# taz.de -- St.-Pauli-Spaziergang mit Anja Kampmann: Viel Licht und dunkle Schatten
> Der Mythos von St. Pauli und was er verdeckt – darüber hat Anja Kampmann
> einen Roman geschrieben. Ein Gang mit der Autorin über die Reeperbahn.
(IMG) Bild: In Anja Kampmanns „Die Wut ist ein heller Stern“ öffnet sich die Vergangenheit zur Gegenwart hin
Das große Gebäude Reeperbahn 108–114, schräg gegenüber der Davidwache,
beherbergt heute einen Penny-Markt. Es ist durchaus interessant, einmal
vorbeizugehen. Man trifft auf ein St.-Pauli-typisches umfangreiches
Alkoholikasortiment. Auf ein eher raues Publikum. Das prekäre Leben [1][auf
dem Kiez.]
Wer aber „Die Wut ist ein heller Stern“ gelesen hat, kann hier noch etwas
anderes suchen. Er könnte einen Hauch der Geschichte spüren wollen und
einen Abglanz von dem Glamour wahrnehmen, der hier einmal geherrscht hat,
so wie das Anja Kampmann in ihrem Roman beschreibt. Doch davon kaum eine
Spur.
Eine Zwischendecke wurde irgendwann eingezogen und macht den einst hohen
Raum niedrig. Keine Logen. Keine Kronleuchter. Nichts zu sehen von dem
„Alkazar“, einer der mondänsten Varieté-Bühnen ihrer Zeit, die sich hier
befand.
Die Gegenwart öffnet sich eben nicht von sich aus in die Vergangenheit. Und
es gibt hier auch keine Erinnerung an Arthur Wittkowski, den Besitzer des
„Alkazar“, einst eine große Nummer in Hamburg, von dem Hedda, die
Ich-Erzählerin des Romans, einmal sagt, dass er sie aus ihrem armen Leben
heraushob „wie einen Fisch aus einem Bottich mit schmutzigem Wasser“. Und
Anja Kampmann lässt ihre Erzählerin gleich anfügen: „Nicht zum Schlachten,
nicht er ist der Schlächter.“ Das sind in dem Roman seine
nationalsozialistischen Gegenspieler.
## Schutz – bis die Nazis kamen
Anja Kampmann verklärt das historische Nachtleben auf St. Pauli keineswegs.
Die Prostitution, die Abhängigkeiten, die Armut, es ist alles drin in ihrem
Buch. Doch der Roman schildert es auch so, dass solche Bühnen wie das
„Alkazar“ damals auch einen Schutz boten, wenigstens ein Auskommen – bis
die Nazis kamen, den Laden übernahmen und, wie das meiste andere auch auf
St. Pauli, unter ihre Kontrolle brachten. „Die Wut ist ein heller Stern“
ist ein ungeheuer direkt erzählter Roman darüber, wie sich gesellschaftlich
Stück für Stück die Schlinge zuziehen kann.
Wir waren zum Spazierengehen verabredet, an einem dieser typischen grauen
Hamburger Tage, an denen man sich freut, wenn zwischendurch gelegentlich
die Sonne durch die Wolken bricht. Und natürlich mussten wir auf diesem
Spaziergang am ehemaligen Standort des „Alkazar“ vorbeikommen, das geht,
wenn man den Roman gelesen hat, gar nicht anders.
Später, als ich die Schriftstellerin nach unserem Spaziergang per Mail noch
um ein paar zitierbare Sätze bitte (ich habe mir beim Treffen selbst keine
Notizen gemacht), wird sie zur Vergangenheit unter anderem olgendes
antworten: „Manchmal ist es nicht so leicht, das auszuhalten. Aber wir
können uns keine bessere Vergangenheit erschwindeln. Wir können nur besser
damit umgehen.“
Was Anja Kampmann damit konkret meint, wird deutlich, als wir den
Penny-Markt wieder verlassen. Aus irgendeinem Grund war ich auf Hans Albers
und Helmut Käutners Film [2][„Große Freiheit Nr. 7“] zu sprechen gekommen,
der bis heute den Mythos von St. Pauli mitprägt. Da schüttelte es die
Autorin, die heute in Leipzig lebt, aber in Hamburg geboren wurde,
richtiggehend durch.
