# taz.de -- Dammbruch im brasilianischen Brumadinho: Verbrechen oder Tragödie
       
       > Die Schlammlawine war eine der größten Katastrophen Brasiliens. Nun läuft
       > ein neuer Gerichtsprozess. Auch eine deutsche Firma ist angeklagt.
       
 (IMG) Bild: Der Tag nach dem Unglück im Januar 2019: Der Schlamm hat vielen Menschen Angehörige und Heimat genommen und die Umwelt vergiftet
       
       Sieben Jahre nach dem Dammbruch von Brumadinho in Brasilien muss das
       Oberste Bundesgericht Brasiliens entscheiden, ob der Vorfall eine Tragödie
       oder ein Verbrechen gewesen ist. Vor Sitzungseröffnung versammelten sich
       Angehörige von Opfern vor dem Gerichtsgebäude zum gemeinsamen Gebet und der
       Forderung nach Gerechtigkeit. Im Gerichtsgebäude ist für sie eine
       Anlaufstelle eingerichtet, wo sie medizinische und psychologische
       Betreuung, Verpflegung und Ruhezonen vorfinden.
       
       [1][Im Jahr 2019] hat eine mit 80 Stundenkilometern rasende Lawine aus
       Millionen Kubikmetern giftigen Schlamms 272 Menschen im brasilianischen
       Brumadinho in den Tod gerissen, Häuser zerstört und den Fluss Paraopeba
       vergiftet. Der Dammbruch des Rückhaltebeckens [2][der Bergbaugesellschaft
       Vale do Rio Doce] gilt in Brasilien als eine der größten humanitären und
       ökologischen Katastrophen aller Zeiten.
       
       Angeklagt sind 17 Personen, ehemalige Führungskräfte, Manager und
       Ingenieure von Vale sowie Mitarbeiter einer Tochterfirma des deutschen Tüv
       Süd, die dem Damm noch wenige Monate vor dem Unfall Stabilität bescheinigt
       hatte. Die Vorwürfe lauten unter anderem auf vorsätzlichen Mord. Für den
       Prozess sind 76 Verhandlungstage angesetzt, in deren Verlauf Opfer,
       Fachleute und Angeklagte angehört werden sollen. Er begann am Montag in
       Belo Horizonte im Südosten Brasiliens und wird voraussichtlich bis Mai
       dauern.
       
       Der Anwalt und Menschenrechtsaktivist Danilo Chammas vertritt die
       Vereinigung von Angehörigen der Opfer. „Untersuchungen haben erwiesen, dass
       das Risiko bekannt war und öffentlich gemacht werden konnte“, erklärt er.
       „Den Verantwortlichen war sogar bekannt, wo im Falle eines Dammbruchs die
       Schlammmassen entlangfließen würden – unter anderem zur Kantine und zu
       Unterkünften. Es wäre also möglich gewesen, wenn schon nicht den Bruch zu
       verhindern, so doch die Schäden zu verringern.“
       
       ## Tüv Süd weist Verantwortung für den Dammbruch von sich
       
       Es gebe zudem Aussagen von Ingenieuren, die eine Zertifizierung des Dammes
       abgelehnt hatten, bevor Tüv Süd sie vornahm. Tüv Süd [3][weist bisher
       jegliche Verantwortung für den Dammbruch von sich], die
       Sicherheitsbescheinigung sei aufgrund sorgfältiger Prüfung und der in
       Brasilien geltenden Richtlinien erfolgt. Die brasilianische
       Staatsanwaltschaft geht hingegen davon aus, dass Vale die Zertifizierer
       unter Druck gesetzt hat und diese dem Druck nachgaben, um eventuelle
       Folgeaufträge nicht aufs Spiel zu setzen.
       
       Die zivilrechtliche Verantwortung der Bergbaugesellschaft ist bereits seit
       Jahren geklärt. Vale unterzeichnete 2021 eine Vereinbarung, nach der sie
       verpflichtet ist, 37,5 Milliarden brasilianische Real Schadenersatz zu
       zahlen – umgerechnet sind das rund 6,14 Milliarden Euro. Die sollen für
       Infrastrukturprojekte, Verdienstausfallzahlungen und andere kollektive
       Entschädigungen eingesetzt werden.
       
       Kriminalrechtliche Verantwortung lehnt das Unternehmen jedoch ab. „Für die
       Angehörigen der Opfer hat die kriminalrechtliche Verurteilung aber
       Priorität“, betont Anwalt Chammas. „Nur so kann eine Verhaltensänderung der
       Bergbauunternehmern bewirkt werden.“
       
       Am ersten Prozesstag wurden in Belo Horizonte drei Angehörige von Opfern
       angehört. Sie sprachen über ihre Verluste, über den Schmerz, ihre Toten
       nicht würdig bestatten zu können. Im März werden die Fachleute zur
       Zertifizierungsfrage angehört.
       
       „Ich gehe nicht davon aus, dass es Freisprüche geben wird“, sagt Chammas.
       „Dieser Prozess bedeutet sehr viel für uns, denn die Straflosigkeit
       [4][führt zu erneuten Risiken]: Seit August 2025 ist ein anderer
       Bergbaukomplex in Brumadinho aufgrund der gleichen Umweltlizenz aus dem
       Jahr 2018 wieder in Betrieb genommen worden, die von der Bundespolizei als
       betrügerisch bezeichnet worden ist.“ Der Anwalt fügt hinzu: „Wo die
       giftigen Rückstände aus diesem Komplex gelagert werden, wissen wir nicht.“
       
       25 Feb 2026
       
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 (DIR) Christine Wollowski
       
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