# taz.de -- Europäische Kulturhauptstadt 2026: Hier trommelt der Bürgermeister noch selbst
       
       > Das slowakische Trenčín ist jetzt europäische Kulturhauptstadt. Dabei
       > sind die Gegner von Ficos nationalistischer Kulturpolitik sehr präsent.
       
 (IMG) Bild: Trommeln und steppen für die Kulturhauptstadt. Im Hintergrund mit Mütze: Bürgermeister Richard Rybníček am Schlagzeug
       
       Bevor man in die kleine Stadt Trenčín zoomt, die in diesem Jahr – neben dem
       finnischen Oulu – europäische Kulturhauptstadt ist und zur Eröffnung drei
       Tage durchfeierte, muss man sich vielleicht vor Augen halten, vor welchem
       (kultur-)politischen Hintergrund das Ganze stattfindet. Die [1][in der
       Slowakei regierende Smer-Partei von Robert Fico] klont den Orbanismus des
       Nachbarlands Ungarn, verweigert etwa der Ukraine militärische Hilfe,
       während Fico vor gut einem Jahr Putin einen Besuch abstattete.
       
       Als Teil einer Anti-LGBTQ-Agenda legte man 2025 fest, nur die Geschlechter
       Mann und Frau anzuerkennen. [2][Kulturministerin Martina Šimkovičova], die
       Verschwörungsideologien anhängt, mischt im Kulturkampf fleißig mit; sie
       feuert liberal-progressive Kulturintendanten am Stück, stellte Strafanzeige
       gegen den Theaterregisseur Matej Drlička und [3][den Schriftsteller Michal
       Hvorecký wegen Verleumdung]. Letzterer hatte konstatiert, dass sie eine
       „Neofaschistin“ sei. Das Gericht wies die Anzeige später zurück.
       
       Und damit ab nach Trenčín, einer bislang oft übersehenen
       55.000-Einwohner-Stadt im Westen des Landes. Angesichts der slowakischen
       Zustände ist es erstaunlich und ermutigend, was sich dort Mitte Februar zur
       Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres zugetragen hat. „Trenčín 2026“
       vertritt eine liberale Gegenagenda, die Symbolfigur schlechthin ist dabei
       Bürgermeister Richard Rybníček, der 2010 als unabhängiger Kandidat gewählt
       wurde und seither im Amt ist.
       
       Der 56-Jährige ist Drummer der slowakischen Underground-Rocklegende [4][Ben
       ladu a skladu] (Wie Kraut und Rüben), die zu Sowjetzeiten schon gegen das
       kommunistische Regime kämpfte. Bei der offiziellen Eröffnung sagt er: „Als
       wir 1987 ein Konzert geben wollten, waren die Polizei und Angehörige des
       Staatssicherheitsdienstes im Saal. In Zeiten des totalitären Regimes waren
       die Künstler:innen die Ersten, die gezeigt haben, dass wir zu Europa
       gehören wollen. Wir dürfen uns niemals das Recht nehmen lassen, in einem
       freien und demokratischen Land zu leben.“
       
       Weltoffen, kreativ, tolerant wolle sich Trenčín präsentieren. Während die
       Region Trenčín von der Smer-Partei regiert wird, ist die Stadt eine
       liberale Insel, Rybníček wurde hier 2022 mit mehr als 70 Prozent
       wiedergewählt.
       
       ## Der Bürgermeister und seine Band
       
       Beim Eröffnungskonzert auf dem Friedensplatz wenige Stunden später schwingt
       der Bürgermeister dann selbst die Drumsticks, seine Band Bez ladu a skladu
       ist in mondäne schwarzen Anzüge gekleidet, mischt Rock- und Skaklänge und
       kommt daher wie eine Art osteuropäische Specials. Einen Song widmet sie der
       Ukraine, eine Strophe singt Sänger Michal Kaščák auf Ukrainisch.
       
       Kaščák, der von der Bühne auch auf die Ukraine-Flagge am Rathaus blickt,
       sagt: „Ich bin stolz darauf, dass die ukrainische Flagge auch am Rathaus
       der Europäischen Kulturhauptstadt weht. Ich wünsche unseren Freunden in der
       Ukraine, dass sie bald die Möglichkeit haben, kostenlose Konzerte,
       Festivals und Kulturveranstaltungen zu organisieren – von Lviv bis Cherson,
       von Mariupol bis zur Krim.“Die über Trenčín thronende Burg, das Wahrzeichen
       und der steinerne Star der Stadt, erstrahlt derweil in Blau-Gelb.
       
