# taz.de -- Was von Jürgen Habermas bleibt: Krise als Normalzustand
       
       > Jürgen Habermas glaubte an die Vernunft. Die Moderne sah er als
       > krisenhaft an – ein unfertiges Projekt. Und die Neuen Medien als
       > revolutionär.
       
 (IMG) Bild: Bis ins hohe Alter bewahrte er sich einen scharfen Blick: Habermas verglich zuletzt die Neuen Medien mit dem Buchdruck
       
       Es herrscht immer Krise, in all seinen Schriften. Die traditionellen
       Weltbilder lösen sich auf, was zu Freiheitsgewinnen für die Menschen führt,
       aber verbindliche Verständigung prekär werden lässt. Die Lebenswelt ist für
       [1][Jürgen Habermas] stets bedroht von der Macht der Wirtschaft und der
       Politik – weshalb alle Stellungnahmen nach seinem Tod, die ihn wie einen
       verfassungspatriotischen Liberalen erscheinen lassen, zu kurz greifen. Ohne
       systemische Kapitalismuskritik war Habermas nicht zu haben.
       
       Das Denken in Krisen hatte er keinesfalls exklusiv. Seine Analysen basieren
       auf der Diagnose, dass die Moderne selbst krisenhaft strukturiert ist. Er
       sagte „unvollendetes Projekt“ dazu. Was sein Denken aber besonders macht,
       ist, wie beharrlich er dabei an der [2][Kraft der Vernunft] festhielt.
       Handfest mischte er sich ein – und lag dabei öfter daneben.
       
       Zur Wiedervereinigung und zuletzt zum Ukrainekrieg kam von ihm wenig
       Hilfreiches. Darüber hinaus rekonstruierte er die gesellschaftlichen
       Bedingungen des Diskurses selbst. Dabei vertraute er unbeirrt auf die
       Möglichkeit vernünftiger Kommunikation, so verschüttet sie in der
       gesellschaftlichen Realität auch erscheinen mag. Für ihn ist Verständigung
       in die Sprache selbst eingebaut.
       
       Wird dieser Aspekt seines Werkes bleiben? Dass er sich den idealen Diskurs
       in etwa wie ein universitäres Hauptseminar vorstellte, mag fragwürdig sein.
       Aber auf jeden Fall kann man von seiner Theorie aus sehen, wie kaputt eine
       Öffentlichkeit ist, in der Milliardäre Zeitungen und soziale Medien
       schlicht aufkaufen und manipulieren können und in der ultrarechte Strategen
       die Zone mit Shit fluten.
       
       ## So revolutionär wie der Buchdruck
       
       Mit solchen Maßnahmen verhindert die Macht die notwendige freie
       Selbstreflexion innerhalb der modernen Gesellschaften, die für Habermas die
       Voraussetzung für die Emanzipation ihrer Mitglieder darstellt.
       
       Nun kann einen der Zustand der Welt wenig hoffnungsfroh stimmen.
       Verzweiflung war für Habermas dennoch nie eine Option. [3][In einem seiner
       letzten größeren Texte – „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ –
       dachte er über die neuen Medien nach und würdigte deren revolutionäres
       Potenzial]: „Wie der Buchdruck alle zu potenziellen Lesern gemacht hat, so
       macht die Digitalisierung heute alle zu potenziellen Autoren.“ Daran
       schließt er die Frage an: „Aber wie lange hat es gedauert, bis alle lesen
       gelernt hatten?“ Und: „Auch die Autorenrolle muss gelernt werden.“
       
       Das ist er, so war er. Die Strukturen der Öffentlichkeit müssen von
       Machtimperativen befreit werden, und ihre Teilnehmer müssen argumentieren
       lernen. Auf seine Art ist das ein ziemlich radikales Programm.
       
       15 Mar 2026
       
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