# taz.de -- Mutmaßlicher Angriff in Berlin-Neukölln: Der Geschichtenerzähler
       
       > Der Schulleiter Hudhaifa Al-Mashhadani wurde durch einen angeblichen
       > Mordversuch auf ihn bekannt. An seiner Darstellung kommen nun Zweifel
       > auf.
       
 (IMG) Bild: Hat er die Wahrheit gesagt? Schulleiter Hudhaifa Al-Mashhadani auf einem Berliner Bahnsteig
       
       Ende letzten Jahres geriet Berlins berühmter Einwandererbezirk Neukölln mal
       wieder in die Schlagzeilen. Hudhaifa Al-Mashhadani, Direktor der
       Deutsch-Arabischen-Sprachschule Ibn-Khaldun, der sich gegen Islamismus und
       Antisemitismus engagiert, soll knapp [1][einem Mordversuch entgangen sein].
       Ein Unbekannter habe versucht, ihn vor eine einfahrende U-Bahn zu stoßen.
       Als dies misslang, habe der Angreifer, der ein rotes Palästinensertuch
       getragen habe, auf ihn eingeschlagen und ihn, als er in einen Waggon
       geflohen sei, mit dem Tod bedroht, berichtete Al-Mashhadani auf seiner
       Facebook-Seite.
       
       Das schlug Wellen. „Mordanschlag auf Islamismuskritiker“ titelte die FAZ.
       Berlins Bürgermeister Wegner verurteilte „die feige Tat“, der
       Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel, ebenso. In mehreren
       Interviews führte Al-Mashhadani den Angriff als Beleg für die große Gefahr
       an, die in Neukölln von islamistischen und propalästinensischen Gruppen
       ausgehe. Auch [2][in der taz].
       
       In einem Facebook-Post warnte der 45-Jährige später zudem vor einer
       „geheimen Struktur“ mit dem Namen „Armee der Gefährten Mohammeds“, die in
       Berlin aktiv sei – ein Bündnis aus Islamisten und Linksradikalen, dem laut
       seinen Angaben auch Mitglieder der Grünen und der SPD angehören sollen.
       
       Wer ist dieser Mann, den prominente „Islamkritiker“ wie Ahmad Mansour als
       „großartigen Menschen“ loben und der von der Berliner Landespolitik mit
       Preisen überhäuft wird? [3][Neuköllns SPD-Bezirksbürgermeister Hikel]
       zeichnete ihn mit der Ehrennadel seines Bezirks aus, Berlins Regierender
       Bürgermeister mit dem „Band für Mut und Verständigung“ der
       Hauptstadtregion.
       
       ## Zweifel am Lebenslauf
       
       Auf der Website der Ibn-Khaldun-Schule war bis vor wenigen Wochen noch ein
       Dokument mit dem Titel „Lebenslauf Dr. Huthifa“ zu finden. Darin stand, der
       irakische Sohn einer Politikerfamilie habe „sich nach einem abgeschlossenen
       Medizinstudium dem Studium der Politikwissenschaft“ gewidmet, 2010 in
       Bagdad einen Master zum Thema „Abbau extremistischer Gesellschaftsformen“
       erworben und 2014 am renommierten Baker Institute der Rice University in
       Texas promoviert.
       
       Zwischen 2006 und 2008 soll er im irakischen Staatsdienst bei der
       Terrorbekämpfung, später für das US-Außenministerium in Afghanistan
       gearbeitet und von 2014 bis 2016 im irakischen Verteidigungsministerium an
       der Zerschlagung der Terrororganisation IS mitgewirkt haben.
       
       In Interviews erzählte Al-Mashhadani zudem, er habe in Irak als Kandidat
       bei einer Parlamentswahl 170.000 Stimmen erhalten. 2013 sei er jedoch wegen
       proisraelischer Äußerungen inhaftiert, im Gefängnis gefoltert und 2019 in
       seinem Haus in Irak von Islamisten bedroht worden. Deshalb sei er nach
       Deutschland geflohen.
       
       Hier habe ihn seine „medizinische Expertise“ in die Forschungsabteilungen
       des Virchow-Klinikums und des Gesundheitsministeriums geführt, hieß es in
       seinem Lebenslauf. Zudem lehre er deutschlandweit an Hochschulen und stehe
       der Polizei und dem Verfassungsschutz „beratend zur Seite“. In
       Pressemitteilungen seiner Schule gab er sich zudem als Vorsitzender eines
       „Dachverbands von 36 eingetragenen Vereinen“ aus, „die den größten Teil des
       arabischen und kurdischen Spektrums in Berlin repräsentieren“.
       
