# taz.de -- Vorwürfe gegen Göttinger Landrat: Rebellion der Beschäftigten
> Machtmissbrauch und Vetternwirtschaft: Im Kreis Göttingen werfen
> zahlreiche Führungskräfte dem SPD-Landrat Marcel Riethig Fehlverhalten
> vor.
(IMG) Bild: Hat ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst beantragt: Göttingens Landrat Marcel Riethig (SPD)
Im Landkreis Göttingen rebelliert die komplette Verwaltungsspitze gegen
Kreisrat Marcel Riethig (SPD). Dem 43-jährigen werden Machtmissbrauch, die
Einschüchterung von Mitarbeitenden, Vetternwirtschaft sowie diverse
Rechtsverstöße zur Last gelegt.
Insgesamt stehen 28 Vorwürfe im Raum. 16 Führungskräfte des Landkreises –
darunter die drei Dezernent:innen von SPD, CDU und Grünen – haben diese
in einer Dienstaufsichtsbeschwerde an das niedersächsische Innenministerium
formuliert. Das samt Aktenanhängen rund 700 Seiten umfassende Schreiben
wurde an die Presse durchgestochen, auch der taz liegt das Konvolut vor.
Demnach soll Riethig, der seit 2021 an der Spitze der Kreisverwaltung
steht, im Rahmen von Amtshandlungen in mehreren Fällen gegen geltendes
Recht verstoßen oder Anweisungen gegeben haben, die rechtlich nicht haltbar
waren. In den Fokus ihrer Kritik rücken die
Beschwerdebriefschreiber:innen auch finanzielle Unregelmäßigkeiten,
die sich zum Beispiel auf die Anschaffung und luxuriöse Ausstattung von
Riethigs Dienstwagen beziehen.
Mit Blick auf mögliche Vetternwirtschaft heißt es, der Landkreis Göttingen
werde wie ein „Selbstbedienungsladen“ geführt, in dem Stellenbesetzungen
nicht nach Qualifikation, sondern nach persönlicher oder parteipolitischer
Nähe erfolgten. Einem engen Mitarbeiter Riethigs wird eine enorme
Machtfülle zugeschrieben, die über seine eigentlichen Kompetenzen und
fachlichen Qualifikationen weit hinausginge.
## Landrat auf Ego-Trip?
Die Führungskräfte beklagen weiter, dass Beschäftigte systematisch unter
Druck gesetzt würden. Riethig habe sich gegenüber Personal despektierlich
gezeigt und etablierte Verwaltungswege bewusst umgangen, um eigene
Interessen durchzusetzen.
Unmittelbar nach den ersten Berichten über die Anschuldigungen, am 25.
Februar, reagierte Riethig. In sozialen Medien zeigte er sich über den
Brandbrief überrascht und wies sämtliche Vorwürfe zurück. Gleichzeitig
wurden Forderungen aus Reihen des Kreistages laut, Riethig solle auf eine
erneute Kandidatur zum Landrat bei den bevorstehenden Kommunalwahlen im
September verzichten.
Mittlerweile haben weitere 55 Führungskräfte aus der Landkreisverwaltung
eine zusätzliche Erklärung gegen Riethig unterzeichnet. Derzeit prüft das
Innenministerium die Vorwürfe noch, ein formelles Disziplinarverfahren
gegen Riethig läuft bislang nicht.
Doch hinzu werfen Berichte über ein Protokoll einer SPD-Sitzung vom Herbst
die Frage auf, was die regionale Parteispitze bereits im Vorfeld gewusst
hat. Bisher haben führende Sozialdemokraten aus der Region so getan, als
seien die Anschuldigungen für sie aus heiterem Himmel gekommen. Unter dem
Druck auch seiner eigenen Partei verzichtet Riethig nun auf eine neuerliche
Kandidatur.
## Riethig geht in Offensive
Am vergangenen Mittwoch ging der Landrat allerdings in die Offensive. In
einem Clip auf Instagram gab er bekannt, die Einleitung eines
Disziplinarverfahrens gegen sich selbst [1][beim Innenministerium]
beantragt zu haben. Ziel sei eine beschleunigte Aufklärung der Vorwürfe.
Das sei nur durch ein offizielles Verfahren möglich. „Damit will ich die
nur über die Presse ausgetragene offensichtliche Kampagne auf den Boden der
Tatsachen zurückholen“, sagte Riethig. Sein Anwalt beklagt, dass dem
Landrat „bis heute keine Akteneinsicht durch das Ministerium in das
anhängige Verfahren gewährt“ wurde.
Am späten Donnerstagnachmittag kam der Kreistag zu einer nicht öffentlichen
Sondersitzung zusammen. Auch Riethig und die drei Dezernent:innen waren
dabei. Diese wurden bei ihrer Ankunft vor dem Göttinger Rathaus von
mehreren Dutzend Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit lautem Applaus
begrüßt. Als Riethig an den Beschäftigten vorbeigeht, herrscht Stille.
Der Linken-Kreistagsabgeordnete Thomas Goes sagte vor der Sitzung der taz,
ein Landrat müsse den Austausch mit den Menschen suchen, ihre Anliegen
aufgreifen und gleichzeitig so mit den Beschäftigten arbeiten, dass sie den
Bürger:innen besser dienen könnten. „Wissen kann ich nicht, was an den
Vorwürfen dran ist“, fügt Goes hinzu. „Aber ich habe glaubhafte und
erschütternde Berichte gehört, die ihn in meinen Augen politisch völlig
untragbar machen.“
Für CDU-Fraktionschef Andreas Körner ging es bei der Sitzung vor allem
darum, dass [2][die Verwaltung in der aktuellen Situation weiter
funktionsfähig bleibt.] Die Vorwürfe gegen Riethig zu bewerten, sei Aufgabe
der Kommunalaufsicht. Ergebnisse der Sondersitzung wurden bis
Freitagvormittag nicht bekannt.
6 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Verfassungsschutz-entscheidet-AfD-Niedersachsen-darf-jetzt-bespitzelt-werden/!6155455
(DIR) [2] /Analyse-von-Regierungsberatern/!6117493
## AUTOREN
(DIR) Reimar Paul
## TAGS
(DIR) Göttingen
(DIR) Kommunalpolitik
(DIR) Kommunalwahlen
(DIR) SPD Niedersachsen
(DIR) Machtmissbrauch
(DIR) Göttingen
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Göttingen
(DIR) Tierschutz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kontroverse um Göttinger Landrat: Riethig ist raus
Nachdem Mitarbeitende ihm Machtmissbrauch vorwarfen, enthebt das
niedersächsische Innenministerium den Landrat des Dienstes. Er bestreitet
die Vorwürfe.
(DIR) Prekäres Wohnen: Nicht die beste Adresse
Die Zustände in einem Göttinger Plattenbau sorgen seit Jahren für
Schlagzeilen. Vermutlich haben sich Investoren bereichert, die Stadt schaut
nur zu.
(DIR) Eine Frage der Kommunikationsstrategie: Tod am Bahnsteig
Ein Asylbewerber wird verdächtigt, am Bahnhof Friedland eine junge
Ukrainerin getötet zu haben. Die Polizei steht wegen Falschmeldungen in der
Kritik.
(DIR) Halter von Galloway-Rindern verurteilt: Teure Tierfreiheit
Dutzende entlaufene Galloways machten über Monate den Kreis Göttingen
unsicher. Der frühere Halter wurde jetzt wegen Tierschutzverstößen
verurteilt.