# taz.de -- Schulstreik gegen die Wehrpflicht: Der Herr Oberstudienrat ist entsetzt
       
       > Der niedersächsische Philologenverband erklärt, warum Demokratie in der
       > Schule nichts zu suchen hat. Und Linksradikale klauen kleine Kinder.
       
 (IMG) Bild: Still gestanden: Das sollen junge Leute in Deutschland nun wieder häufiger
       
       Die Meldung der Deutschen Presse-Agentur begann mit dem drolligen Satz:
       „[1][Streiks von Schülerinnen und Schülern] sollten aus Sicht des
       niedersächsischen Philologenverbandes (PHVN) nach Schulschluss organisiert
       werden.“ Pfff, dachte ich. Sind diese älteren Herren jetzt schon so lange
       verbeamtet, dass sie nicht einmal mehr wissen, was genau das Wort „Streik“
       eigentlich bedeutet?
       
       Aber in Wirklichkeit war das natürlich nur die ungeschickte Einleitung der
       Presse-Agentur. [2][Die Originalpressemitteilung des PHVN] listet noch
       einmal das gleiche dumme Genörgel auf, das wir schon von den Klimastreiks
       kennen – und legt eine Schippe drauf.
       
       Das ist ja schön, wenn die Kinder sich demokratisch engagieren, heißt es im
       Grundtenor. Aber das sollen die doch bitte in ihrer Freizeit machen.
       Übersetzt heißt das: Am besten stellen sie sich mit ihren selbstgemalten
       Schildern am Sonntag in die Fußgängerzone, damit sie weder Schulbetrieb
       noch Straßenverkehr oder Einkaufsvergnügen beeinträchtigen.
       
       Merkt euch, liebe Kinder: Politik hat in der Schulzeit nichts verloren und
       Demokratie mögen wir nur, wenn sie nicht weiter stört. Der Vorsitzende des
       PHVN, Christoph Rabbow, ergeht sich dann noch weiter in seltsames Geraune
       über die Art der Mobilisierung.
       
       ## Albträume deutscher Beamter
       
       Da ist von „problematischer Ansprache Minderjähriger“ und „Vermischung mit
       gewerkschaftlicher Kommunikation“ die Rede. Von „sehr jungen Schülerinnen
       und Schülern ab Klasse 5, die die Tragweite einer politischen Aktion häufig
       nicht einschätzen können“. Ja! Die armen Kleinen kriegen ja auch erst ab
       der 8. langsam so richtigen Politikunterricht!
       
       Von „Fragen der Aufsicht“, die nicht ausreichend berücksichtigt werden, ist
       noch die Rede, was ja tatsächlich ganz, ganz gefährlich ist. Schon klar:
       Nichts macht einem deutschen Beamten mehr Albträume als ungeklärte
       Verantwortlichkeiten und unklarer Versicherungsschutz.
       
       Es kommt aber noch doller: Da sind nämlich „Initiatoren der Kampagne, die
       sich nicht klar zu erkennen geben“. Und: „Es stellt sich daher hier die
       Frage, ob hier ein freier Schultag als Köder genutzt wird, um für
       politische Zwecke zu instrumentalisieren“, schreibt Rabbow.
       
       Das ist dann nur noch Millimeter entfernt vom schleswig-holsteinischen
       CDU-Landtagsabgeordneten Martin Balasus, der glaubt, er könnte das Thema
       gleich ganz abtun mit dem Hinweis [3][„DKP – oh jemine“]. So hat er
       tatsächlich seine Pressemitteilung überschrieben, in der er von
       „linksradikalen oder sogar [4][linksextremistischen Kräften mit klarer
       ideologischer Agenda]“ schwadroniert.
       
       ## Nur ein Funken Verantwortungsbewusstsein
       
       Man möchte ihn fast fragen, ob er sich im Politikunterricht eigentlich
       jemals mit der McCarthy-Ära befasst hat. Aber er würde das wahrscheinlich
       als Drehbuch missverstehen. Die CDU scheint ja insgesamt gerade auf so
       einem Trip zu sein.
       
       Was jedenfalls in all diesen Äußerungen fehlt: Irgendein Hinweis darauf,
       dass man diese Debatte in der Schule vielleicht ernsthaft mal angehen
       möchte. Oder eine Idee, wie das gehen könnte. Oder so ein Funken von
       Verantwortungsbewusstsein dafür, die Ängste und Sorgen dieser Kinder und
       Jugendlichen, in deren Zukunft man hier leichtfertig herumfuhrwerkt, zur
       Abwechslung mal ernst zu nehmen.
       
       Nee, sowas macht man an deutschen Schulen nicht. Dafür ist keine Zeit.
       Bestimmt ist in den letzten Monaten schon wieder so viel Politikunterricht
       ausgefallen, dass man sich so einen Schulstreik oder eine schulische
       Alternativveranstaltung beim besten Willen nicht auch noch leisten kann.
       Man muss ja überhaupt erst einmal den Unterrichtsausfall kompensieren, der
       jüngst entstanden ist, weil im Winter Schnee fiel.
       
       5 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schulstreiks-gegen-Wehrpflicht/!6159240
 (DIR) [2] https://www.phvn.de/phvn-schulpflicht-respektieren-demokratisches-engagement-mit-offenem-visier-leben-und-foerdern/
 (DIR) [3] https://www.cdu.ltsh.de/pressemitteilung/dkp-oh-jemine-warnung-vor-linksextremistischer-einflussnahme-beim-schulstreik-gegen-wehrpflicht.html
 (DIR) [4] /Luxemburg-Liebknecht-Gedenkdemonstration/!6144730
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nadine Conti
       
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