# taz.de -- Kommunalwahl in Bayern: Videobeweis zeigt klare Schwalbe der AfD
> Die AfD behauptete, ihr Bürgermeisterkandidat sei von Linksextremen
> verprügelt worden. Medien übernahmen die Behauptung. Ein Video widerlegt
> das nun.
(IMG) Bild: Das Gerangel von Rosenheim: Der AfD Politiker Michael Maurer begibt sich ins Getümmel
Die Staatsanwaltschaft Traunstein prüft ein Ermittlungsverfahren gegen den
70-jährigen AfD-Politiker Michael Maurer. Der hat mutmaßlich fälschlich
Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen
Gegendemonstrant*innen gestellt. Ein Video hatte nach seinen
Anschuldigungen das Gegenteil seiner Darstellung nahegelegt.
Auf taz-Anfrage teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit: „Der
AfD-Bürgermeisterkandidat ist noch gestern bei der Polizei erschienen, hat
das Video des Vorfalls in Augenschein genommen und festgestellt, dass er
nicht geschlagen wurde. Entsprechend hält er den Vorwurf der
Körperverletzung nicht mehr aufrecht.“
Laut Staatsanwaltschaft dauern die Ermittlungen nach einem Anfangsverdacht
auf „gefährliche Körperverletzung“ an, es würden mehrere Videoaufnahmen
ausgewertet und Zeugen vernommen. Die Abteilung für politische Straftaten
werde den Fall anschließend umfassend prüfen – das gelte auch für die
Frage, „ob gegen einzelne Verfahrensbeteiligte ein Ermittlungsverfahren
wegen falscher Verdächtigung oder Vortäuschens einer Straftat einzuleiten
ist“, so die Staatsanwaltschaft.
Damit dürfte vor allem der 70-jährige Maurer gemeint sein, der bei den
bayerischen Kommunalwahlen in Rott als Bürgermeisterkandidat antritt.
Mittlerweile prüfe man Straftatbestände in alle Richtungen, hieß es auch
von der Polizei.
## Videobeweis: Schwalbe
Das Video vom eher harmlosen Gerangel in Rosenheim war zuvor viral gegangen
– auch weil die extrem rechte AfD sich zuvor auf Social Media großflächig
als Opfer angeblich brutaler „linksextremer Angriffe“ inszeniert hatte.
Bundesweit verbreiteten AfD-Politiker und rechtsextreme Accounts die
Legende, in Rosenheim sei ein 70-jähriger AfD-Bürgermeisterkandidat an
einem Wahlkampfstand von mehreren Jugendlichen angegriffen worden.
Entsprechendes hatte ihre lokalen Vertreter auch der dortigen Polizei
erzählt, die das offenbar ohne weitere Aufklärung öffentlich verbreitete
und ein Ermittlungsverfahren wegen „gefährlicher Körperverletzung“
einleitete. Die Polizei berichtete in einer von vielen Medien
aufgegriffenen Polizeimeldung unter der Überschrift „Körperverletzung an
Infostand der AfD Rosenheim“ entlang der AfD-Version.
Darin heißt es etwa: „Wie die aktuellen Ermittlungen anhand von
Schilderungen ergeben, gingen drei Personen, auf einen 70-jährigen Mann aus
Griesstätt körperlich los. … Er stürzte dabei in der Folge zu Boden und
soll vom 18-Jährigen aus München in den Unterkörperbereich mit den Füßen
getreten worden sein.“ Die Polizei habe ein Ermittlungsverfahren wegen
gefährlicher Körperverletzung eingeleitet gegen „drei Heranwachsende“, die
sie einer „linken Gruppierung“ zuordnete. Auch die Deutsche Presse-Agentur
dpa griff den Vorfall ohne zusätzliche Einordnung auf – woraufhin die
unbelegten Behauptungen sich auf zahlreichen News-Websites wiederfanden.
Für Aufklärung sorgte immerhin das kurz darauf auftauchende Video: Es zeigt
eben nicht mehr als ein Tauziehen und Gerangel um ein Banner, im Zuge
dessen der besagte 70-Jährige sich selbst ins Getümmel begibt und daraufhin
tatsächlich hinfällt oder sich fallen lässt. Keine Spur von gefährlicher
Körperverletzung, der Videobeweis legt eher eine Schwalbe nahe.
Auf dem Video ist auch zu erkennen: Der AfD-Landtagsabgeordnete Andreas
Winhart zerrt wie weitere AfD-Leute an dem Banner, rangelt fleißig mit und
tritt auf die Fahne. Als sein Parteifreund hinfällt, zückt er sein Handy,
anstatt dem 70-Jährigen hochzuhelfen. Später kursieren offenbar seine
Fotos: Sie zeigen Maurer mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegend,
während er sich das Knie hält. Der 70-Jährige erstattete danach Anzeige und
begab sich nach seinem Sturz ambulant ins Krankenhaus.
