# taz.de -- Vetternwirtschaft in der AfD: Höcke bringt sich in Stellung
> Die AfD-Chefs Chrupalla und Weidel würden den eigenen Filz gern
> ignorieren. Aber ausgerechnet der stramm völkische Björn Höcke macht da
> nicht mit.
(IMG) Bild: Björn Höcke in der 38. Plenarsitzung des Thüringer Landtags in Erfurt am 2. März
Die AfD-Fraktions- und Parteispitze steht mächtig unter Druck: Noch vor
einer Woche bügelte Parteichefin Alice Weidel [1][alle unbequemen Fragen
der Presse ab]. Man habe die Vorwürfe zur Vetternwirtschaft geprüft –
nichts sei dran, alles aufgebauscht, behauptete Weidel dreist. Als wolle
sie nicht wahrhaben, dass eine [2][Lebenslüge der extrem Rechten] – die
„Altparteien“ seien korrupt, nur die AfD könne mit dem „Parteienfilz“
aufräumen – nicht schon längst dekonstruiert wäre, nachdem über Wochen
beinahe täglich neue Fälle von Filz bekannt geworden sind.
Jetzt, eine Woche später, müssen Weidel und Chrupalla ähnliche Fragen aus
der eigenen Fraktion beantworten. Auch der taz liegt ein [3][Antrag]
[4][des Thüringer Bundestagsabgeordneten Torben Braga] [5][an den
Fraktionsvorstand] vor, mitunterzeichnet von weiteren Kollegen. Sie fordern
Aufklärung und stellen 15 schmerzhafte Fragen, die sich wohl auch ihre
Wähler stellen und seit Wochen von der Parteiführung nicht beantwortet
werden – zusammengefasst: Welche Fälle von Vetternwirtschaft sind bekannt?
Muss die AfD jetzt Gelder zurückzahlen? Welche personellen Konsequenzen
zieht der Fraktionsvorstand? Und: Wo bleibt eigentlich das Krisenmanagement
der Fraktionsspitze?
Es ist ein offener Angriff auf Weidel und Chrupalla – Antragssteller Braga
ist enger Vertrauter von Thüringens AfD-Chef Björn Höcke, gilt als dessen
rechte Hand in Berlin. Bragas Kritik ist deutlich: Die bisherigen Berichte
der Parteichefs seien „unzureichend“, weil sie das in der letzten
Fraktionssitzung mit nur wenigen Sätzen abgebügelt hätten.
Auch den öffentlichen Umgang mit der Krise und die Verweise darauf, dass
die Union ja auch nicht besser sei, geißelt Braga: „Der reine Verweis auf
Fehlverhalten anderer Parteien oder die Einordnung als politisch motivierte
Kampagne ignoriert jene problematischen Fälle, die – wenn auch formal
rechtmäßig – Graubereiche der Gesetzgebung gezielt zur privaten
Selbstbereicherung nutzen.“ Das sei mit dem eigenen Anspruch nicht
vereinbar, kritisiert Braga und fordert Transparenz.
Ironischerweise würde das zugleich sein eigenes Lager belasten, weil auch
ein Thüringer Bundestagsabgeordneter unter Filzverdacht steht, der den
Ehemann einer Höcke-Vertrauten beschäftigen soll.
## Höcke sieht die Krise offenbar als Chance
Vor den Bundesvorstandswahlen im Juli streitet die AfD damit auf offener
Bühne – und das mitten während des laufenden Wahlkampfs in
Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Und Höcke versucht, aus der Krise
Vorteile zu ziehen – auch um sich einen besseren Stand vor dem Parteitag in
Erfurt zu verschaffen. Gleich zu Beginn der Verwandtenaffäre teilte er
einen Text seines Einflüsterers Götz Kubitschek, dass man in der Partei
aufräumen müsse. Zudem wurde mittlerweile bekannt, dass die Kandidatur von
Höckes Co-Landeschef und Vertrauten Stefan Möller für den Bundesvorstand
konkretere Züge annimmt. Höcke will seinen Einfluss auf die Bundespartei
also weiter ausbauen.
Erste personelle Konsequenzen wegen der Vetternwirtschaft im
Fraktionsvorstand gibt es bereits: Am Montag musste der Personalchef der
Fraktion, Stefan Keuter, von seinem Amt zurücktreten. Zuvor war
herausgekommen, dass er seine Freundin beschäftigt haben soll. Keuter
bleibt allerdings Teil des Fraktionsvorstands. Welche Aufgaben er dort nun
hat, blieb auf taz-Anfrage unbeantwortet. Ob die Frau, mit der Keuter sich
ein Klingelschild teilt, mit der er aber nicht offiziell verheiratet oder
verpartnert sein will, noch immer bei ihm beschäftigt ist, teilte Keuter
auf taz-Anfrage nicht mit.
Ebenso wurde der Abgeordnete Jan Wenzel Schmidt aus Sachsen-Anhalt am
Dienstag aus der Bundestagsfraktion geschmissen. In dessen Schlammschlacht
mit der Landesspitze hatte die Verwandtenaffäre der AfD ihren Anfang
genommen. Schmidt gilt als „Nestbeschmutzer“.