       Recherchen der taz legen nahe: Zahlreiche Angaben sind falsch oder lassen
       sich nicht unabhängig bestätigen. Auch an seiner Darstellung des
       angeblichen Mordversuchs bestehen erhebliche Zweifel. Zwar will die
       Staatsanwaltschaft „zum Schutz der Ermittlungen“ keine Auskunft erteilen.
       Nach Angaben einer mit den Ermittlungen vertrauten Quelle bei der Polizei
       sollen die Videoaufnahmen der BVG vom Tag der Tat aber keinen tätlichen
       Angriff auf Al-Mashhadani zeigen. Offizielle Angaben dazu gibt es bislang
       nicht. Doch laut Dokumenten, die der taz vorliegen, ermittelt die Polizei
       gegen den Schuldirektor nun sogar wegen „falscher Verdächtigung“.
       
       Weder auf Deutsch, Arabisch noch Englisch lassen sich zudem Belege für
       seinen imposanten Lebenslauf finden. Auf Fragen der taz zum Angriff auf ihn
       und zu seiner akademischen Laufbahn antwortet er nicht, ein persönliches
       Treffen lehnt er ab. Doch nach der ersten Anfrage verschwindet sein
       Lebenslauf von der Webseite der Schule.
       
       Nach Auskunft von Mitarbeitenden der Rice University in den USA vergibt
       deren Baker Institute gar keine Promotionen, und der Name Al-Mashhadani
       lasse sich – auch in unterschiedlichen Schreibweisen – nirgendwo im
       Universitätsarchiv finden. Eine Suche nach einer „National Defense
       University Bagdad“, wo er seinen Master erlangt haben will, führt zu einer
       ähnlich klingenden Militäreinrichtung – jedoch ohne Befugnis, akademische
       Titel zu vergeben.
       
       Auf der Webseite des Bezirksamts Neukölln, das ihm erst im Dezember die
       lokale „Ehrennadel“ verlieh, wird er als „Prof. Dr. phil. Hudhaifa
       Al-Mashhadani“ geführt. Auf Nachfrage zu den Titeln verweist das Bezirksamt
       auf ein Dokument der irakischen Botschaft, das ihm vorliegen soll. Daraus
       gehe hervor, dass ihm die beiden Titel ab 2015 von einer „Universität für
       Verteidigungsstudien“ verliehen worden seien. Das Bezirksamt Neukölln
       weigert sich bislang, der taz eine Kopie des Dokuments auszuhändigen.
       
       Auch die Angaben zu Al-Mashhadanis Karriere im irakischen Staatsapparat
       oder zu seiner Kandidatur lassen sich nicht bestätigen. Das Irakteam von
       Amnesty International weiß auch nichts von der Verhaftung einer Person mit
       seinem Namen. Dafür lebt er offenbar schon seit 2016 in Berlin. Schon 2018
       erscheinen auf einigen arabischen Foren und Nachrichtenseiten Beiträge
       unter seinem Namen – mal mit dem Zusatz „Arabisches Bündnis Berlin“, mal
       mit dem Hinweis auf die Ibn-Khaldun-Schule.
       
       ## Angebliche Nähe zu Sicherheitsbehörden
       
       Die Schule, eine der ältesten arabischen Institutionen in Berlin, wurde von
       1995 bis kurz vor dessen Tod 2023 von dem irakischen Pädagogen Kahtan
       Jassim geleitet. Aus Vereinskreisen heißt es, Al-Mashhadani habe sich nach
       seiner Ankunft in Berlin seinem Landsmann, dem alternden Jassim,
       angenähert. Sein energischer Einsatz habe der Schule, die seit den 1990er
       Jahren an Besucherschwund gelitten habe, neuen Schwung verliehen. 2022
       übernimmt Al-Mashhadani den Vereinsvorsitz.
       
       Im Jahr 2020 organisiert Al-Mashhadani in Berlin in einer Neuköllner Kirche
       ein arabisches Literaturfestival, zu dem auch Bezirksbürgermeister Martin
       Hikel kommt: der Beginn einer Art Freundschaft. Eine Person, die
       Al-Mashahdani damals kannte, berichtet, er habe sich gerühmt, für die
       Innenverwaltung zu arbeiten, und er habe eine angebliche Nähe zu
       Sicherheitsbehörden suggeriert.
       
