# taz.de -- Shortparis-Sänger verstorben: Die Ästhetik von Trauer
       
       > In Russland waren der experimentellen Postpunk-Band Shortparis zuletzt
       > Auftritte verboten. Ihr Gründer und Sänger Nikolai Komyagin ist nun
       > verstorben.
       
 (IMG) Bild: Sankt Petersburg, Russland, 24. Februar: Beerdigung von Nikolai Komyagin. Eine Frau hält sein Porträt in den Händen
       
       In ihrer Heimat Russland hatten der Künstler Nikolai Komyagin und seine
       Band Shortparis zuletzt Auftrittsverbot. Kein Wunder, denn die
       Avantgarde-Band inszenierte das Putin-Reich vor allem in ihren Musikvideos
       als kalte, unmenschliche, mechanische Sphäre, sie bildete den russischen
       Totalitarismus vielleicht so ab wie keine andere Gruppe.
       
       Das Mastermind der Band war der 1987 in Nowokusnezk (in der Nähe von
       Nowosibirsk) geborene Nikolai Komyagin, der Shortparis 2012 in St.
       Petersburg gründete. Inspiriert war seine Gruppe von den modernen
       Avantgarden, vom Futurismus, auch vom Postpunk à la DAF – wie diese entzog
       sie sich aber auch einer einfachen Lesart.
       
       Im Video „Goworit Moskwa“ („Moskau spricht“, 2021) wird etwa der Faschismus
       Moskauer Prägung sehr direkt in Szene gesetzt, Shortparis lassen eine
       uniformierte Garde in einem industriellen Setting aufmarschieren, dazu
       trägt Komyagin Verse im elliptischen Stil vor („Im Boden des Landes / ein
       Loch / Im Boden des Eimers / Sagt Moskau“).
       
       ## Ukraine-Krieg als Sündenfall
       
       Vor Beginn des russischen Angriffskriegs setzte Shortparis auf eine
       Ästhetik, die die Gewalt, den Gleichschritt, die Gleichgültigkeit der
       russischen Gesellschaft direkt abbildete. Nach dem 24. Februar 2022 dagegen
       veröffentlichte die Gruppe das Klagelied „Yablonnyy sad“ („Apfelgarten“),
       das als Anti-Kriegs-Statement gelesen werden kann, in der der Ukraine-Krieg
       dann der Sündenfall ist („Wohin kriecht die Schlange?“).
       
       Komyagin sagte [1][damals im taz-Interview]: „Im Moment ist es meines
       Erachtens unangemessen, die Sprache der Gewalt und der Aggression in der
       Kunst zu verwenden. Die Ästhetik von Trauer und Klage ist geeigneter, um
       die Botschaft zu vermitteln, die wir vermitteln wollen.“ Die Band blieb bis
       zuletzt in Russland, sie tourte nicht nur durch westliche Staaten, sondern
       auch durch China. Wie nun bekannt wurde, ist Nikolai Komyagin vorige Woche
       gestorben.
       
       Der Künstler soll Probleme mit dem Herzen gehabt haben und nach dem
       Boxtraining verstorben sein, so das Management; die genaue Todesursache
       aber ist noch nicht geklärt. Für Komyagin gab es am Dienstag in St.
       Petersburg eine Trauerfeier, zu der Hunderte gekommen sein sollen – am
       vierten Jahrestag des vollumfänglichen Angriffskriegs.
       
       25 Feb 2026
       
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