# taz.de -- AfD vor der Wahl in Baden-Württemberg: Was ein AfD-Direktkandidat so alles auf Telegram chattete
> Der taz liegen Chats des AfD-Kandidaten Sebastian Ruth vor. Der
> 20-Jährige leitete eine Telegram-Gruppe, in der gefordert wurde,
> „Asylheime anzuzünden“.
(IMG) Bild: Will nicht mehr rechtsextrem sein, nutzt aber weiter die „White-Power“-Geste: AfD-Kandidat Sebastian Ruth
Die [1][extrem rechte AfD] hat im Superwahljahr eine Menge Sorgen. Erst
bricht in Sachsen-Anhalt eine Schlammschlacht aus, in deren Zuge die
innerhalb der Partei offenbar weit verbreitete Vetternwirtschaft bekannt
wird. Dann erfassen die Korruptionsvorwürfe auch den
baden-württembergischen Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier, weil dessen
Frau im Bundestagsbüro eines Parteifreunds beschäftigt ist. Zudem wurde
[2][nun auch noch bekannt], dass sein Vater bei der Abgeordneten Diana
Zimmer tätig ist – die zugleich Frohnmaiers Wahlkampf leitet. Frohnmaier
findet all dies nicht anstößig, verschwand aber dennoch in der heißesten
Wahlkampfphase zum Kontakteknüpfen in die USA.
Was über den ganzen Filzvorwürfen derzeit ein wenig untergeht: Wie extrem
rechts eigentlich [3][die AfD und ihre Kandidaten] sind. Der taz liegen
jetzt interne Chats des Direktkandidaten Sebastian Ruth vor, der unter dem
Pseudonym „Sozialpatriotische Bewegung“ eine gleichnamige Chatgruppe mit
rund 300 teils minderjährigen Mitgliedern verwaltete. In der Gruppe lässt
sich nachvollziehen, wie junge Rechtsradikale sich gegenseitig anfeuern und
aufstacheln, nachdem sie sich bei Tiktok vernetzt haben. Die Chatgruppe
besteht heute nicht mehr. Die Screenshots und Inhalte wurden der taz von
einem antifaschistischen Recherchekollektiv zur Verfügung gestellt.
Der 20-jährige Ruth kandidiert für die AfD in Freiburg und posiert mit
akkuratem Szenescheitel auf seinem X-Profil neben dem extrem rechten
Kampfbegriff „Remigration“. Dem Profil zufolge findet er [4][Parolen wie
„Heil Höcke digga“ witzig]. Er benutzt andauernd die „White Power“-Geste
und fordert die millionenfache Remigration von Muslimen. Zugleich versucht
er, sich selbst in der Lokalpresse zu verharmlosen. Überregional trat er
mangels Reichweite bisher nicht wirklich in Erscheinung. Politisiert hat er
sich nach eigenen Angaben während der Coronapandemie, mittlerweile ist er
auch Beisitzer im Kreisvorstand Breisgau-Hochschwarzwald.
Die der taz vorliegenden Chats bieten genauere Einblicke in seine
politische Sozialisation und Radikalisierung. Im Chatverlauf offenbarte
Ruth seinen Klarnamen. Der taz bestätigte er auf Anfrage, dass er sich bis
vor drei Jahren tatsächlich dort ausgetauscht hatte.
## „Judentum politisch schwierig“
Die Inhalte der Gruppe sind durchaus radikal: Über die Reichsfarben
schreibt Ruth dort: „Ich weiß, Schwarz-Weiß-Rot hat seinen Charme, aber es
ist schädlich für die Außenwirkung.“ Er sehe sich selbst als
sozialpatriotisch, was allerdings nicht nationalsozialistisch heißen soll –
er wolle das Eigene lieben und nicht das Andere hassen. Er respektiere auch
in „spiritueller Form alle Religionen“, finde aber im Politischen „sowohl
das Judentum als auch den Islam schwierig“.
Neben Antisemitismus sind auch Rassismus und Sexismus selbstverständlich
Teil des Chats: Männer hält man für grundsätzlich gebildeter, Frauen für
beeinflussbar. Sexismus wird nur als Problem wahrgenommen, wenn er von
migrantisierten Männern kommt. Beispielsweise beschwert sich ein Teilnehmer
darüber, dass seine Schwester habe umziehen müssen, da sie „aufgrund dem
neuen Asylantenheim“ (Fehler im Original, d. Red.) ihre Wohnung nicht mehr
habe verlassen können. Darüber hinaus sei man sich einig, dass man Frauen
respektieren und ehren sollte „und nicht ihr Leben zerstören“. Ruth
schränkt ein: „Gibt Frauen, bei denen würde ich eine Ausnahme machen“,
schreibt er mit einem Tränenlachsmiley.
Ein anderer User meint dazu: „Die Asylheime gehören abgerissen und
angezündet.“ Ein anderer User teilt eine Fotomontage, auf der ein Flugzeug
mit dem Logo des Gruppenchats auf nach Mekka gepilgerte Muslime abstürzt.
