# taz.de -- Israel unter Beschuss: Scherben bringen Bibi Glück
       
       > Ein Restaurantbesitzer in Tel Aviv hadert mit dem Zustand seines Landes.
       > Dass Premier Netanjahu der Erfolg gegen Iran nützt, erbost ihn besonders.
       
 (IMG) Bild: Frust und Gelassenheit: Asaf Regev, Restaurantbesitzer, ist genervt vom Kriegskurs seiner Regierung
       
       Grüne Scherben, braune Scherben, weiße Scherben: Der Gehweg vor dem
       Restaurant FLOR in Tel Aviv gleicht fast einem Mosaik, wären da nicht die
       gewaltigen Fensterrahmen und Holzbalken, die von der Druckwelle einer
       iranischen Rakete aus der Wand gerissen wurden. „Das kriegen wir schnell
       weggeräumt“, sagt Inhaber Asaf Regev. „Du wirst sehen: In zwei Wochen
       werden wir wieder öffnen.“ Er lacht, wohl wissend, dass das eine Lüge ist.
       Denn ein baldiges Ende der Angriffe aus Iran ist bisher nicht in Sicht.
       
       Am Samstagmorgen wurden die Israelis von einem Warnsignal geweckt: Die
       Bevölkerung sollte informiert werden, dass die Armee gemeinsam mit den
       Vereinigten Staaten einen Angriff auf Iran begonnen habe. Wenige Stunden
       später folgten die ersten Raketenalarme.
       
       Das Sirenengeheul sorgte in der Innenstadt zunächst für wenig Beachtung.
       Die Anwohner Tel Avivs gingen mit ihren Hunden spazieren, deckten sich im
       Supermarkt schnell mit Wasser- und Lebensmittelvorräten ein oder standen
       Schlange vor den Cafés. Bei jedem Raketenalarm verschwand die Menschenmenge
       in den nahegelegenen Bunkern oder Tiefgaragen und kam wenige Minuten später
       wieder heraus, um sich wieder in die Sonne zu setzen.
       
       In der Nacht schlug eine ballistische Rakete direkt in ein Wohnhaus in der
       Stadtmitte ein. Eine Frau wurde dabei getötet, 25 weitere Menschen wurden
       verletzt.
       
       „Auch als Israeli gewöhnt man sich nicht daran.“
       
       „Mein Arbeitskollege schickte mir aus seinem Skiurlaub einen Screenshot,
       dass der Feueralarm im Restaurant angegangen ist“, erzählt der 33-Jährige.
       „Ich habe das gar nicht mitbekommen, ich war ja im Bunker.“ Asaf wohnt in
       Florentin, anderthalb Kilometer südwestlich von seinem Restaurant. Mit dem
       Fahrrad braucht er keine zehn Minuten dorthin.
       
       Um drei Uhr nachts radelte er los und traf fast gleichzeitig mit seinem
       Geschäftspartner ein. „Die Stimmung war surreal. Es war laut, die Straße
       glitzerte von all den Scherben und niemand wusste, wohin mit sich.“ Weder
       die Anwohner, deren Wohnungen durch die Druckwelle aufgerissen worden waren
       und die aus Angst ihre Häuser verlassen hatten, noch Polizei oder
       Rettungsdienste. „Auch als Israeli gewöhnt man sich nicht daran.“
       
       Einmal vor Ort, versuchten Ben und Asaf, den Feueralarm auszuschalten, was
       wegen eines Kabeldefekts „ewig“ dauerte. Danach merkten sie, dass einige
       Biere plötzlich verschwunden waren. Auch Bens Motorradhelm fehlte.
       Irgendwelche „Arsim“, Hebräisch für „Atzen“, hätten sich während ihrer
       Aktion am Ladeninneren zu schaffen gemacht.
       
       Damit nicht auch noch teure Weine und weiteres Inventar verschwanden,
       entschieden die Freunde, die Nacht auf einer Bank vor dem Restaurant zu
       verbringen und Schmiere zu stehen. Sie holten die restlichen Bierflaschen
       aus dem Kühlschrank, öffneten sie und drehten sich hin und wieder eine
       Zigarette. „Als die Polizei endlich kam, meinte einer zu uns: ‚So ist das
       Leben‘“, erzählt Asaf. „Ich habe geantwortet: Nein, so ist das Leben in
       Israel.“
       
       ## Bibi könnte nun die nächsten Wahlen gewinnen
       
       „Ich hoffe, es kommt den Iranern zugute und dass sie nun ein Leben in
       Frieden führen können“, sagt Asaf. Doch die Regierung Netanjahu habe nicht
       die „moralische Überlegenheit“, die einen solchen Anschlag rechtfertigen
       würde. „Diese Regierung will, dass Iran mehr so wird wie Israel, während
       sie hier alles dafür tun, dass Israel mehr so wird wie Iran.“
       
       Der Restaurantbetreiber fürchtet nun, dass Netanjahu durch den Angriff auf
       Iran und die Tötung seines obersten Führers im eigenen Land noch beliebter
       werden könnte. Vielleicht wird er die Wahl Ende Oktober sogar gewinnen.
       „Diese Bande korrupter Politiker und Fanatiker zerstört das Land“, ärgert
       sich Asaf.
       
       Asaf Regev hat einen deutschen Pass. Einer seiner Großväter floh aus
       Breslau vor der Shoa, der andere aus Leipzig. Sein ungarischer Urgroßvater
       war in Theresienstadt. Dennoch spielt er, wie viele Israelis mit doppelter
       Staatsbürgerschaft, mit dem Gedanken, das Land zu verlassen. „Es ist immer
       dasselbe Dilemma: Verlasse ich meine Familie, meine Sprache, meine Gegend,
       nur um irgendwo zu leben, wo es sicherer und progressiver ist?“
       
       Gerade will Asaf aber nicht an Umzug denken. Räumungsarbeiter tragen die
       Holzbalken auf eine Ladefläche. Sie ziehen an einem der Fensterrahmen, der
       krachend zu Boden fällt und auf dem Weg dorthin einen dänischen
       Vintage-Stuhl zerschmettert – Asafs panischer Warnrufe zum Trotz. „Das ist
       jetzt auch egal.“
       
       ## Shit happens
       
       Vor dem Geschäft versammeln sich Schaulustige. Manche machen Fotos, andere
       fragen, wie sie helfen können. Ob sie ihm eine Flasche Wein abkaufen
       dürfen.
       
       „Am Ende ist das alles hier nur materieller Schaden, nur Geld“, sagt Asaf.
       Viel schlimmer gehe es den Menschen, die beim Raketenangriff ihre Wohnung
       verloren haben. Oder, wie die 32-jährige Philippinerin, ihr Leben. „Ich
       sollte mich wirklich nicht aufregen. Sowas passiert andauernd in Israel,
       und meine Freunde helfen mir ja“, sagt Asaf. „Shit happens.“
       
       Hinweis: Im Text fand sich eine falsche Angabe zur Herkunft des
       Urgroßvaters. Das haben wir korrigiert.
       
       1 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Léonardo Kahn
       
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