# taz.de -- Buch über Ficos Slowakei: Demolieren und demontieren
> Der slowakische Autor Michal Hvorecký erzählt in „Dissident“ vom
> autoritären Staatsumbau unter Fico. Und aus seiner bewegten Biografie.
(IMG) Bild: Den Rechten im Lande gilt er als Persona non grata: Michal Hrovecký
Um in der Slowakei im Jahr 2026 zu einem Dissidenten zu werden, braucht es
nicht viel. Der Journalist und Autor Michal Hvorecký weiß dies aus eigener
Anschauung. Er ist eine Persona non grata für die Fico-Regierung und die
Rechten im Lande, dazu reiche es aus, so schreibt er, „dass ich frei und
prodemokratisch denke, dass ich meine kritische Meinung öffentlich äußere“.
Im Netz ernte er dafür Hass: „Mal bin ich da ein Landesverräter, dann ein
Ausländer, jedenfalls ein Nicht-Slowake, ein Drogensüchtiger, transgender
oder intersexuell und am häufigsten – was auch sonst – ein Jude.“
Michal Hvorecký, Jahrgang 1976, zählt im Westen zu den bekanntesten
Autor:innen aus der Slowakei, auf Deutsch sind nun bereits acht Bücher
von ihm erschienen, seine Werke wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt.
Hat er zuvor zum Teil dystopische Erzählungen veröffentlicht, handelt sein
neues Buch „Dissident“ nun von einer wahr gewordenen Dystopie: In seiner
vierten Amtszeit macht der slowakische Präsident Robert Fico vor, wie man
eine Demokratie demoliert und demontiert, auch und gerade auf dem Feld der
Kultur: Die rechtspopulistische Kulturministerin Martina Šimkovičová setzt
reihenweise missliebige Intendant:innen und Kulturmanager:innen
ab.
Hvoreckýs Buch ist einerseits eine Mischung aus Abrechnung, Aufschrei und
Weckruf, er richtet den Blick auf die politischen Zustände in seinem
Heimatland. Andererseits erzählt Hvorecký viel Biografisches, das eng mit
der Geschichte der Tschechoslowakei und der Slowakei verbunden ist.
Hvorecký schreibt über seine beiden Großväter, seinen Vater und seinen
Onkel (dass es nur die Männer der Familie sind, passt dabei in die
Epochen), er schreibt aber auch über Sexualität und sexuellen Missbrauch zu
Sowjetzeiten.
Hvorecký selbst wird in den Achtzigern Opfer eines bekannten slowakischen
Sexualstraftäters. Er wird von seinem Klassenlehrer Milan Maxián, einem
angesehenen Mathematik-Professor, missbraucht, als er elf Jahre alt ist. Es
ist beklemmend, wie Hvorecký dies schildert: „In diesem Alter kommt man
nicht auf die Idee, dass Lehrer Jungs für gute Hausaufgaben nicht die
Schenkel tätscheln, den Schoß berühren, Wangen und Lippen küssen“, schreibt
er. Dass Maxián noch viele weitere Jungen sexuell belästigt haben soll,
erfährt er später.
Die Tat ordnet Hvorecký, wie alles andere Biografische auch, politisch ein.
Er beklagt das Totschweigen sexueller Übergriffe in der Tschechoslowakei –
und vergleicht die Vergangenheit mit der Gegenwart. „Die Kommunisten haben
sich den menschlichen Körper und auch sein Sexualleben angeeignet, und
heute wird dasselbe von religiösen Fundamentalisten versucht, die Schwule
für genauso gefährlich halten wie Pädophile und diese Begriffe oft synonym
verwenden“, erklärt er.
Hvoreckýs Familiengeschichte würde Stoff für einen Roman über das
totalitäre 20. Jahrhundert hergeben: Einer seiner Großväter ist „ein
Roter“, ein beinharter Kommunist, der „an einem totalitären politischen
System mitbaute“, „mitverantwortlich“ war, wie der Autor schreibt. Sein
anderer Großvater ist Zipser Sachse, also Angehöriger einer
deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei.
Sein Vater ist ein bekannter Informatiker, gründet ein Computerzentrum in
der Tschechoslowakei, er zählt zur digitalen Avantgarde im Ostblock und
setzt sich 1989 für die Demokratisierung ein. Ebenso wie sein Onkel, ein in
der Musikakademie tätiger Trompeter, der gefeuert wird, als er 1989 eine
Petition mitunterzeichnet, die fordert, den Systemwechsel zu ermöglichen.
Ausgehend von seiner Familiengeschichte führt Hvorecký die Leser:innen
in die [1][Slowakei von heute]. Eine These ist es, dass all die Zäsuren des
Landes (1945, 1948, 1968, 1989) nie aufgearbeitet wurden und dass es Fico
deshalb so leicht falle, die Geschichte so zu verdrehen, wie es gerade
gebraucht wird.
Dem autoritären Umbau in der Slowakei wird, verglichen mit Ungarn,
vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteil. Dabei handelt es sich auch um
ein EU-Land mit immerhin 5,5 Millionen Bürger:innen, die Achse
Tschechien-Slowakei-Ungarn ist weiterhin zu fürchten (für den Fall, dass
Orbán im Amt bleibt). Wer sich dessen nicht gewahr ist, dass die Slowakei
längst ein zweites Ungarn ist und vom Grad der gesellschaftlichen Verrohung
auch mit den USA verglichen werden kann, der sollte dieses Buch lesen – und
die richtigen Schlüsse daraus ziehen für die [2][Landstriche], in denen es
noch nicht zu spät ist.
19 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Uthoff
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