Um Vetternwirtschaft in Niedersachsen wiederum kreiste die Parteispitze am
Montagvormittag in einer Telefonkonferenz. Drei Juristen sollen jetzt
besonders heftige Vorwürfe dort prüfen – Teil der sogenannten
Vertrauensgruppe ist wiederum der völkische Höcke- und NPD-Fan Jens Maier.
Der Jurist wurde nach seiner Zeit als AfD-Bundestagsabgeordneter wegen
seiner extrem rechten Gesinnung aus dem Richterdienst entfernt, nun soll er
in der Partei Vetternwirtschaft aufklären. Unterstützen sollen ihn dabei
die ehemaligen AfD-Abgeordneten Lothar Maier und Albrecht Glaser,
langjährig tätig in der Bundesprogrammkommission.
In Niedersachsen gab es Vorwürfe der EU-Abgeordneten Anja Arndt, die in
vielen Dokumenten ihren Landesvorsitzenden Ansgar Schledde schwer
belastete. Es existiere dort ein korruptes Netzwerk, das alle
Bundestagsabgeordneten aus dem Landesverband verpflichtet habe, im
Gegensatz zu den Listenplätzen 35 Prozent ihrer Personalmittel (von
immerhin insgesamt 26.000 Euro) an die Partei abzutreten.
Das wäre Betrug zum Nachteil der Bundestagsverwaltung, weil Fraktionsmittel
nicht für Parteiarbeit zweckentfremdet werden dürfen. Auch aus dem
AfD-Bundesvorstand ist zu hören, dass man die Vorwürfe ernst nimmt. Im Raum
steht demnach, dass von den besagten Bundestagsabgeordneten aus
Niedersachsen Arbeitsverträge zum Schein aufgesetzt und unterschrieben
wurden, diese in Wahrheit aber für jemand anderen – eben den Landesverband
Niedersachsen – tätig waren. Das wäre „glasklarer Betrug“, ist aus der
Parteispitze zu hören.
Es kursieren Berichte über Einschüchterungen, die Rede ist von einem
„Terrorreich“, das Landeschef Schledde installiert haben soll. Hinter den
Kulissen wird in der Bundestagsfraktion gescherzt, dass der
Landesvorsitzende immerhin den Laden „gut im Griff“ habe. Schledde und
weitere niedersächsische Abgeordnete wiederum bestreiten die Vorwürfe
vehement mit eidesstattlichen Versicherungen und haben ihrerseits eine
Nestbeschmutzerin aus ihrer Landesgruppe geworfen.
Die Abgeordnete Martina Uhr hatte die Vorwürfe zunächst öffentlich bezeugt,
wurde dann aber umgehend beschädigt – weil bekannt wurde, dass sie selbst
ihren Partner und dessen Tochter beschäftigt. Die niedersächsische
Landesgruppe will sie ebenfalls aus der Fraktion ausschließen lassen.
Uhr hat offenbar ihren Widerstand aber nicht aufgegeben. Kurz nach ihrem
Rausschmiss tauchten wiederum authentisch wirkende Screenshots auf, die den
Landesvorsitzenden Schledde belasteten. Darin schrieb er mutmaßlich an Uhr:
„Habe gute Leute in der Hinterhand!“, gefolgt von einem
Daumen-hoch-Emoticon und der Bemerkung: „… müssen ja die Budgetsufteilung
[sic!] 65/35 bedenken.“
## Parteispitze schwächelt
Wie schwach der Stand der Parteispitze derzeit ist, zeigt auch ein
Parteiausschlussverfahren, das Weidel und Chrupalla auf den Weg gebracht
haben. Der extrem rechte Vorstand der Parteijugend, Kevin Dorow, hatte bei
seiner Kandidatur unter anderem ein Motto als „Leitstern“ eingefordert, das
auch die Hitlerjugend ([6][und natürlich Höcke]) benutzt hatte.
Das Parteiausschlussverfahren gegen Dorow hat bei den völkischen Hardlinern
innerhalb und außerhalb der Partei für erheblichen Widerstand gesorgt – und
wird nun vorerst auf Eis gelegt. Der Bundesvorstand der Jugendorganisation
bekommt noch einmal Gelegenheit, Dorow zu verteidigen.
Auch das hatte wiederum ein Thüringer Bundestagsabgeordneter aus dem Umfeld
von Höcke, Christopher Drößler, öffentlich kommentiert: „Wenn diese
Alternative wirklich etwas Alternatives bieten will, dann brauchen wir
einen Neustart. Und der beginnt an der Spitze.“
3 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ruecktrittsforderung-an-AfD-Personalchef/!6157504
(DIR) [2] /Vetternwirtschaft-in-der-AfD/!6156203
(DIR) [3] https://x.com/ostwestkonflikt/status/2027283274515579245
(DIR) [4] https://x.com/ostwestkonflikt/status/2027283274515579245
(DIR) [5] https://x.com/ostwestkonflikt/status/2027283274515579245
(DIR) [6] https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6894449e8d87bf286ac881a8/AfD-Bjoern-Hoecke-verbreitet-Leitsatz-der-Hitlerjugend.html
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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