       So sichtbar die politische Dimension auch ist, so ist das
       Kulturhauptstadt-Jahr zunächst ein Imagebooster und eine Vitalspritze für
       die Stadt. Zu den Hinguckern in Trenčín, das von den Weißen Karpaten und
       weiteren Gebirgszügen umgeben ist, zählt die mittelalterliche Burg, die im
       11. Jahrhundert an einem Felsen erbaut wurde, sowie eine römische Inschrift
       am Felsen: Im Jahr 179 n. Chr., während der Herrschaft von Marcus Aurelius,
       meißelten hier römische Legionen ein Zeichen des Siegs über die
       germanischen Quaden in Stein – eine der nördlichsten erhaltenen Zeichen
       römischer Anwesenheit.
       
       In der hübschen kleinen Altstadt ist neben der Piaristenkirche vor allem
       die Synagoge für einen Besuch zu empfehlen, ein vom Jugendstil geprägtes
       Gebäude aus dem Jahr 1913, das in den vergangenen Jahren restauriert wurde.
       Schon jetzt, da noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen sind, strahlt die
       Synagoge in allen Farben, mit blau-lila-grünen Elementen, rötlich-weißen
       gezackten Mustern und Einflüssen orientalischer Stile.
       
       Die jüdische Gemeinde von Trenčín zählte einst rund 1.500 Mitglieder, die
       Stadt war jüdisch geprägt. [5][Während der Schoah wurden sie fast
       vollständig ermordet], die slowakischen Hlinka-Garden unterstützten die
       Nazis dabei. Heute zählt die jüdische Gemeinde in Trenčín nur noch rund 60
       Personen. Die Synagoge ist hochfrequentiert am Eröffnungswochenende, unter
       anderem treten die Streichensembles Spectrum Quartett und NogaBand mit dem
       Fraunchor Ulijanky auf – sie glänzen etwa mit einer Turbofolk-Version von
       Beethovens „Ode an die Freude“.
       
       Der alten Architektur gegenüber stehen einige Gebäude der Sowjetmoderne und
       des Brutalismus, etwa das 1985 fertig gestellte Armeehaus, das heute vor
       allem als Kultur- und Begegnungszentrum dient. Zur Zeit des Sozialismus
       galt Trenčín zudem als „Stadt der Mode“, in der Textilindustrie arbeiteten
       etwa 1.000 Menschen. Von diesen Fabriken ist allerdings nicht mehr viel
       erhalten.
       
       ## Kunst in Zwischenräumen
       
       Die Kunstwerke verstecken sich teils in den Zwischenräumen der Stadt, am
       Bahnhof begrüßt einen die Videoinstallation [6][„Open my glade (Flatten)“
       von Pipilotti Rist]; man betrachtet ein zerknautschtes Frauengesicht und
       zerquetschte geschminkte Lippen, die sich an eine Scheibe pressen.
       Beiläufig, an einer Verkehrsinsel, stößt man auf Scherben und Überreste des
       berühmten brutalistischen [7][Gewerkschaftshaus Istropolis] in Bratislava,
       das 2022 abgerissen wurde – und kann dessen Geschichte weiterverfolgen.
       
       Dann wieder passiert man in einer Unterführung beeindruckende,
       großformatige Fotoarbeiten des Österreichers Oliver Ressler: Er bildet
       Risse im Beton oder ganze Betonkrater ab, versehen mit Spruchbändern („Some
       Versions of the world must end to make planetary survival possible“).
       
       Die versteckten Arbeiten zählen ohnehin zu den besten: So dauert es, bis
       man die Galerie For Maat am ehemaligen Güterbahnhof gefunden hat (zweite
       Tür, beim Escape Room reingehen!), die Konzeptkunst von Boris Vitázek
       („Infinity Countdown“) lohnt dafür sehr. Basierend auf einem Reddit-Thread
       über Artificial General Intelligence setzt er sich mit menschengemachten
       Technologien im Lauf der Jahrhunderte auseinander.
       
       Vitázek geht davon aus, dass es Phänomene von KI-Psychosen gibt, „ein
       wachsendes Spektrum an Illusionen, Ängsten und messianischem Glauben im
       Zusammenhang mit Chatbots und künstlicher Intelligenz“. Die Videoarbeiten,
       die großformatigen Drucke mit zerrissenen Humanoiden, und eine
       Papierinstallation, die Hirnstrukturen darstellt, stützen diese These.
       
