. Dem gegenüber hat Williams eine triumphierende Statue der
       Trans-Aktivistin Marsha P. Johnston platziert.
       
       Doch schon hier merkt man, dass die Dinge komplizierter geworden sind seit
       1993. Der leidenschaftliche Kampf um die amerikanische Seele ist im
       Zeitalter von Trump einer gewissen Verzweiflung sowie einem wachsende
       Zynismus gewichen. Und damit verbunden einer Kehre nach innen.
       
       So berichtet Meg Onli, sie habe während ihrer Recherchen eine Hinwendung
       zur Subjektivität in der amerikanischen Gegenwartskunst beobachtet sowie
       ein neues Interesse an der Psychoanalyse. Künstler misstrauten allem, was
       Stabilität vorgibt oder Hierarchien zwischen einer behaupteten „Realität“
       und einer „Irrealität“ aufmacht, wie es beispielsweise für heteronormale
       Identitäten gegenüber queeren beansprucht wird.
       
       ## Fließend und instabil
       
       Das Ergebnis ist eine Kunst, die das Fließende, Instabile betont. Da sind
       zum Beispiel die Kaskaden aus belichtetem, aber unfixiertem Fotopapier der
       kanadischen Künstlerin Lotus Laurie Kang, die sich durch die
       Lichtverhältnisse im Museum weiterentwickeln und immer neue Brauntöne
       produzieren. Oder die Arbeit von Suzanne Jackson, die Acrylfarbe mit
       Acrylfarbe vermischt und darin zerschredderte Briefe oder Textilien
       auflöst. Die Arbeit ist in einem steten Wandlungsprozess, ist ein Gemälde
       ohne Leinwand, dem wortwörtlich der Halt fehlt.
       
       Aber auch die eher klassische Malerei schafft es, materiell und psychisch
       etwas Unstetes zu vermitteln. Da sind etwa die Gemälde der lange
       übersehenen schwarzen Künstlerin Mavis Pusey. Sie lässt sich von der nicht
       enden wollenden Abrisswut in New York inspirieren, wenn sie auf ihren
       Leinwänden gerasterte, moderne Fassaden mit Brettverschlägen und Bauschutt
       zu abstrakten Kompositionen vermengt.
       
       Ähnlich gespenstisch sind die Bilder von Maja Ruznic, die als bosnisches
       Kind in österreichischen Flüchtlingslagern massive Traumata erfuhr, die
       sich auf ihr weiteres Leben ausgewirkt haben. Auf ihrem trügerisch
       farbenfrohen Ölgemälde „The past awaiting the present“ deutet sie mit ihren
       kubistischen Figuren die schmerzhaften, aber auch hoffnungsvollen
       Identitätsübergänge in ihrer Biografie an.
       
       ## Konstruktion von Trans-Identitäten
       
       Am treffendsten passt das Thema uneindeutiger Identitäten freilich auf die
       Konstruktion von Trans-Identitäten, die im heutigen Amerika an vorderster
       Front der Kulturkämpfe verhandelt werden. Die Biennale hat deshalb mehrere
       Trans-Künstler:Innen eingeladen, die sich jedoch auch nicht explizit
       agitatorisch gebärden.
       
       Doch speziell die scheinbar lakonischen Zeichnungen von Pippa Garner, die
       mit Tesafilm in die Büroräume des Whitney gehängt wurden, sind deshalb umso
       eindringlicher. Mit viel Humor und Selbstironie begleitete sie darauf über
       viele Jahre ihre eigene Transition. Cartoonhaft, manchmal fantastisch,
       wandelt sie Konsumgüter wie Autos oder Küchengeräte zu Körpererweiterungen
       um und kommentiert leichthändig die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher
       Selbsterschaffung.
       
       Wer sich derweil angesichts des Titels der Biennale „Even Better Than the
       Real Thing“ eine tiefergehende Diskussion der Wechselwirkung von
       künstlicher Intelligenz und Kunst verspricht, der wird allerdings
       enttäuscht. Im Grunde wird nur ein Werk digitaler Kunst gezeigt,
       „xhairymutantx“ von Holly Herndon und Mat Dryhurst, und es stellt nicht das
       herausragendste Beispiel dieser Sparte dar: Zu sehen ist [5][eine
       AI-generierte Mutation der Künstlerin] als Gemälde, der Besucher kann per
       QR im Netz weitere generieren. Solch ein Kommentar auf Deepfakes bleibt an
       der Museumswand eher flach.
       
       ## Gegenentwurf oder Kritik?
       
       Man könnte den Titel der Biennale aber auch auf einen anderen
       konzeptionellen Ansatz gemünzt verstehen, dass sie nämlich nicht so sehr
       als Kritik am amerikanischen Imperium gedacht ist, sondern eher als eine
       Art Gegenentwurf. Chrissie Iles bringt im Katalog den postkolonialen
       Begriff des „archipelagic space“ – des archipelen Raums – ins Spiel. Mit
       dessen Hilfe sollen Dinge wie Imperium, Nation, aber auch jede andere Form
       von Gemeinwesen holistischer gedacht werden, als instabiles Netzwerk von
       Interdependenzen.
       
       Es mag eine der Stärken der Whitney-Biennale sein, Amerika als ein solches
       Archipel vorzuschlagen. Chaotisch, unruhig, insulär, aber lose verbunden
       und vom Untergang bedroht. Ein verletzliches, prekäres Amerika, aber
       better than the real thing. Wenn dies die Diagnose der Biennale ist, dann
       kann man ihr nur zustimmen.
       
       31 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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