# taz.de -- Simson-Nachfahre über AfD-Propaganda: „Bizarr, was mit diesem Motorrad passiert“
> Die AfD will das Simson-Moped vereinnahmen. Dagegen wehrt sich ein
> Nachfahre der jüdischen Familie Simson. Und meldet sich aus New York zu
> Wort.
(IMG) Bild: Rechtsextremist mit Simson: Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke im Wahlkampf
taz: Herr Baum, [1][die AfD nutzt das Kult-Moped] schon seit ein paar
Jahren für sich – fordert beispielsweise „Simson statt Lastenrad“. Nun
haben Sie sich zum ersten Mal geäußert und gesagt, Sie empfänden jegliche
Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung des Namens
Ihrer Familie. Warum erst jetzt?
Dennis Baum: Mir haben Freunde aus Deutschland davon erzählt. Sie haben
Videos geschickt, auf denen Menschen T-Shirts tragen, auf denen steht: „AfD
und Simson“ und „Höcke und Simson“. Das Gleiche mit Bannern, Plakaten und
Fahnen. Das hat mich wirklich schockiert. Ich lehne extremistische
Ideologien entschieden ab und akzeptiere nicht, dass die AfD sich unseren
Namen aneignet. Ironischerweise eine antisemitische Partei.
taz: Was erhoffen Sie sich von Ihrem Protest?
Baum: Ich halte es für wichtig, dass wir auf jüngere Leute in der AfD
zugehen, damit sie verstehen, woher wir kommen. Wir sind stolz auf unseren
Namen. Und dazu gehört ganz sicher nicht Antisemitismus,
Einwanderungsfeindlichkeit oder jüdische Erinnerungskultur abzulehnen – wie
das zum Beispiel Höcke tut.
taz: Der [2][rechtsextreme Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke] lässt sich
gern auf der Simson ablichten. Er entgegnete auf Ihre Kritik: „Die Nutzung
von Alltagsobjekten als 'Vereinnahmung’ zu deuten, ersetzt Argumente durch
Symbolhysterie.“ Was entgegnen Sie?
Baum: Die Antwort von Höcke verdient keine ernsthafte Beachtung. Auf beiden
Seiten des Ozeans gibt es immer mehr Lügen, die Politiker verbreiten. Das
ist absoluter Müll.
taz: Die Motorräder haben in weiten Teilen Ostdeutschlands Kultstatus. Die
AfD wollte die Simson im sächsischen Landtag sogar zum immateriellen
Kulturerbe erklären lassen. Das hat der Landtag abgelehnt. Wie finden Sie
den Vorschlag?
Baum: Nostalgie ist erstmal nichts Schlechtes. Ich habe kein Problem damit.
Es ist irgendwie bizarr, was mit diesem Motorrad passiert ist, dass es so
berühmt geworden ist. Es ist fast schon eine Art Ehre. Aber man sollte den
Namen Simson aus der Politik heraushalten, insbesondere aus rechtsextremer
Politik.
taz: Sie haben eine bewegte Familiengeschichte: 1856 gründete ihre Familie
im thüringischen Suhl Simson & Co, eine Waffenfabrik. Nach der
Machtübernahme enteigneten die Nazis Ihre Familie. Sie floh 1936 in die USA
und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. Wie wurde nach der Flucht über
die Firma und die Vergangenheit gesprochen?
Baum: Vor dem Fall der Mauer 1989 wusste ich, dass es die Simson Werke gab
und was sie hergestellt hatten. Aber ich wusste nicht viel über die
Details.
taz: In der DDR produzierte das Werk unter anderem Mopeds – ein
Verkaufsschlager. 1991 übernahm die Treuhand. Ihre Familie hat mehrmals
versucht, die Firma zurückzukaufen, auch Sie. Erfolglos. Die Rechte am
Namen Simson blieben [3][bei der Treuhand] und dem Nachfolger GESA. Was hat
sich dann verändert?
Baum: Als die Mauer fiel, wurde es fast zu einer Obsession: Wir mussten
nach Deutschland zurückgehen und mit der Treuhand verhandeln. Wir konnten
einen großen Teil unseres Besitzes zurückbekommen. Wir hatten Fabriken,
Häuser und sogar Kleingärten – nur nicht das Werk. Ich dachte, damit ist
alles erledigt. Und so endet die Geschichte von Simson. Aber dann kamen
diese Videos von Höcke.
taz: Der ältere Teil Ihrer Familie war nach der Flucht nie mehr in
Deutschland. Sie sind der Großneffe des letzten Eigentümers. Im Jahr 2000
waren Sie in Deutschland. Wie war das?
Baum: Ich war sogar sehr, sehr oft in Deutschland – auch geschäftlich. Ich
habe mich in Deutschland immer wohlgefühlt. Ich habe deutsche Eltern. Sie
haben sich in den USA kennengelernt, ich wurde 1944 geboren. Ich bin bis zu
einem gewissen Grad wie ein deutsches Kind aufgewachsen. Irgendwann wurde
meine Großmutter schwerhörig – sie konnte Deutsch besser verstehen als
Englisch. Also habe ich Deutsch gelernt und mich meistens auf Deutsch mit
ihr unterhalten.
taz: Sind Sie selbst mal eine Simson gefahren?
Baum: Nein. (lacht)
taz: Aber Sie haben einen ganzen Simson-Raum zu Hause.
Baum: Der Simson-Raum ist für all unsere Erinnerungen. Ich finde es
wichtig, seine Wurzeln zu kennen und sie für die nächste Generation zu
bewahren. Und ich bin sehr stolz, wenn ich jemanden zeigen kann, was die
Simsons geleistet haben.
taz: Was ist in dem Raum?
Baum: Dort stehen alte Ölgemälde und Fotos der Familie. Ich habe Kataloge
aus den alten Simson-Fabriken und Bücher über Simson. Es hängt auch ein
Brief an der Wand. Den schrieb der örtliche Gauleiter kurz vor Weihnachten
an Hitler und teilte ihm mit, dass er das Simson-Vermögen erworben hat. Und
dass er die Firma in Deutschland zugunsten Hitlers einbringen würde.
27 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kult-Moped-Simson-Nachfahren-der-Unternehmensgruender-wehren-sich-gegen-Vereinnahmung/!6156077
(DIR) [2] /AfD-Wahlkampf-im-Osten/!6027284
(DIR) [3] /Debatte-um-Ostidentitaet/!6029989
## AUTOREN
(DIR) Jana Laborenz
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
(DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Björn Höcke
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Holger Friedrich
(DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
(DIR) Sachsen
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Vetternwirtschaft bei der AfD: Der Staat als Beute
AfD-Abgeordnete beschäftigen Familienangehörige und bedienen sich dafür am
Gemeinwohl. Kritik in den eigenen Reihen dreht sich nur ums Eigene.
(DIR) Neue „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“: Kuschelblatt für klasse Leute
Die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ ist da. Das Blatt bedient eher
Befindlichkeiten, als zu informieren. Ob der Ost-Markt dafür groß genug
ist?
(DIR) Kult-Moped Simson gegen die AfD: Ein Fall von kultureller Aneignung
Die Simson war in der DDR beliebt und ist heute Kult – vor allem unter
Rechten. Jetzt wehrt sich die jüdische Simson-Familie gegen die
Vereinnahmung.
(DIR) Moped-Treffen in Zwickau: Zwischen Pferdestärke und White Power
Im sächsischen Zwickau findet das größte Simson-Treffen Deutschlands statt.
Tuner dort teilen die Liebe zu den Mopeds und zu rechten Ideologien.