       Im Hotel Elisabeth, einem prächtigen Bau von 1902 direkt am Fuße des
       Felsen, trifft man Stanislav Krajči, Kurator von Trenčín2026. Er sieht
       schon vom Äußeren wie der Gegenentwurf eines Fico-Jüngers aus, trägt
       langes, zusammengebundenes Haar und Vollbart und ist so freundlich und
       zugewandt wie fast alle Trenčíner:innen während der drei Tage. Die
       Gespräche mit den Smer-Politiker:innen seien manchmal ein „Drahtseilakt“
       gewesen, sagt er: „Aber ich bin immer sehr offen auf die Leute zugegangen,
       sie kennen meine Werte. Das Programm kam völlig frei zustande, es gab für
       das Ministerium keinen Weg da einzugreifen.“
       
       Er scheint einen Mittelweg zu gehen, denn er sagt auch: „Dieses Jahr soll
       nicht der linken Bubble gehören, auch nicht den Rechten, es soll den
       Menschen der Region gehören.“ Bei der Eröffnungsshow konnte man sehen, wie
       er das meint: Das Volkstümliche hat dort, etwa mit traditionellen Tänzen,
       genauso viel Anteil wie das Popkulturelle.
       
       Doch zu schmerzhaften politischen Kompromissen hat das nicht geführt. Eine
       Ausstellung im August soll von Edit András und Ilona Némethrecki kuratiert
       werden, zwei Künstler:innen, die in vorderster Front gegen die
       Kulturministerin kämpfen. Finanzgeber: das Kulturministerium.
       
       ## Eine begrünte Promenade auf einer Eisenbahnbrücke
       
       Das Grundbudget des Kulturhauptstadt-Jahres beträgt dabei 25 Millionen
       Euro, jeweils 5 Millionen von Kommune und der Region, 15 Millionen vom
       slowakischen Kulturministerium. Für Infrastrukturmaßnahmen in Trenčín sind
       weitere 40 Millionen vorgesehen – so soll aus der alten Eisenbahnbrücke
       eine begrünte Promenade mit Cafés werden, im September soll sie eröffnet
       werden. Von der EU kommen 1,5 Millionen Euro – sie vergibt an die beiden
       Kulturhauptstädte den Melina-Mercouri-Preis, der mit dieser Summe dotiert
       ist.
       
       Auch die vom Kulturministerium verfemten Künstler Matej Drlička und Michal
       Hvorecký sind beim Eröffnungswochenende präsent, sie sitzen auf einem
       Podium und diskutieren über „Central Europe in Times of Uncertainty“. Beide
       müssen bitter lachen, als sie erzählen, dass es Drlička gerichtlich
       untersagt worden sei, öffentlich über die Kulturministerin zu sprechen.
       
       Auf den Titel des Panels angesprochen, sagt dieser: „Ich denke, es ist eher
       die Zeit der Klarheit: Der Faschismus ist zurück, und zwar global.“ Es sei
       eine Schande für die liberale Demokratie, dass sie den Wert der
       Kulturministerien nicht erkannt habe, erklärt er im Hinblick darauf, dass
       dieses Ministerium in mehreren (osteuropäischen) Staaten an die Rechten
       ging.
       
       Schriftsteller Michal Hvorecký sagt nach dem Eröffnungswochenende: „Ich bin
       stolz auf das junge Team, auf die Stadt, auf die bunte und [8][lebendige
       Kulturszene]. Es war mutig, dass die Veranstalter:innen auch die
       Kulturakteure aus der aktuellen kulturellen Opposition eingeladen haben.“
       
       Kulturministerin Martina Šimkovičova war übrigens in der Stadt, blieb der
       offiziellen Eröffnung aber fern. Das ist so wohl ein Novum der über
       40-jährigen Kulturhauptstadt-Geschichte. Slowakischen Medien zufolge hat
       sie sich stattdessen unter anderem mit der georgischen Kulturministerin
       Tinatin Rukhadze getroffen, die ihr ideologisch wohl um einiges näher steht
       als viele in Trenčín Anwesende.
       
       Hvorecký wundert diese Schwerpunktsetzung nicht: „Ich glaube, die
       Kulturministerin und ihre Handlanger interessieren sich einfach überhaupt
       nicht für die Kulturhauptstadt in eigenem Land.“
       
       Das wiederum dürfte auch an dem Programm liegen. Die Kurator:innen dürfen
       ihre Abwesenheit daher unbedingt als Kompliment auffassen.
       
       21 Feb 2026
       
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