## Tauziehen um Banner
Tatsächlich wies das „Offene Antifaschistische Plenum Rosenheim“ die
Vorwürfe zurück. Seine Darstellung deckt sich mit dem Video: Fünf
Demonstrierende hätten sich vor dem AfD-Stand versammelt und gegen diesen
protestiert. Es habe ein Gerangel um ihr Spruchbanner gegeben. Sie seien
selbst geschubst und beleidigt worden und hätten den am Boden liegenden
AfD-Mann sogar noch gefragt, wie es ihm gehe.
Auch die kommunale Linken-Kandidatin für den Kreistag, Khando Ronge, war
vor Ort und erklärte, dass es ein „Tauziehen“ um ein Banner gegeben habe –
die AfD-Leute hätten versucht, den Demonstrierenden ein Plakat zu
entreißen, sie sei selbst von einem AfD-Politiker geschubst worden.
Es ist [1][nicht das erste Mal], dass die AfD sich derart [2][als Opfer
inszeniert]. Umso erstaunlicher ist es, dass sie es immer wieder mit
verzerrten Darstellungen in Polizeimeldungen und Medien schafft.
Besonders frappierend war das nach dem Gerangel von Rosenheim im
[3][Münchner Merkur]. Dort behauptete der AfD-Kandidat, dass er Abstand von
der Szene gesucht habe und eingekreist worden sei. Seine überzogenen
Darstellungen schafften es in einen ausgedachten szenischen Einstieg für
den Artikel:
„Ein Schlag von der Seite zwischen die Beine. Ein Sturz vornüber aufs
Kopfsteinpflaster. Ein stechender Schmerz im Knie. Fußtritte gegen die
Beine und den Oberkörper. Michael Maurer hat vor Schmerzen geschrien – und
kann nicht fassen, was er am Samstag (28. Februar) auf dem Max-Josefs-Platz
erlebt hat.“
Woraufhin das Blatt Maurer breit zitierte: „Ich bekam Tritte zwischen die
Beine, stürzte nach vorn, habe mich mit den Händen abgestützt, damit ich
nicht aufs Gesicht falle, schlug aber voll mit dem Knie auf dem
Kopfsteinpflaster auf und spürte einen heftigen, stechenden Schmerz im
Knie.“ Er sei zu 50 Prozent schwerbehindert und müsse noch immer zittern,
wenn er an die Szene denke, behauptete er.
Mittlerweile hat die Zeitung ihren Bericht korrigiert, ebenso wie die
meisten anderen News-Websites.
## Kehrtwende von der Kehrtwende
Die Polizei Rosenheim antwortete auf taz-Anfrage, dass man die
Öffentlichkeitsarbeit intern aufarbeiten und nachbesprechen wolle. Man habe
zwar in der Mitteilung darauf geachtet, „die geschilderten Abläufe auf
Grundlage der vorliegenden Aussagen darzustellen und dies auch entsprechend
kenntlich zu machen“.
Gleichwohl könne man nachvollziehen, „dass aufgrund der gewählten
Formulierungen – obwohl bewusst auf den Konjunktiv geachtet wurde – der
Eindruck entstanden sein könnte, es handele sich um gesicherte Tatsachen
und nicht um eine Darstellung auf Basis von Schilderungen“. Intern wolle
man erneut dafür sensibilisieren, wie künftig klarer zwischen bestätigten
Fakten und wiedergegebenen Angaben unterschieden werden kann.
Gelernt hat unterdessen auch der AfD-Bürgermeisterkandidat Maurer etwas:
Dass er sich mit einer falschen Verdächtigung strafbar macht, war ihm
offenbar neu. Kurz nachdem die Staatsanwaltschaft der taz geantwortet
hatte, dass der 70-Jährige nach Sichtung des Videos auf der Polizeiwache am
Dienstag seine Anzeige zurückziehen wolle, gibt es eine neue Wendung.
Nun will Maurer doch an seiner Anzeige festhalten, wie es von der
Staatsanwaltschaft nun heißt: „Laut telefonischer Auskunft der
polizeilichen Sachbearbeiterin hat sich der AfD-Bürgermeisterkandidat
zwischenzeitlich anwaltlich beraten lassen und danach erklärt, dass er den
Strafantrag aufrechterhalten wolle. Im gestrigen Gespräch mit der
Sachbearbeiterin hat er eine Rücknahme des Strafantrags angekündigt, aber
noch keine Rücknahme selbst erklärt.“
Wie es zu dieser Kehrtwende von der Kehrtwende kam, erklärt Maurer nicht.
Die AfD Rosenheim und ihr Kandidat antworteten auf taz-Anfrage bislang
nicht.
4 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Pruegelei-beim-AfD-Treffen-in-Giessen/!6139896
(DIR) [2] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/afd-parteitag-essen-bissattacke-spuckattacke-stefan-hrdy-100.html
(DIR) [3] https://www.merkur.de/bayern/brutaler-angriff-in-rosenheim-jugendliche-treten-auf-afd-buergermeisterkandidaten-ein-94195247.html
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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