       Zudem tritt er wiederholt als Sprecher eines ominösen „Deutsch-Arabischen
       Rats“ auf. Aus wem dieser Rat besteht – außer aus Vereinen, die er selbst
       führt –, ist unklar. Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport erklärt auf
       Nachfrage, dass Al-Mashhadani weder für sie noch für „eine ihrer
       nachgeordneten Behörden gearbeitet oder diese beraten“ habe.
       
       [4][Nach dem 7. Oktober 2023], als Israel nach dem Angriff der Hamas den
       Krieg im Gazastreifen beginnt, veröffentlicht das Bezirksamt Neukölln eine
       „[5][Erklärung der Neuköllner Zivilgesellschaft]“, die den Terrorangriff
       der Hamas verurteilt, zum bereits begonnenen Bombardement des Gazastreifens
       aber kein Wort verliert. Al-Mashhadani ist der einzige arabische Name auf
       der Liste der Unterzeichner. Hinzu kommen arabische Vereine, von denen
       einige gar nicht oder zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existieren. Böse
       Zungen behaupten, deren Unterschriften stammten alle von Al-Mashhadani.
       
       Im April 2024 nehmen Al-Mashhadani und einige seiner Schüler im Neuköllner
       Rathaus an einer von der israelischen Botschaft organisierten Begegnung mit
       „Jugendbotschaftern“ aus Israel teil. Seitdem soll er Drohungen erhalten
       haben. Die Polizei bestätigt der taz, dass im Zusammenhang mit der Schule
       und deren Leiter bis Ende 2025 vier Anzeigen wegen Sachbeschädigung sowie
       zwei wegen Bedrohungen aufgenommen wurden.
       
       ## Weg in die Öffentlichkeit
       
       Ab diesem Moment wird Al-Mashhadani zu einer öffentlichen Person, und
       seitdem steht die Schule unter Polizeischutz. Medien interessieren sich
       immer mehr für ihn, und immer mehr Politiker besuchen ihn und seine Schule.
       Für ein Schulprojekt erhält er mehr als 50.000 Euro aus dem
       Antisemitismusfonds des Berliner Senats.
       
       Er tritt als Redner bei einer proisraelischen Kundgebung auf und
       veröffentlicht in den sozialen Medien regelmäßig längere Stellungnahmen
       unter seinem Namen, im Namen seiner Schule oder des „Deutsch-Arabischen
       Rats“. Darin begrüßt er die „neue israelische Ära“ im Nahen Osten oder ruft
       zum Verbot propalästinensischer Veranstaltungen auf. Mehrere dieser Texte
       wirken wie intensiv mit KI bearbeitet und stark theatralisch.
       
       Den angeblichen Angriff auf sich im November 2025 nutzt er ebenfalls zur
       Selbstdarstellung. Die Süddeutsche Zeitung widmet seinem Fall im Dezember
       sogar ihre prominente Reportageseite 3. Darin kolportiert sie ein
       angebliches Telefonat zwischen dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus
       Söder und Al-Mashhadani.
       
       Demnach soll Söder den Schulleiter angerufen, ihm einen Umzug nach Bayern
       empfohlen haben und der Berliner Polizei unterstellt haben, sie schütze ihn
       nicht genug. Das Büro des Ministerpräsidenten erklärt gegenüber der taz, es
       habe „keinerlei Gespräch oder Kontakt“ seitens Söders mit Al-Mashhadani
       gegeben. Inzwischen hat die Süddeutsche Zeitung diese Episode aus der
       Onlineversion ihres Artikels entfernt.
       
       Weitere fragwürdige Aussagen über Al-Mashhadani finden sich aber weiterhin
       in dem Artikel. Auf die Frage, ob und wie die Süddeutsche Zeitung seine
       Angaben vorab überprüft habe, verweist der Autor des Artikels, Thorsten
       Schmitz, darauf, sie seien „sorgfältig recherchiert“ und mit dem Lebenslauf
       auf der Schulwebseite „abgeglichen“ worden – dem aufgeblähten Lebenslauf,
       der nach der ersten kritischen Anfrage der taz entfernt wurde.
       
       Doch nicht nur der Autor könnte einem Hochstapler aufgesessen sein. Am Ende
       waren die vielen Übertreibungen Al-Mashhadanis wohl vor allem eines: zu
       nützlich für jene, die ihn brauchten.
       
       3 Mar 2026
       
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