# taz.de -- Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes: Windkraftpionier wirft Reiche Interessenkonflikt vor
> Die Erneuerbaren-Branche kritisiert, die Wirtschaftsministerin stehe dem
> Eon-Konzern zu nahe. Ihr Gesetzentwurf bremse Dachsolaranlagen aus.
(IMG) Bild: Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, war fünf Jahre lang Managerin bei der Eon-Tochter Westenergie
Darf man als Bundesministerin die Partikularinteressen eines Konzerns
vertreten? Diesen Vorwurf erheben Vertreter aus der Branche der
Erneuerbaren Energien gegenüber Wirtschaftsministerin Katherina Reiche
(CDU). „Birnbaum fordert, Reiche liefert“, erklärt Johannes Lackmann,
Windkraftpionier und bis 2008 neun Jahre lang Präsident des Bundesverbandes
Erneuerbare Energie (BEE) unter Bezug auf Leonhard Birnbaum, den Chef von
Eon, einem der mächtigsten Energiekonzerne Europas.
In der Süddeutschen Zeitung hatte der Eon-Chef Ende 2025 gefordert, den
Ausbau von Wind- und Solarkraft „entlang des tatsächlichen Bedarfs und an
der richtigen Stelle“ zu organisieren. Nun ist der Entwurf zum neuen
„Erneuerbare-Energien-Gesetz“ aus dem Hause Reiche publik geworden, und der
liest sich ganz im Sinne des Eon-Chefs: Solaranlagen bis 25 Kilowatt
Leistung sollen künftig keine feste Einspeisevergütung mehr bekommen. Zudem
soll solchen Anlagen die Möglichkeit gestrichen werden, überhaupt noch
Strom ins Netz einzuspeisen.
„Wenn der Gesetzentwurf so umgesetzt wird, kommt der Ausbau der
Photovoltaik ‚an der richtigen Stelle‘ ganz im Sinne ‚des tatsächlichen
Bedarfs‘ von Eon zum Erliegen“, so Lackmann zur taz. Das
Wirtschaftsministerium wies den Vorwurf „entschieden“ zurück. „In der
Bundesregierung gelten klare Regeln zur Vermeidung von Interessenkonflikten
und zur Einhaltung der geltenden Compliance-Vorgaben. Diese werden
selbstverständlich beachtet“, schrieb ein Sprecher der taz.
Es geht um die kleinen Dachanlagen, die üblicherweise von Privatpersonen
aufs Eigenheim gebaut werden: Die Mehrzahl der aktuell 5,7 Millionen
Photovoltaik‑Anlagen in Deutschland sind solche, sie waren wesentlicher
Treiber der technologischen Entwicklung. Mit diesem „Wildwuchs“ will der
Gesetzentwurf jetzt Schluss machen: „Um die Kosteneffizienz des Ausbaus der
Solarenergie zu stärken, wird zukünftig ein stärkerer Fokus auf
kostengünstige Freiflächenanlagen gelegt“, heißt es dort.
Freiflächenanlagen werden in der Regel von Investoren gebaut, Eon ist in
dieses Geschäft eingestiegen, baut aktuell beispielsweise im
baden-württembergischen Giengen an der Brenz einen Solarpark mit 11
Megawatt Leistung.
## „Wie ein Ei dem anderen“
Lackmann ist nicht der Einzige, der solche Vorwürfe gegen Reiche erhebt.
„Eon hat für das Land Mecklenburg-Vorpommern einen Entwurf für den
Netzausbau vorgelegt, Reiches ‚Netzpaket‘ gleicht diesem wie ein Ei dem
anderen“, sagte ein mit dem Thema befasster Experte der taz. Der Mitte
Februar geleakte Gesetzentwurf zum Netzausbau sieht unter anderem vor, den
Erneuerbaren überall dort keine Anschlussgarantie mehr zu geben, wo 3
Prozent des produzierten Stroms „abgeregelt“ werden müssen. Dies ist dann
der Fall, wenn zu viel Sonnen- oder Windstrom ins Netz drückt. Das wird
auch für Laien sichtbar, wenn manche Windräder stillstehen, andere sich
aber drehen.
Allerdings: Die Netzbetreiber müssen nach Energiewirtschaftsrecht überhaupt
erst ab dieser 3-Prozent-Schwelle in den Ausbau investieren. Würde diese
Regelung in Kraft treten, wäre praktisch nirgendwo in Deutschland mehr
sicher, dass ein geplantes Windrad seinen von ihm produzierten Strom ins
Netz einspeisen darf.
Lackmann wandte sich in einem offenen Brief direkt an Eon-Chef Birnbaum:
„Wenn man seine frühere Mitarbeiterin erfolgreich als Wirtschaftsministerin
platziert hat, fällt es natürlich erstmal leicht, unverschämte Forderungen
in den Raum zu stellen.“ Reiche war bis zu ihrer Rückkehr in die Politik
fünf Jahre lang Managerin bei der Eon-Tochter Westenergie. „Die Netze haben
eine dienende Funktion – sie müssen dem Bedarf der Menschen und der
Wirtschaft folgen, nicht umgekehrt“, schrieb Lackmann. Jahrelang habe Eon
den Netzausbau verschleppt.
Statt dafür die Verantwortung zu übernehmen, versuche Birnbaum jetzt, die
Schuld an die Betreiber von Wind- und Solarkraftwerken weiterzureichen.
Nach Angaben des bündnisgrünen Energiepolitikers Michael Kellner gab es
seit ihrem Amtsantritt neun Treffen zwischen Reiche und Leonhard Birnbaum
sowie anderen Eon-Vertretern und Vertretern des
Bundeswirtschaftsministeriums.
## Alte Arbeitgeber, neue Entwürfe
„Katherina Reiche ist nicht die Richtige, um die Energiewende zu gestalten.
Sie will lieber ihren alten Arbeitgebern dienen“, urteilt Sven Giegold.
Allerdings vermutet der Vize-Vorsitzende der Grünen einen strategischen
Schachzug hinter den Leaks aus dem Bundeswirtschaftsministerium: „Der
Entwurf ist ein Bremsgesetz.“
Natürlich könnten im parlamentarischen Verfahren die schlimmsten Punkte des
Gesetzentwurfes abgemildert werden. „Wenn Deutschland sein Ziel – 80
Prozent Erneuerbare bis 2030 – schaffen will, brauchen wir ein
Beschleunigungsgesetz“, so Giegold, der in der Ampel Staatssekretär im
Bundeswirtschaftsministerium war. Seine Forderung: „Wir dürfen Katherina
Reiche nicht auf den Leim gehen!“
1 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
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