# taz.de -- Israel im Krisenmodus: Von Krise zu Krise zu Krieg und mehr Krieg 
       
       > Kaum jemand spricht sich in Israel gegen den Krieg mit Iran aus – obwohl
       > es bereits Tote zu beklagen gibt. Israel agiert im Krisenmodus.
       
 (IMG) Bild: Aschkelon, Israel, 28. Februar: Menschen suchen Schutz, nachdem Raketen von Iran in Richtung Israel abgefeuert wurden
       
       Am Samstag, dem 28. Februar, gegen 9 Uhr morgens, erhielten die Israelis
       endlich Klarheit. Seit den Massenprotesten in Iran Anfang Januar hatte
       US-Präsident Donald Trump angedeutet, dass sein Land Iran angreifen würde.
       Dass die USA bereitstünden, zu Hilfe zu kommen, versprach er damals den
       Demonstrierenden, doch lange passierte nichts.
       
       Die USA bauten ihre Militärpräsenz aus, entsendeten Flugzeugträger,
       Flugzeuge, Personal. Auf vielen israelischen Fernsehsendern freute man sich
       – so formuliert es der Haaretz-Kolumnist Gideon Levy – auf die Aussicht
       eines Krieges mit Iran. Große Teile der Öffentlichkeit sahen das ähnlich:
       Endlich würden die USA Israels größten regionalen Feind ausschalten.
       
       Diese Militanz prägt die israelische Gesellschaft seit Beginn des Krieges
       zwischen Israel und der Hamas nach dem Angriff am 7. Oktober 2023. Obwohl
       der Krieg zwischen Israel und dem Iran im letzten Jahr Zerstörung in ganz
       Israel hinterließ, Dutzende Menschenleben kostete und zur Vertreibung
       Hunderter Familien führte – viele Israelis befürworten die neue Runde.
       
       Der Krieg in Gaza ist – zumindest relativ gesprochen – zunächst vorbei.
       Alle lebenden und toten israelischen Geiseln sind nach Hause zurückgekehrt.
       Die israelische Öffentlichkeit könnte ihre Aufmerksamkeit nun auf brennende
       Themen jenseits von Krieg richten: etwa auf den [1][Korruptionsprozess
       gegen Premier Benjamin Netanjahu], die damit verbundenen [2][Skandale
       „Bibileaks“ und „Katargate“], die massiv [3][angestiegene Mordrate in der
       arabischen Gesellschaft in Israel], die Unfähigkeit der Polizei unter dem
       Minister für nationale Sicherheit Ben-Gvir, [4][die eskalierende Gewalt der
       Siedler im Westjordanland], die Vorbereitungen der vollständigen Annexion
       des Gebiets.
       
       ## Beschäftigt mit dem Überleben
       
       Seit 2018 befindet sich Israel in einer anhaltenden politischen Krise. In
       drei Jahren fanden fünf Wahlen statt, von denen die meisten Netanjahu als
       Sieger hervorbrachten. Massive Proteste ab Januar 2023 gegen die derzeitige
       Regierung und die von ihr angeschobene Justizreform endete mit dem
       Schrecken des 7. Oktober 2023 abrupt.
       
       Ein Grund dafür, dass Themen wie „Katargate“ kaum im Fokus der israelischen
       Aufmerksamkeit stehen, ist: Sie werden in den Mainstream-Nachrichtensendern
       kaum ausführlich behandelt. Viele dieser Sender liegen mehr oder weniger
       mit der Regierung auf einer Linie. Und wenn es Krieg gibt, ist dieser das
       Thema, für anderes bleibt kaum Platz. Nicht in den Medien, aber auch nicht
       in der Realität: Die Anhörungen für Netanjahus Strafprozess sind so gut wie
       eingestellt worden. Die Menschen kauern in Schutzräumen, sind beschäftigt
       mit ihrem Überleben.
       
       Krieg ist ein verbindendes Element und auch ein Wahlkampfinstrument – denn
       im Herbst geben die Menschen in Israel ihre Stimmen für eine neue Regierung
       ab. Und die Drohkulisse, die Iran gegenüber Israel stets aufgebaut hat, ist
       ganz real. Darüber hinaus begrüßen rechte Israelis den Krieg. Er passt in
       das Konzept ihres religiösen Nationalismus, ihres Rassismus, der
       territorialen Expansionsbestrebungen dieser Regierung, in der mehrere
       Siedlerinnen und Siedler sitzen. Die Israelis in der Mitte und auf der
       linken Seite beklagen sich zwar, haben aber vieles akzeptiert.
       
       Wenn es existenziell wird, versammeln sich viele hinter dem Krieg und dem
       Versprechen eines „Sieges“ – auch wenn noch immer unklar ist, wie dieser im
       Fall Irans aussehen sollte. Die damit verbundenen Verluste – getötete
       Bürger, zerstörte Häuser, ruinierte Leben – werden oft schnell vergessen.
       
       ## Wie soll das enden?
       
       Bislang haben iranische Raketen nach drei Tagen Bombardements Gebäude in
       mehreren israelischen Städten zerstört und mindestens zehn Zivilisten
       getötet, viele weitere wurden verletzt. Die iranisch unterstützte Miliz
       Hisbollah in Libanon hat sich den Kämpfen angeschlossen. Das Militär hat
       mit der Bombardierung Libanons begonnen.
       
       Doch es gibt kaum ernstzunehmende Forderungen nach einem Ende – schließlich
       haben die USA und Israel gemeinsam am ersten Tag des Kriegs Ajatollah Ali
       Chamenei, Israels Staatsfeind Nummer eins, ausgeschaltet. Sofort
       überschwemmten Glückwünsche das israelische Netz. Ein Kollege schrieb
       aufgeregt in einen Gruppenchat: „Uns gehen die Bösewichte aus!“ Erst
       Sinwar, dann Nasrallah, jetzt Chamenei – was kommt dann?
       
       3 Mar 2026
       
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