# taz.de -- 600 Bürgermeister*innen befragt: Energiewende im Reallabor
> Der Wille zur Wende ist in den meisten Gemeinden da – doch leider gibt es
> auch strukturelle Hindernisse. Welche das sind, zeigt eine neue Umfrage.
(IMG) Bild: Die Gemeinden sind willig, doch der Strom ist schwach
Auch wenn die Bundesregierung einen anderen Eindruck vermittelt: Die
Energiewende ist in der Praxis längst ins Rollen gekommen. Zu dem Schluss
kommt eine Umfrage der Initiative Klimaneutral Deutschland (IKND) und dem
Verein Heimatwurzeln. 609 Bürgermeister*innen aus ganz Deutschland
haben in der Umfrage praktische Einblicke in die Fortschritte und
Hindernisse bei Energiewende, Wärme, Mobilität und Klimaanpassung gegeben.
„Die Kommunen sind sehr tatkräftig am Werk. In nahezu allen Bereichen
werden Projekte umgesetzt oder sind in Planung“, sagte Clara Mewes von der
IKND. Darüber hinaus sei der Wille zur Umsetzung der Energiewende über alle
Gemeindegrößen hinweg vorhanden – und damit eine der wichtigsten
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wende.
Ein Hindernis sei hingegen die Finanzlage: Fast drei von vier
Bürgermeister*innen beschreiben die Haushaltslage ihres Orts als
angespannt. 63 Prozent der Befragten sagten, dass vor allem
Pauschalförderungen oder vereinfachte Kofinanzierungen Abhilfe schaffen
könnten.
Ein weiteres grundlegendes Problem, das laut Mewes alle Kommunen „von Ost
nach West, von Nord nach Süd“ vereint, [1][bleibt der Netzausbau]. 97
Prozent der befragten Bürgermeister*innen sehen hier eine
Herausforderung, vor allem durch fehlende Kapazität und lange
Bearbeitungszeiten.
## Kurs der Bundesregierung hilft nicht
„Strom haben wir genug, aber wir bekommen ihn zur entscheidenden Zeit nicht
an den Ort, wo er benötigt wird“, so Tobias Averbeck (CDU). Seit 2013 ist
er Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Bakum, die er liebevoll ein
„kleines Reallabor“ für erneuerbare Energieprojekte nennt.
Ansätze der Bundesregierung, etwa das Erneuerbare-Energien-Gesetz oder das
[2][Netzpaket], stellen laut Averbeck keine Lösung dar, sondern bewirkten
das Gegenteil: „Wenn weniger erneuerbare Energie-Projekte entstehen, habe
ich weniger Leistung, die ich der Wirtschaft zur Verfügung stellen kann.“
Eine weitere Komplikation: die Unzuverlässigkeit politischer
Entscheidungen. Das berichtet Anita Maaß (FDP), die seit 21 Jahren
Bürgermeisterin im sächsischen Lommatzsch ist. [3][Ein Richtungswechsel
alle vier Jahre] gestalte die Projektumsetzung als schwierig. Unternehmen
und Verantwortungsträger vor Ort bräuchten klare Planungssicherheit für die
Investition in Erneuerbare.
Maaß und Averbeck sind sich einig, dass die Kommunikation zwischen
Gemeinden und Bundesregierung, zwischen Praxis und Theorie, eine
Schwachstelle ist. Der Dialog mit Berlin würde durch die Landesebene
gefiltert – und zwar so stark, „dass alles sehr weich formuliert wird“, so
Averbeck.
Die Umfrageergebnisse direkt der Bundesregierung zu spiegeln, sei nun ein
wichtiger nächster Schritt. Eine Stellungnahme des Bundesministeriums für
Wirtschaft und Energie zu der Umfrage ging bis Redaktionsschluss nicht bei
der taz ein.
29 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Erneuerbare-Energien/!6165048
(DIR) [2] /Netzpaket-der-Bundesregierung/!6153458
(DIR) [3] /Zurueck-ins-fossile-Zeitalter/!6173295
## AUTOREN
(DIR) Evke Bakker
## TAGS
(DIR) Transformation
(DIR) Energiewende
(DIR) Bürgermeister
(DIR) Energiewende in Gefahr
(DIR) Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ausbau der Erneuerbaren in Gefahr: Reiche forciert Pläne für Energiewende-Reform
Die Ministerin gibt die Entwürfe für zwei umstrittene Vorhaben ans
Kanzleramt weiter. Erneuerbaren-Branche und Grüne fürchten eine
Ausbaubremse.
(DIR) Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes: Windkraftpionier wirft Reiche Interessenkonflikt vor
Die Erneuerbaren-Branche kritisiert, die Wirtschaftsministerin stehe dem
Eon-Konzern zu nahe. Ihr Gesetzentwurf bremse Dachsolaranlagen aus.
(DIR) Energiewende in Schleswig-Holstein: Windkraft-Boom trotz Gegenwind aus Berlin
Schleswig-Holstein will schon 2040 klimaneutral sein. Auf der Fachmesse
„Powernet“ debattieren 600 Experten darüber, welche Hürden es dabei noch
gibt.