Der extrem rechte Verschwörungsmythos des großen Austauschs wird als
„belegter Fakt“ bezeichnet. Interessant ist auch: Damals ist Ruth noch
nicht vom Erfolg der AfD überzeugt. „Die AfD wird ohnehin untergehen“,
schreibt er.
Auf taz-Anfrage antwortete Ruth, dass die Chatgruppe aus einem
Tiktok-Projekt entstanden sei. Dort hätten sich „Gleichgesinnte“
versammelt, „die – wie ich – Sozialpatriotismus als positives Modell
begreifen“, so Ruth.
Das Stichwort geht auf den [5][extrem rechten Ideologen Benedikt Kaiser
zurück]. Kaiser arbeitet für die AfD im Bundestag, stammt aus der
Kameradschaftsszene in Sachsen und war auch in Neonazi-Strukturen aktiv –
unter anderem bei den „Nationalen Sozialisten Chemnitz“. Heute beschäftigt
er sich vor allem mit geistigem Theoriediebstahl: Er wildert bei vorwiegend
linken Denker*innen ideologische Versatzstücke und baut sie unterkomplex
in seine menschenverachtenden Ungleichwertigkeitsvorstellungen ein.
## Ruth verbreitet weitere extrem rechte Ideologie
Obwohl Ruth sich ideologisch zum Sozialpatriotismus bekennt, distanziert er
sich auf taz-Anfrage von der Chatgruppe: Er sei 17 gewesen, als er sie
betrieben habe. „Damals“, also vor drei Jahren, habe er noch einiges anders
gesehen. Mit seinen dortigen Aussagen konfrontiert bedaure er heute, dass
die Reichsfahne von Rechtsextremen vereinnahmt worden sei. Zionismus und
Islamismus sehe er weiterhin kritisch, wie er betont. Von seiner Aussage
über Frauen möchte er sich allerdings distanzieren. Auch will er immer
widersprochen haben, wenn rechtsextreme oder gewaltverherrlichende Inhalte
geteilt worden sind – „soweit es mir möglich war“.
Zu seinem Bedauern hätten die rechtsextremen Inhalte in der Gruppe mit der
Zeit zugenommen: „Wir waren mit der gezielten Unterwanderung durch
Rechtsextremisten und Neonazis konfrontiert.“ Die Admins und er hätten
Schwierigkeiten gehabt, alles zu löschen, Mitglieder zu entfernen oder
Aussagen klarzustellen. Deswegen habe Ruth „die Reißleine gezogen“ und
„dieses Projekt schließlich beendet“: „Ich konnte und wollte es nicht mehr
verantworten, diesen Leuten und ihrem Weltbild, das offener
Nationalsozialismus ist, eine Plattform zu bieten“, behauptet er.
Ruth könne versichern: „Die abstoßende Nachricht mit den brennenden
Asylheimen war eine der 'harmloseren’ Aussagen, die wir dort lesen
mussten“. Weil die Gruppe als Tiktok-Projekt gestartet sei, habe es keine
echten Kontakte zu den Mitgliedern gegeben. Er habe aus dieser Zeit eine
tiefe Abneigung gegen die extrem rechte Szene entwickelt, sagt er.
Er habe sich seither gemäßigt, behauptet er, sagt aber zum angeblichen
„Bevölkerungsaustausch“: „Was ich weiterhin als faktische Realität
empfinde, ist die systematische Verdrängung der einheimischen Bevölkerung.“
Dann raunt er [6][Halbwahrheiten über die Geburtenrate] und verliert sich
in rechtsextremen Erzählungen. Ins Bild passt: Die Aktionen der extrem
rechten Identitären Bewegung finde er gut, auch wenn er sich von
„Remigration“ gegen Staatsbürger distanziert.
## ICE für Deutschland
Betrachtet man seine Social-Media-Kanäle heute, wirken seine
Distanzierungen wenig glaubhaft. Ruth bespielt sie weiter mit
rechtsextremen Inhalten. Mäßigung Fehlanzeige: Kürzlich kritisierte er nach
der Tötung von Alex Pretti durch die US-amerikanische Abschiebebehörde ICE
in Täter-Opfer-Umkehr ausgerechnet „permanente Hetze“ und „hasserfüllte
Rhetorik gegen ICE“, die zu solchen Situationen führe. Tatsächlich hatte
ICE den wehrlos am Boden liegenden Pretti kaltblütig erschossen.
Für Ruth ist die außer Kontrolle geratene Abschiebebehörde dennoch ein
Vorbild für Deutschland. Er verspricht: „Wenn wir gewählt werden, werden
wir auch eine ICE in Deutschland gründen.“
6 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwerpunkt-AfD/!t5495296
(DIR) [2] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101146594/afd-vetternwirtschaft-um-markus-frohnmaier-erst-die-frau-nun-der-vater.html
(DIR) [3] https://antifa-info.net/2026/03/04/kandidaten-der-afd-zur-landtagswahl-unter-der-lupe/
(DIR) [4] https://www.badische-zeitung.de/afd-landtagskandidat-sebastian-ruth-ich-heil-hoecke-digga
(DIR) [5] /Die-AfD-und-die-Identitaeren/!5955016
(DIR) [6] https://www.youtube.com/watch?v=1Q76na-m8s0
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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