Das sei doch Seemannskitsch, der mit der verruchten Seite von St. Pauli
kokettiere, sagt sie. Und weiter: „All das entstand zu einer Zeit, in der
man schon ordentlich ausgemistet hatte – die alten unliebsamen Betreiber
der Etablissements wie Arthur Wittkoswki waren abgesetzt, hunderte ‚Rote‘
waren in KZs wie Fuhlsbüttel oder später Neuengamme erschlagen worden,
Prostituierte waren zwangssterilisiert worden – und in dieser Kulisse singt
dann Hans Albers 1944 Seemannslieder, die vom wilden und freien Leben
erzählen.“
## Der Kitsch wurde hart erkauft
Besser mit der Vergangenheit umgehen, das ist ein Thema, das in dem Roman
implizit immer mitschwingt. Anja Kampmann hat ja recht. Es ist keineswegs
nur so, dass die Geschichten rund um die Übernahme St. Paulis durch die
Nazis, die irgendwann, wie es im Roman heißt, mit dem „Rasselineal“ kamen,
allmählich mit der Zeit verblasst sind. Sie wurden übermalt, verdeckt durch
Gegengeschichten, die bis heute wirksam sind. „Und dieser seichte Kitsch
wurde hart erkauft – diejenigen, die die andere Seite hätten erzählen
können, hatten keine Stimme. Und sie hatten sie auch in den folgenden
Jahrzehnten nicht“, sagt Anja Kampmann.
An der U-Bahn-Station Baumwall hatte unser Spaziergang begonnen. Wir hatten
uns vorher noch nie getroffen. Ich war aber neugierig gewesen: Was ist das
für eine Autorin, die sich so handfest in ihre Figuren hineindenken kann?
Erst mal etwas Smalltalk. Die Schiffe. Der weite Blick die Elbe herunter.
Die Elbphilharmonie. Mag Anja Kampmann es, hier am Wasser entlangzulaufen?
„Yes, I love it“, sagt sie, „am Wasser mischen sich natürlich viele Bilder.
Aus den Recherchen kenne ich unglaublich viele Fotos davon, wie es früher
aussah, und ich hab noch die Stimme meiner Großmutter im Ohr; das Staunen
meines Urgroßvaters, der Kapitän war, über die neuen großen Dampfschiffe.
Und dann steht man heute da, und es kommen die Supertanker eingefahren – es
ist faszinierend. Vielleicht ist es bei mir so wie bei einem stark
belichteten Bild, ich sehe viel Licht und auch sehr dunkle Schatten.“
Die historischen Recherchen für ihren Roman, die sie hier anspricht, müssen
sehr intensiv gewesen sein. Auf dem Spaziergang zeigt sie immer mal wieder
irgendwohin und erklärt, wie es früher hier aussah. Das Gängeviertel,
Arme-Leute-Gegend, ungeheuer eng und dicht bewohnt, „Klein Moskau“. Die
Fleete, früher voller Boote, Kähne und Schuten. Auf einem dieser Boote
lässt Anja Kampmann in ihrem Roman sich Arthur Wittkowski verstecken,
mitsamt seinen sogenannten Finken, einer Männerbande, die so etwas wie
seine Leibwache gewesen ist.
## Randvoll mit Geschichten
Außerdem hat sie den Stimmen der im Nationalsozialismus im Zuge seiner
„Rassenhygiene“ zwangssterilisierten Frauen sorgfältig zugehört. Im Rahmen
von Oral-History-Projekten sind solche Erzählungen inzwischen gesammelt
worden. Käthe Petersen dagegen, die im Hamburg der NS-Zeit diese
Zwangssterilisierungen organisierte, wurde, wie Anja Kampmann im Nachwort
ihres Romans vermerkt, nie angeklagt. Im Gegenteil, sie leitete [3][auch
nach dem Krieg] das Hamburger Landesfürsorgeamt. 1973 erhielt sie das Große
Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Randvoll mit solchen Geschichten, teils empörend, teils tragisch, teils
auch skurril und lustig, ist dieser Roman, in dem Anja Kampmann ihre
Erzählerin Hedda alle möglichen Emotionen stets glaubwürdig durchlaufen
lässt.
Da sind die beiden Kaimane Eddy und Fred, über deren Mäulern Hedda auf der
Bühne des „Alkazar“ ihre Seilakrobatik vorführt. Da sind der Boxer, der von
den Nazis gefoltert und ermordet wird, und der traurige jüdische Trompeter.
Da ist das NS-Polo-Team, das bei den Olympischen Spielen 1936 antritt und
alle Spiele verliert. Da ist die Geschichte des Walfangschiffs, das Göring
von Hamburg aus in die Antarktis schickt, um im Rahmen eines
Fünfjahresplanes die „Fettlücke“ des Reiches zu schließen. Und, und, und.
Wie kam Anja Kampmann zu all diesen Geschichten? Sie erzählt: „Bei den
Recherchen entwickelt man, glaube ich, eine besondere Aufmerksamkeit. Die
Geschichte von Kuddel, dem Boxer, war eine Randnotiz in einem Artikel über
Arbeitersport. Die Kaimane begegneten mir, als ich über Zirkus im ‚Dritten
Reich‘ recherchierte. Der Walfang ist in sich unglaublich, weil er so viel
erzählt über die Ideologie des ‚Dritten Reichs‘, das perfekte Töten, die
Ingenieurskunst, [4][das Großmachtsstreben.] Wenn man sich mit der Zeit
beschäftigt, dann kommen einem so Notizen unter, die man nicht zuordnen
kann. Göring und die Fettlücke, so etwas kann man sich gar nicht
ausdenken!“
Hat sie Notizbücher, in denen sie das alles sammelt? „Ich würde sagen, ich
habe eher einen emotionalen Speicher für solche Geschichten, sie gehen mir
nicht mehr aus dem Kopf, ich kehre zu ihnen zurück.“
## Was auf dem Spiel steht
So geht der Spaziergang voran. Landungsbrücken, Michel, Reeperbahn, an der
Hafenstraße vorbei wieder zur Elbe runter. Es ist dann noch beeindruckend,
wie Anja Kampmann über ihre Erzählerinnenfigur spricht. Hatte sie diese
Stimme irgendwann im Ohr, wird sie bleiben?
In ihren Mailantworten schreibt die Autorin: „Ach, Hedda. Ja, schwer
vorstellbar, dass ich ihre Stimme wieder verliere. Das Schöne war, dass ich
mit ihr erzählerisch so beweglich sein konnte – die Ironie, die Wut und
auch das Zärtliche in der Stimme, obwohl sie sich nach außen oft verstecken
muss. Es klingt vielleicht komisch, aber es ist wie eine Freundschaft, die
man geschlossen hat. Dafür bin ich sehr dankbar, das ist für mich ein
großes Geschenk.“
Am Schluss setzen wir uns noch in ein etwas seltsames Café am Hafenrand und
reden über das Leipziger Literaturhaus, dessen Finanzierung die dortige
Kulturpolitik lange in der Luft hängen ließ – Kampmann: „Was für ein
Signal! In Zeiten, in denen Populisten mit ihrer Schwarzweißmalerei groß
werden, überlegt man, ausgerechnet an dem Ort zu sparen, an dem Stimmen
zusammenkommen, die das genaueste Instrumentarium haben, um unsere Welt zu
beschreiben.“
Und wir reden über das weite Feld des Verhältnisses von Literatur zu den
Entwicklungen der Gegenwart. In ihrer Antwort spürt man, wie ernst es Anja
Kampmann mit dem Schreiben ist: „Wir müssen erzählen, von uns, von dem, was
auf dem Spiel steht. Man darf sich nicht gewöhnen an diesen medialen Brei,
in dem niemand wirklich gemeint ist. Wenn ein politisches System umbricht,
dann ist das nicht abstrakt – das Vertrauen, der Zusammenhalt, all das ging
ab 1933 in Windeseile flöten. Jetzt gerade wünsche ich mir, dass wir mehr
über unsere Träume sprechen, uns davon erzählen, wie unsere Gesellschaft
gelingen kann, und auch davon, was wir nicht einfach aufgeben.“
So öffnet sich die Vergangenheit in diesem Roman zur Gegenwart hin.
4 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dirk Knipphals
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